100-Prozent-Quote Diese Uni stellt nur noch Frauen ein

Die TU Eindhoven vergibt Jobs nur noch an Frauen. Hier erklärt Rektor Frank Baaijens, warum er die 100-Prozent-Quote für nötig hält - und wieso weibliche Mitarbeiter 100.000 Euro extra bekommen.

TU Eindhoven (Niederlande): Ziel ist ein höherer Anteil an Professorinnen
George Pachantouris/ Getty Images

TU Eindhoven (Niederlande): Ziel ist ein höherer Anteil an Professorinnen

Ein Interview von Franca Quecke


Wie viele andere technischen Universitäten hat die TU Eindhoven in der Vergangenheit vor allem männliche Professoren und Studenten angezogen. Unter den rund 42.000 bisherigen Absolventen der Uni sind gerade einmal 17 Prozent Frauen.

Zu wenig, findet TU-Rektor Frank Baaijens - und steuert mit einem radikalen Programm gegen: In den kommenden Jahren sollen frei werdende Dozentenstellen möglichst ausschließlich von Frauen besetzt werden und nur zur Not mit Männern. Im Interview berichtet Baaijens von den Diskussionen, die dieser Plan auslöste - und warum er keine Angst vor Diskriminierungsklagen hat.

Zur Person
  • Bart van Overbeeke
    Frank Baaijens, Jahrgang 1958, ist Rektor der Technischen Universität Eindhoven. Hier studieren mehr als 11.000 Nachwuchs-Akademiker, drei Viertel davon Männer. Eindhoven ist die fünftgrößte Stadt in den Niederlanden.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau wollen Sie mehr Frauen an Ihre Universität holen?

Frank Baaijens: Ab dem ersten Juli startet unsere Universität ein Programm, das mindestens fünf Jahre lang laufen soll. Unser Ziel: Wir wollen rund 150 leere Stellen nur mit Frauen besetzen. Außerdem erhalten die Frauen neben ihrem Einstiegsgehalt jeweils 100.000 Euro für Forschungsprojekte obendrauf, die sie beim Karrierestart unterstützen sollen. Wenn sich innerhalb von sechs Monaten keine passende Kandidatin findet, werden wir die Stellen auch für männliche Bewerber öffnen. Momentan sind rund 15 bis 16 Prozent unserer Professoren weiblich, in ein paar Jahren sollen es deutlich mehr werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es wichtig, welches Geschlecht ein Professor hat?

Baaijens: Viele Wissenschaftler haben in der Vergangenheit gezeigt, dass Diversität und Innovation zusammenhängen. Um zu forschen und uns weiterzuentwickeln, brauchen wir sowohl Männer als auch Frauen in akademischen Positionen. Die Zahl der Frauen in unserer Gesellschaft muss sich auch in der Anzahl unserer Mitarbeiter widerspiegeln. Wir können uns einfach nicht leisten, die Hälfte der intellektuellen Power zu verlieren, die wir eigentlich haben könnten.

SPIEGEL ONLINE: Aber müssten Sie dann nicht eher eine fünfzigprozentige Frauenquote anpeilen, keine hundertprozentige?

Baaijens: Am Anfang haben wir darüber nachgedacht, nur 50 Prozent oder 75 Prozent der Stellen mit Frauen zu besetzen. Aber dann dachten wir uns: Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, warum dann nicht gleich 100 Prozent? Das Programm ist zwar für fünf Jahre angesetzt, nach eineinhalb Jahren wollen wir aber schon evaluieren, wie gut es funktioniert, und entscheiden dann jährlich wieder über die Prozentzahl. Es ist möglich, dass es bei 100 Prozent bleibt, aber vielleicht wird es auch weniger.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Studenten der technischen Universität Eindhoven sind männlich. Glauben Sie, dass mehr Professorinnen auch mehr Studentinnen anziehen werden?

Baaijens: Frauen können andere Frauen als Vorbilder wahrnehmen und sich motivieren lassen. Deshalb nehmen wir auch an, dass mit der Zahl der Professorinnen auch die Zahl der Studentinnen steigt. Im nächsten Jahr sind 30 Prozent unserer neu eingeschriebenen Studenten weiblich, immer mehr Frauen studieren technische Fächer. Wir würden gern erreichen, dass es noch mehr werden. Denn für uns gibt es keinen Grund, warum nicht die Hälfte unserer Studenten männlich und die andere Hälfte weiblich sein sollte. Am Ende des Tages kommt es darauf an, was jemand im Kopf hat, nicht wie groß die Muskeln sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine 100-Prozent-Quote einzuführen?

