Streit über Sprache an Unis Grande Nation soll Englisch sprechen

Bisher galt an Frankreichs Unis das Gesetz: Dozenten müssen auf Französisch unterrichten. Ministerin Geneviève Fioraso will diese Vorschrift nun lockern und löst damit massive Proteste aus. Sprachschützer fürchten um das kulturelle Erbe, Oppositionspolitiker gar um den Einfluss Frankreichs in der Welt.

Ministerin Fioraso: "Herrliche Scheinheiligkeit"
AFP

Ministerin Fioraso: "Herrliche Scheinheiligkeit"


Für viele Franzosen ist ihre Muttersprache heilig. Kein Wunder also, dass ein Vorhaben der französischen Hochschul- und Forschungsministerin Geneviève Fioraso im Land auf wenig Gegenliebe stößt: Die Sozialistin will neben anderen Reformen den staatlichen Universitäten erlauben, Lehrveranstaltungen in englischer Sprache anzubieten. Über diesen Vorschlag berät die Nationalversammlung am Mittwoch, mehrere Hochschulgewerkschaften kündigten deswegen bereits Proteste an.

Die Gesetztesinitiative ist ein Unding für die obersten Sprachwächter Frankreichs, die Mitglieder der altehrwürdigen Académie française. Sie warnten umgehend vor einer "Verarmung und Marginalisierung" der französischen Sprache und forderten die Ministerin auf, ihren Antrag zurückzuziehen.

Es geht noch apokalyptischer: Der populäre Kulturjournalist Bernard Pivot fürchtet, dass Französisch zu einer profanen Alltagssprache werden könnte. "Oder noch schlimmer: zu einer toten Sprache." Ein Verbund namhafter Universitätsprofessoren sieht gar das "Ende der französischen Universalkultur" heraufziehen. Und die Opposition fürchtet gar, dass durch diesen Vorstoß der Einfluss Frankreichs in der Welt schwinden könnte.

Mit ihrem Gesetzesvorhaben will die Ministerin das 1994 beschlossene sogenannte Toubon-Gesetz an die Realität anpassen. Es verbietet bislang bis auf wenige Ausnahmen fremdsprachige Veranstaltungen an den Unis. Ursprünglich sollte das Gesetz sogar die Benutzung von Lehnwörtern, insbesondere von Anglizismen, in ganz Frankreich verbieten, das hatte das Verfassungsgericht allerdings verhindert.

"Let's do it"

Die Ministerin Fioraso sagt, sie wolle französische Unis für ausländische Studenten attraktiver machen und dafür sorgen, dass künftige Forscher die internationale Wissenschaftssprache Englisch besser beherrschen. Doch selbst aus den eigenen Reihen wurde die Ministerin dafür angegangen. So sagte etwa ihr Parteigenosse Pouria Amirshahi, der für die Auslandsfranzosen aus Nord- und Westafrika in der Nationalversammlung sitzt, englische Kurse an den Unis kämen einer Kapitulation gleich. Frankreich vergesse, dass es seine Mission sei, die französische Sprache in der ganzen Welt zu verteidigen.

Fioraso selbst hält die Aufregung über ihren Vorstoß für "herrlich scheinheilig". An den Grandes Ecoles, den Elite-Hochschulen des Landes, werde das Gesetz seit Jahren missachtet, ohne dass jemand etwas dagegen sage. Laut "Le Monde" zeigt eine Untersuchung zudem, dass das Gesetz auch an vielen staatlichen Unis immer wieder umgangen wurde.

So hat Fioraso natürlich auch Fürsprecher: Bildungsminister Vincent Peillon sagte, eine rechtverstandene Frankophonie bedeute nicht, dass sich Frankreich abschotten müsse. Ähnlich sahen es zwölf renommierte Wissenschaftler. In einem offenen Brief in "Le Monde" begrüßten sie die Gesetzesänderung: Die linguistische Abschottung sei ein Hindernis für den wissenschaftlichen Nachwuchs, internationale Anerkennung zu erhalten.

Auch die linksgerichtete Zeitung "Libération" schlug sich auf Fiorasos Seite und plädierte am Dienstag für eine Umsetzung des Gesetzentwurfs mit einer Titelseite auf Englisch ("Teaching in English - Let's do it").

seh



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