Frauencolleges Selbstbewusster ohne Männer

In den USA gibt es 84 Universitäten, unter deren Studenten kein einziger Mann zu finden ist. Die Frauencolleges gelten als Karriere-Sprungbrett für Spitzenpositionen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Von Angelika Fritsche und Veronika Renkes


Madeleine Albright studierte in Wellesley und erhielt am Mount Holyoke College die Ehrendoktorwürde
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Madeleine Albright studierte in Wellesley und erhielt am Mount Holyoke College die Ehrendoktorwürde

Frauencolleges kannte Deborah Wild nach ihrem Abitur nur vom Hörensagen. Eigentlich hatte die damals 20-Jährige gar keine Lust, ihre Studienzeit allein unter Frauen zu verbringen. Doch für sie stand auch fest: "An einer deutschen Massenuniversität wollte ich nicht unter die Räder kommen." Und gegen Begriffe wie "Leistung" und "Eliteförderung" hatte Deborah nichts einzuwenden. So landete sie schließlich doch noch auf einem Frauencollege: Am Mount Holyoke College, zwei Autostunden von Boston entfernt, studierte die gebürtige Bayerin Internationale Beziehungen.

Das Mount Holyoke College ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Es wurde 1837 als erstes der berühmten "Seven Sister Colleges" gegründet und ist somit das älteste Frauencollege in den USA überhaupt. Von Anfang an zog es jede Menge hochbegabter Frauen an.

Berühmte Alumni

Die Liste der Alumni liest sich wie das "Who's who" der amerikanischen Kulturelite: Emily Dickinson, Dichterin mit Weltrang, zählte ebenso zum illustren Kreis der Mount Holyoke-Absolventinnen, wie Julia Phillips, die erste weibliche Produzentin, die einen Oskar einheimste. Nicht zu vergessen Frances Perkins, die als erste Frau Mitglied eines US-Präsidentenkabinetts wurde.

Perkins ist kein Einzelfall. Alle Statistiken zeigen: Absolventinnen von Frauencolleges haben Top-Positionen in einstigen Männerbastionen erstürmt. In Zahlen: Mehr als ein Viertel der weiblichen Kongressabgeordneten und gut ein Drittel der Managerinnen in den Top-1000-Firmen der USA haben ein Frauencollege absolviert. Unter ihnen sind erfolgreiche Frauen wie Hillary Rodham Clinton, Wellesley-College, heute Senatorin des Staates New York; Ex-Außenministerin Madeleine Albright, ebenfalls Wellesley-Absolventin, und Eleanor Roosevelt, die ihrem Präsidentengatten auch ungefragt mit Rat und Tat zur Seite stand.

Woher dieses Selbstvertrauen kommt, erklärt Aylâ Neusel, Präsidentin der Internationalen Frauenuniversität in Hannover: "Frauen und Mädchen benötigen männerfreie Räume, um ihr Leistungspotenzial voll zu entfalten und mehr Selbstbewusstsein entwickeln zu können."

Männerfreie Räume

Eine Herausforderung für die Frauencolleges. Dort lernen Frauen Verantwortung und Führung zu übernehmen. Für Sonja Bischof, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik, ist das das A und O für den beruflichen Aufstieg: "Die Aufstiegsorientierung der Frauen ist immer sehr viel geringer ausgeprägt als die der Männer. Männer, egal wie weit oben sie in der Hierarchie bereits stehen, wollen immer weiter, während Frauen oft auf halbem Wege stehen bleiben." Das - so Bischoff - könne sich nur ändern, wenn Frauen mehr weibliche Vorbilder haben und ihre eigenen Netzwerke aufbauen.

Wie wichtig es ist, Frauen den Rücken zu stärken und gleichzeitig selbstkritisch die eigenen Schwächen zu analysieren, hatten in den siebziger Jahren schon die ehemaligen Harvard-Professorinnen Anne Jardim und Margaret Hennig erkannt. Da sie aus ihrer Harvard-Zeit wussten, wie schwer es für Frauen ist, die Männerbastion "Wirtschaft" zu durchdringen, realisierten sie 1974 am Simmons-College das weltweit erste MBA-Programm (Masters of Business Administration) nur für Frauen. Seitdem haben am 1899 gegründeten Frauencollege über dreitausend Frauen aus aller Welt ihren MBA erworben - mit großem Erfolg. Einige von ihnen stehen heute auf der Top-Liste der 100 mächtigsten Frauen Amerikas.

Keine Angst haben

Auch Deborah Wild war von ihrer Zeit am Frauencollege begeistert. "Meine Erfahrungen am Mount Holyoke College möchte ich nicht missen. Ich habe dort gelernt, keine Angst zu haben, sondern mir etwas zuzutrauen." Was Wild besonders imponiert hat: "Unsere Professorinnen haben niemals gesagt: 'Das kannst du nicht'. Sondern immer: 'Du kannst es, wenn du nur hart genug arbeitest und es wirklich willst.'" Notfalls auch mit Unterstützung der Dozentin: "Wenn mal etwas schief lief, dann haben wir uns gemeinsam hingesetzt und an einer Lösung gearbeitet. Das schafft Selbstvertrauen."

Wie sehr, das zeigen Deborah Wilds weitere berufliche Stationen: Nach vier Jahren Studium verließ sie das Mount Holyoke College mit dem Bachelor in der Tasche und heuerte beim georgischen Außenministerium als politische Beraterin an. Dann arbeitete sie ein Jahr in Dänemark für deutsche Medien, bevor sie nach München ging. Seit November 2000 lernt die Stipendiatin der Studienstiftung der "Süddeutschen Zeitung" dort als Schülerin der Deutschen Journalistenschule in München.



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