Giffeys Doktortitel Plagiatsjäger kritisiert nachsichtige Entscheidung der FU Berlin

Familienministerin Franziska Giffey kommt in ihrer Plagiatsaffäre mit einer Rüge davon. Plagiatsjäger Gerhard Dannemann sagt dem SPIEGEL: Dem milden Urteil fehle die rechtliche Grundlage.

Plagiatsjäger Gerhard Dannemann (Archiv): Rechtliche Grundlage fehlt
Klaus-Dietmar Gabbert/ DPA

Plagiatsjäger Gerhard Dannemann (Archiv): Rechtliche Grundlage fehlt


Ein Plagiatsjäger von VroniPlag Wiki hat Unverständnis über die Entscheidung der Freien Universität geäußert, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) nicht den Doktortitel zu entziehen, sondern sie lediglich zu rügen. Er habe die Berliner Hochschule im Umgang mit Plagiaten bisher strenger erlebt, sagt VroniPlag-Mitstreiter Gerhard Dannemann.

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Heft 45/2019
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Der Wissenschaftler wies auf den hohen politischen Druck hin. Giffey hatte angekündigt, ihr Amt als Familienministerin aufzugeben, hätte sie ihren akademischen Grad verloren. Für die strauchelnde SPD ist sie eine wichtige Personalie. Die 41-Jährige wird im rechten wie im linken Flügel geschätzt und ist eine Hoffnungsträgerin in der Partei.

Für die erteilte Rüge fehlt es nach Dannemanns Einschätzung an einer rechtlichen Grundlage. "Die Rechtsprechung lässt eine solche Rüge zu, wenn das in der Promotionsordnung vermerkt ist", kritisiert der Jurist. Dies sei an der Freien Universität (FU) aber nicht der Fall.

Giffey schrieb "direkt und indirekt über sich selbst"

Giffey promovierte von 2005 bis 2009 im Bereich Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Ihre Dissertation trägt den Titel "Europas Weg zum Bürger - Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft".

Der emeritierte FU-Professor und Sozialwissenschaftler Peter Grottian hat Giffeys Arbeit nicht nur wegen etwaiger Fälschungen kritisiert, sondern wegen mangelnder wissenschaftlicher Distanz: In der Auseinandersetzung mit ihrem Promotionsthema, der Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel von Berlin-Neukölln, habe Giffey als damalige Europabeauftragte von Neukölln "direkt und indirekt über sich selbst" geschrieben, hatte Grottian im April öffentlich moniert. (Einen Kommentar dazu lesen Sie hier.)

"Standards nicht durchgängig beachtet"

Die FU kam bei der Prüfung der Arbeit zu dem Schluss, dass es in der Dissertation zwar Mängel gebe, dass das Gesamtbild der festgestellten Mängel die Entziehung des Doktorgrades aber nicht rechtfertige. Aus Gründen der Verhältnismäßigkeit halte das Präsidium der Universität eine Rüge für geboten. Damit missbillige man, dass Giffey "die Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht durchgängig beachtet" habe. Die FU werde die Rüge in der veröffentlichten Fassung der Dissertation kenntlich machen.

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red



insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
MisterD 01.11.2019
1. Die Entscheidung der FU Berlin...
ist in der Tat vollkommen unverständlich und kann nur politisch motiviert sein. Entweder ist eine Doktorarbeit mit schweren Mängeln erstellt worden, dann ist der Doktortitel abzuerkennen... oder die Arbeit ist weitgehend einwandfrei, das ist bei Frau Giffeys Arbeit nicht der Fall. Eine Rüge zu verteilen, wäre in etwa so, als würde man dem Bankräuber auf die Finger hauen und das Geld darf er behalten... allgemein ist es schockierend, wie viele geisteswissenschaftliche Dissertationen sich als Plagiate entpuppen. Es scheint, als sei Abschreiben und Kopieren in diesen Disziplinen Gang und Gebe...
general_0815 01.11.2019
2. Europas Weg zum Bürger
Anscheinend sind die Inhalte der Dissertation qualitativ nicht hochwertig, oder es hat sie niemand gelesen/verstanden. "Europas Weg zum Bürger - Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft". Davon habe ich den letzten Jahren nichts bemerkt, eher eine Abkehr vom Bürger.
virginia 01.11.2019
3. who cares?
die meisten medizinischen Dissertationen sind noch flacher und niemand regt sich auf. Diese selbsternannten Besserwisser, die offensichtlich nichts anderes zu tun haben, sollten sich mal um wirklich wichtige Dinge kuemmern. Ob Dr, PhD, Dr med, Dr med dent - die heutige Generation kehrt sich einen Dreck darum. Aehnlich wie hier in den USA - ein PhD ist nicht unbedingt ein Aushaengeschild, im Gegenteil, die meisten sehen das eher als Zeitverschwendung an - ausser, man will in die Forschung!
K:F 01.11.2019
4. Die kleinen hängt man
Die Großen lässt man laufen. Die eine bleibt wohl Ministerin, die andere hat auch noch in Europa Karriere gemacht. Eine Schande ist das. Erschlichene Doktortittel bedeuten bessere Jobs. Menschen mit ehrlichen Abschlüssen haben das Nachsehen.
uhu_13 01.11.2019
5. Entscheidungsspielraum
Klar, dem deutschen Gemuet ist so eine Entscheidung in Zwischentoenen zuwieder. Aber in einem Dissertationsberfahren gibt es "Noten/Praedikate". Ueblicherweise werden kleinere Ungenauigkeiten mit einer schlechteren Note bewertet und redaktionell vor Veroeffentlichung korrigiert. Was man damals verschlafen hat, wird jetzt nachgeholt. Ende der Geschichte.
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