Studentenproteste in Frankreich "Legitime Wut"

In ganz Frankreich gehen Studierende auf die Straße, um gegen Geldsorgen zu protestieren. Der Fall eines 22-Jährigen, der sich offenbar aus Verzweiflung anzündete, lässt sie nicht los.

Nach Verzweiflungstat eines 22-Jährigen: Studenten protestieren in Lyon gegen Verarmung
PHILIPPE DESMAZES / AFP

Nach Verzweiflungstat eines 22-Jährigen: Studenten protestieren in Lyon gegen Verarmung

Von , Paris


An den Mauern der Universität Diderot in Paris kleben viele weiße Zettel mit je einem Buchstaben. Zusammen ergeben sie diese Botschaft: "Die Prekarität tötet. Ein Student hat sich selbst verbrannt. Die Jugend ist auf der Straße." Eine Erinnerung an den Fall des 22-jährigen Studenten Anas K., der unter Frankreichs Studierenden für Bestürzung sorgt - und der viele besonders berührt, weil sie unter ganz ähnlichen Problemen leiden.

Maryam Latreche, 24, studiert Japanisch, steht vor der Universitätsmauer und spricht über Anas K.: "Einerseits ist sein Fall besonders. Er ist zweimal durchgefallen", sagt sie. "Das ist mir nicht passiert." Andererseits habe sie zweimal das Studienfach gewechselt und deshalb ihr Stipendium verloren, so wie er. "Deshalb fühle ich mich seinem Fall auch sehr nah."

Am 8. November hatte sich Anas K. vor seiner Universität in Lyon selbst in Brand gesteckt, seitdem liegt er im Koma. Was ihn zu der Verzweiflungstat trieb, hatte er zuvor auf Facebook erklärt. Es ging um finanzielle Nöte: "Dieses Jahr hatte ich kein Stipendium mehr, und selbst als ich es hatte - sind 450 Euro genug zum Leben?" schrieb Anas K. in seinem Abschiedsbrief.

Landesweiter Aktionstag gegen Verarmung

Neu ist das Problem der Studentenarmut in Frankreich nicht. Schon im Jahr 2015 stellte eine Studie fest: Fast 20 Prozent aller französischen Studierenden leben unter der Armutsgrenze. Der Fall Anas K. hat die Misere schmerzlich ins Bewusstsein gerückt - und massive Proteste ausgelöst, die zu einer neuen Studentenbewegung in Frankreich führen könnten.

Bereits wenige Tage, nachdem Anas K. sich angezündet hatte, versammelten sich zahlreiche Studierende in mehreren Städten, um gegen die empfundene finanzielle Unsicherheit und Frankreichs Bildungspolitik zu demonstrieren. Teilweise kam es zu Gewalt. In Paris wurde das Tor des Hochschulministeriums zerstört. In Lille stürmten Studierende einen Hörsaal, in dem Ex-Präsident François Hollande einen Vortrag halten wollte.

Studentenproteste in Lyon am 12. November: Protest gegen Verarmung
PHILIPPE DESMAZES / AFP

Studentenproteste in Lyon am 12. November: Protest gegen Verarmung

Diesen Dienstag nun haben fast alle namhaften französischen Studentenorganisationen zu einem nationalen Aktionstag gegen die Verarmung von Studenten erklärt. Der 23-jährige Étienne Marq, der mit Maryam Japanisch studiert, will dann dabei sein: "Vielleicht haben wir die Notlage von manchen unterschätzt. Auf jeden Fall müssen wir jetzt etwas für Anas tun."

Mit 887 Euro müssen französische Studierende nach Angaben der Nationalen Beobachtungsstelle für das Studentenleben (OVE) durchschnittlich im Monat auskommen. 80 Prozent werden von ihren Eltern finanziell unterstützt - aber in sehr unterschiedlicher Höhe.

Jeder Vierte bekommt ein Stipendium

Die 10 Prozent der Studierenden, deren Eltern am wenigsten verdienen, bekommen im Schnitt nur 108 Euro monatliche Unterstützung von zu Hause. Knapp die Hälfte der Studierenden arbeitet deshalb neben dem Studium, 9 Prozent mehr als noch Anfang der Nullerjahre. Etwa jeder vierte Student kann auf ein staatliches Stipendium wie Anas K. in seinen ersten Studienjahren zurückgreifen. Das betrifft rund 700.000 junge Menschen in Frankreich.

Die Höhe dieses Stipendiums reicht bis zu 5612 Euro im Jahr, im August wurden die Beträge um 1,1 Prozent erhöht, zuvor drei Jahre lang gar nicht. Auch dagegen richten sich die Proteste.

Alle Studentenorganisationen fordern, dass die Stipendien erhöht werden, dass mehr Studierende davon profitieren - und die Regeln gelockert werden, damit Studierende die staatliche Unterstützung nicht mehr so schnell verlieren. So wie Anas K. und Maryam. Sie habe einen Bankkredit aufnehmen müssen, erzählt die Studentin, um überhaupt ihr Leben finanzieren zu können. Die Schulden, die Unsicherheit, ob sie das Geld je zurückzahlen kann, "das belastet mich sehr".

Hochschulministerin Fréderique Vidal lehnt die Forderungen der Studierenden bisher jedoch ab. Sie will stattdessen ein Nottelefon und 60.000 zusätzliche Wohnungen für Studierende einrichten. "Wir geben 5,7 Milliarden Euro im Jahr für Hilfsleistungen für Studenten aus", rechtfertigt sie sich. 15 Millionen davon blieben ungenutzt, weil nicht genug Stipendien beantragt würden. Gespräche mit Studentenorganisationen verliefen bisher ergebnislos.