Baaijens: In den vergangenen Jahren haben wir schon viel versucht, um mehr Professorinnen an unsere Uni zu holen: In den verschiedenen Lehrstühlen hatten wir beispielsweise festgelegt, wie viele Frauen wir einstellen wollen. Bis 2020 sollten es insgesamt 20 Prozent werden. Aber irgendwie gab es immer wieder neue Gründe, warum leere Stellen nicht mit Frauen besetzt wurden. Jetzt bleibt uns noch ein Jahr und uns ist klar: Unser Ziel werden wir nicht erreichen. Alle Maßnahmen haben gar nicht oder nur zu langsam gewirkt. Deshalb brauchen wir eine neue Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben diese Maßnahmen nicht funktioniert?

Baaijens: Studien zeigen seit Jahren: Sowohl Männer als auch Frauen haben geschlechterspezifische Vorurteile. Wir tendieren teilweise ganz unbewusst dazu, uns eher für einen männlichen Kandidaten zu entscheiden - zum Beispiel bei Bewerbungen oder Wettbewerben. An der Universität in Utrecht wurden sowohl Männer als auch Frauen befragt, ob sie glauben würden, dass beide Geschlechter gleichermaßen für Führungspositionen geeignet seien. 95 Prozent haben diese Frage mit Ja beantwortet. Als die Befragten schließlich in Situationen gesteckt wurden, in denen sie auf der Basis ihres Bauchgefühls antworten mussten, hat sich herausgestellt: 80 Prozent der Befragten halten bei Führungspositionen Männer für geeigneter.

SPIEGEL ONLINE: Und nur noch Frauen einzustellen, ist nun die Lösung?

Baaijens: Wir wollen am Ende nicht nur, dass mehr Frauen in unserer Universität arbeiten, sondern auch Bewusstsein schaffen: Unsere Mitarbeiter sollen dafür sensibilisiert werden, erst mal einen Blick auf weibliche Kandidaten und dann erst auf die männlichen zu werfen. In der Vergangenheit war es oft andersherum. Deshalb wollen wir ein positives Beispiel setzen, indem wir jetzt einfach mal Frauen priorisieren.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass sich Angestellte nun anhören müssen, dass sie den Job nur wegen ihres Geschlechts bekommen hätten, nicht aber wegen ihrer Kompetenzen?

Baaijens: Diese Frage wurde mir in letzter Zeit oft gestellt. Wir stellen in der Regel immer nur hoch qualifizierte Wissenschaftler ein, die Kompetenz unserer Wissenschaftler wird sich also unter keinen Umständen verändern. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht: Sobald wir Bewerber einstellen und sich herausstellt, dass diese Personen herausragende Wissenschaftler sind, vergessen alle recht schnell, wie sie eingestellt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Und was, wenn sie es nicht vergessen? Gibt es Maßnahmen, die die Universität bereits jetzt trifft, um Frauen vor genau solchen Vorurteilen und Sprüchen zu schützen?

Baaijens: Im Rahmen eines weiteren Mentorenprogramms versuchen wir, alle Signale, die wir beobachten können, so schnell es geht in Angriff zu nehmen - um genau solche Situationen zu vermeiden. Allerdings: So viele Wissenschaftlerinnen haben regelmäßig mit Vorurteilen aufgrund ihres Geschlechts zu kämpfen - wenn es um einen Job, eine Gehaltserhöhung oder um eine wissenschaftliche Arbeit geht. Wir müssen die Kulturen in der Wissenschaft und an Universitäten verändern, und genau damit wollen wir jetzt anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie sich mit einem solchen Programm nicht davor fürchten, von Diskriminierungsklagen überzogen zu werden?

Baaijens: Nach europäischem Recht dürfen Universitäten bevorzugt aus Bevölkerungsgruppen rekrutieren, die sonst unterrepräsentiert sind. Das ist an unserer Universität klar der Fall. An zwei Universitäten in den Niederlanden gibt es ähnliche Programme, unter anderem an der Universität in Groningen. Die gehen zwar nicht ganz so weit wie wir, wurden aber getestet und zugelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben denn andere Universitäten und Studenten auf Ihre Pläne reagiert?

Baaijens: Einige finden es nicht gut, andere sehr gut. Viele, die seit Jahren versuchen, den Frauenanteil an Universitäten zu steigern, wissen, wie schwierig das ist. Wieder andere waren erst stark dagegen, haben dann angefangen, darüber zu diskutieren und am Ende gemerkt: Es muss sich etwas ändern. Vielleicht ist diese Diskussion innerhalb unserer Universität das Positivste an unserem neuen Vorhaben: Sie schafft Bewusstsein für unsere Vorurteile und kämpft genau dagegen an.

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