Miriam Olbrisch

Franziska Giffeys Dissertation Legal, aber wertlos

Die Bundesfamilienministerin darf ihren Doktorgrad behalten. Das eigentliche Defizit ihrer Dissertation sind allerdings keine schlampigen Quellenangaben, sondern ihr Thema: Giffey schrieb über sich selbst. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.
Familienministerin Franziska Giffey (SPD)

Familienministerin Franziska Giffey (SPD)

Foto: Markus Schreiber/ AP

Noch einmal davon gekommen: Die SPD-Politikerin Franziska Giffey darf ihren Doktortitel behalten, so hat es die Prüfkommission der Freien Universität Berlin nach mehr als acht Monaten Beratung entschieden. Auf rund einem Drittel der Seiten hatten die Plagiatsjäger der Internetplattform Vroniplag Wiki Fehler und nicht ordnungsgemäß gekennzeichnete Zitate gefunden. Sie habe die Arbeit "nach bestem Wissen und Gewissen verfasst", betonte Giffey, nachdem die Vorwürfe bekannt wurden - wobei die Frage, ob jemand bewusst nachlässig arbeitet oder nicht für die Bewertung einer Dissertation selbstverständlich keine Rolle spielt.

Das größte Defizit der Doktorarbeit mit dem Titel "Europas Weg zum Bürger - Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft" liegt allerdings nicht in den schlampigen Quellenangaben, und liegt auch nicht in der Frage, ob die Ministerin nun eine "amerikanische Zitierweise" anwandte, die einige der Unsauberkeiten erklären sollte.

Wem dient eine solche Dissertation?

Das eigentliche Problem ist: Franziska Giffey schrieb eine Doktorarbeit über sich selbst. Sie beleuchtete darin die Beteiligung der Zivilgesellschaft an EU-Politik. Als Untersuchungsgegenstand diente ihr Berlin-Neukölln, wo Giffey als Europabeauftragte arbeitete, als die 266-seitige Schrift berufsbegleitend entstand.

Wem dient eine solche Dissertation? Leistet sie einen Beitrag zur politikwissenschaftlichen Forschung, wie es von einer Doktorarbeit zu erwarten wäre? Das ist mindestens zweifelhaft. Am ehesten nützt sie wohl der Verfasserin, die sich in der Folge mit einem akademischen Titel schmücken darf, der auf ihre Glaubwürdigkeit als Politikerin einzahlen soll. Die Verantwortung liegt dabei allerdings nicht bei der Doktorandin, sondern vor allem bei der verantwortlichen Betreuerin, die diese Arbeit angenommen und durchgewunken hat.

Sicher, Franziska Giffey ist nicht die erste, die auf diese Weise einen Titel erlangt hat: Kristina Schröder, Giffeys Vorgängerin im Amt der Bundesfamilienministerin, reichte 2009 eine Arbeit im Fach Politikwissenschaften ein, Titel: "Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten" - da saß sie schon sieben Jahre lang im Bundestag. Altbundeskanzler Dr.phil. Helmut Kohl schrieb über "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945". Die Recherchen dürften ihm nicht besonders schwergefallen sein. Kohl trat 1946 in die CDU ein, ein Jahr später gründete er in seiner Heimatstadt Ludwigshafen die Junge Union mit. Ex-Außenminister Guido Westerwelle verfasste eine juristische Arbeit über "Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen", die er 1994 fertigstellte. Westerwelle war Gründungsmitglied der Jungen Liberalen und fünf Jahre lang deren Vorsitzender.

Die Hochschule missbraucht

Franziska Giffey ist keine Betrügerin, genauso wenig wie Schröder, Kohl und Westerwelle Betrüger sind. Aber sie alle haben den denkbar einfachsten legalen Weg gewählt, um sich einen Doktortitel auf ihre Visitenkarte drucken zu können - und die Hochschulen damit für ihre Zwecke missbraucht.

Leidtragende sind am Ende die Wissenschaftler: Diejenigen, die wirklich tief in ein Forschungsgebiet eindringen und Jahre damit verbringen, neue Erkenntnisse zu suchen.

Universitäten sollten sich nicht mehr vor den Karren karriereambitionierter Politiker spannen lassen. Lehrstuhlinhaber sollten ausreichend Selbstbewusstsein besitzen, um von Promovierenden einen echten wissenschaftlichen Beitrag einzufordern - egal, wie prominent die angehenden Verfasser sind.

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