Eingeständnis von Macron

Dass die Studierenden nach dem tragischen Fall von Anas K. nun auf die Straße ziehen, findet Nathalie Dompnier, Uni-Präsidentin in Lyon, deshalb durchaus verständlich: "Abgesehen von der emotionalen Aufregung gibt es eine legitime Wut der Studenten auf ihre prekären Lebensverhältnisse."

Emmanuel Macron in Amiens: Selfie mit Studentin
CHRISTOPHE ARCHAMBAULT / AFP

Emmanuel Macron in Amiens: Selfie mit Studentin

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte den Selbstverbrennungsversuch von Anas K. kurz nach dem 8. November noch als "speziellen Fall" abgetan. Doch nach den ersten Studentenstreiks in Lyon und Bordeaux schwenkte er um. Am Donnerstag, als Macron in seiner Heimatstadt Amiens eine Rede zur Eröffnung eines neuen Unigebäudes hielt, schlug er ganz andere Töne an.

"Solche Taten sind immer ein Stück weit unerklärlich, aber sie deuten auf Schwierigkeiten der Studenten hin", sagte Macron zum Fall Anas K. "Sie haben echte Probleme, eine Wohnung zu finden, zu heizen und manchmal auch genug zu essen zu kaufen", sagte der Präsident. Ein ungewöhnliches Eingeständnis - und vielleicht der Versuch, Verständnis zu zeigen, um größere Studentenproteste zu verhindern.

"Alle wollen streiken"

Es gilt nicht als unwahrscheinlich, dass sich die Proteste aufs ganze Land ausweiten und Fahrt aufnehmen. "Wir sind ja nicht allein. Studenten, Krankenhauspersonal, Eisenbahner - alle wollen streiken", sagt der Pariser Student Étienne. "Da können auf der Straße viele zusammenkommen."

Für den 5. Dezember ist ein Eisenbahnerstreik angesetzt, eine Woche nach dem Aktionstag der Studenten. Auch in Frankreichs Krankenhäusern legen Mitarbeiter seit Monaten immer wieder ihre Arbeit nieder. Wenn die Studenten sich nun zum Widerstand formieren, ihr Protest Schwung gewinnt und andere mitzieht, ist das ein Szenario, das Macron Beobachtern zufolge massive Sorge bereitet.

"Zwölf Monate nach Beginn der Gelbwestenbewegung ist die Regierung besessen von der Angst vor einem neuen Aufstand", schrieb die Pariser Zeitung "Le Monde" kürzlich. Wie begründet diese Sorge ist, wird sich erst noch zeigen. Die 23-jährige Maryam weiß noch nicht, ob sie am Dienstag mit auf die Straße gehen will: "Eines ist klar, mit den Gelbwesten ist es vorbei. Aber müssen wir deshalb übernehmen?"



insgesamt 16 Beiträge
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helmut.alt 26.11.2019
1. Einzelschicksale von Studenten sind nicht angebracht
Streiks und Gewalttaten zu rechtfertigen. Wenn jemand zweimal die Prüfungen nicht besteht, dann ist diese Person für ein Studium nicht geeignet und sie sollte sich etwas anderes suchen. Sich selbst anzuzünden spricht eher für eigene psychische Probleme und sollte nicht instrumentalisiert werden. Man darf nicht vergessen, dass das Studium in Frankreich, so wie in Deutschland, kostenfrei ist. Andere Länder, wie die USA, verlangen, je nach Uni, bis zu 30000 Dollar pro Semester an Gebühren. An solche soziale Wohltaten gewöhnt man sich offenbar sehr schnell und verlangt dann immer mehr.
mckberlin 26.11.2019
2. Ach ja
Die Regierungen tun nichts für die Menschen nur für Konzerne und reiche jeder soll sein Anteil am Staat tragen
Ostschweiz 26.11.2019
3. Frankreich will es ja so
Niemand investiert in Frankreich und schafft dort Arbeitsplätze - ausser der Staat. Kein Wunder. Die Menschen in Frankreich arbeiten pro Woche weniger, arbeiten im Leben weniger (frühe Pension), sind kaum kündbar und haben viele weitere sozial übertriebene Vorteile im Vergleich zum Rest Europas. Das Resultat sind Schulden und irgendwann dann einmal Kürzungen dieser vielen Extrawürste. Beim geringsten Versuch etwas zu ändern und zu verbessern, steht aber halb Frankreich auf der Strasse und demonstriert. So gehts halt nicht. Ein weiteres Beispiel: Im letzten Urlaub habe ich junge Franzosen getroffen. Sie hätten, weil sie fünf Jahre beim gleichen Arbeitgeber waren, Anrecht auf mehrere Wochen Zusatzurlaub. Während in der Schweiz 4 Wochen als das geseztliche Minimum an Urlaub gelten, sieht es in Frankreich wohl ganz anders aus. Und für 5 Jahre Treue gibts hierzulande kein Zusatzurlaub.
frank57 26.11.2019
4. Macron's Zynismus
gegenüber seine Bürgern ist einfach nur schlimm!
hardeenetwork 26.11.2019
5. Kein Geld = Anzünden?
Dann müssten sich jeden Tag Millionen von Menschen anzünden. Wenn man zwei mal durchfällt kann man darüber nachdenken sich vielleicht vorübergehend der Arbeitswelt zu stellen. Zumindest ein Gedanke wert.
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