Freiwillige Studiengebühren Die Gentlemen bitten zur Kasse

Wenn Studenten für ihre Uni zahlen, lassen sich viele Engpässe lösen, wirbt eine Initiative aus Dresden. Ein Türöffner für horrende Studiengebühren, kontern die Gegner. Würden Studenten überhaupt freiwillig zahlen? Der Spendenzähler der Dresdner Gebührenfans gibt eine unbarmherzige Antwort.

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Werbeaktion für die Initiative: Keine Spur vom Geldsegen
David Ausserhofer

Werbeaktion für die Initiative: Keine Spur vom Geldsegen

Dresden - Der Spendenzähler ist schonungslos. 915 Euro und sechs Cent lautet der Zwischenstand vom 16. Januar auf der Webseite der Initiative "unternehmen selbst!beteiligen". Nicht gerade viel für eine Studentengruppe, die insgesamt 20.000 Euro freiwillige Beiträge von Studenten der Technischen Universität Dresden sammeln wollte und damit bundesweit für Aufsehen gesorgt hat.

"Wir sind bereit, einen Beitrag zu leisten!", unter diesem Motto hatten im Sommer vergangenen Jahres 47 Studenten der Elbestadt einen offenen Brief verfasst. Der enthielt weitreichende Reformforderungen an das rotstift-schwingende Wissenschaftsministerium sowie die heimische Uni-Leitung - und das überraschende Angebot, freiwillig pro Semester 100 Euro in die leere Kasse der Alma mater abzudrücken.

Nächtliche Plakataktion: Sponsored by BMW
David Ausserhofen

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Tatsächlich getan hat das bis heute kaum jemand. Das Treuhandkonto der Gebühren-Initiative, das von Dresdner Notaren verwaltet wird, leidet unter Spendenflaute. Keine Spur vom im Brief versprochenen Geldsegen - und das, obwohl die Spendensammler zum Jahreswechsel zum quasi letzten Mittel griffen: Postalisch baten sie sogar die Minister der Sächsischen Staatsregierung inklusive Ministerpräsident Georg Milbradt um einen Obolus. Doch die Aktion der Marke "Die Gentlemen bitten zur Kasse" blieb ohne Resonanz.

Spendenebbe trotz Plakatflut

Haben die studentischen Geldeintreiber also den Mund zu voll genommen? Jens Bemme, Chef der Gebühren-Initiative, versucht den Vorwurf zu entkräften: "Der offene Brief enthielt Maximalforderungen, die bis heute nicht erfüllt sind. Deswegen haben viele Leute, die damals unterschrieben haben, noch nicht gezahlt."

Jens Bemme: "Ich fühle mich nicht gekauft"
David Ausserhofer

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Dass unter den Dresdner Studenten nun fast überhaupt niemand Lust hat, den Geldbeutel zu zücken, überrascht trotzdem auf den ersten Blick. Schließlich hatte Bemmes Initiative eine Werbekampagne auf dem Campus gestartet, die sich sehen lassen konnte. Plakate an der Mensa, Aufkleber auf Uni-Toiletten, große Zeitungsanzeigen, eine professionell gestaltete Internetpräsenz - alles transportierte eine Botschaft: Freiwillige Studiengebühren sind gut, freiwillige Studiengebühren sind schön. Und jetzt bitte zahlen!

Dafür, so das Versprechen, sollten Bibliothek und Computerpools in der bald beginnenden Prüfungszeit länger auf haben - eine Serviceleistung, die durchaus auf Interesse bei den Studenten stoßen könnte. Daraus wird nun wohl nichts. Das gesammelte Geld reicht bislang gerade mal für drei offene Sonntage, gibt Bemme zu.

Wer zahlt? Die Industrie zahlt.

Finanziert wurde die PR-Offensive der Spendensammler durch die Eberhard von Kuenheim-Stiftung der BMW AG, die dem Projekt im Rahmen ihres Förderprogrammes "Unternehmen Wissenswelten" großzügig unter die Arme greift. "Wir fördern Jens Bemme, weil er einen interessanten Ansatz in der Studiengebühren-Debatte vorgestellt hat, über den es sich zu diskutieren lohnt", sagt Stefan Sippell von der Stiftung. Er sieht darin ein "Paradebeispiel unternehmerischen Handelns".

Lesesaal an der TU: Spenden reichen nur für einen Sonntag
David Ausserhofer

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Neben einem monatlichen 250-Euro-Stipendium für Bemme stellen die Münchner zusätzlich Bares zur Verfügung, etwa für Öffentlichkeitsarbeit oder juristische Beratung. Wie viel das genau ist, das wollen allerdings weder Bemme noch Sippell verraten.

Die Unterstützung durch die industrienahe Stiftung und auch durch das als gebührenfreundlich bekannte Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) haben Jens Bemme indes einiges an Kritik gebracht. Er sei, so seine Gegner, nur eine Marionette der Wirtschaft, um mit dem Pilotprojekt Studiengebühren bundesweit salonfähig zu machen.

Stell dir vor, es wird gestritten und keiner hört hin

"Ich fühle mich nicht gekauft", kontert der angehende Verkehrswirtschaftler selbstsicher und wirft seinen Widersachern zugleich eine Blockadehaltung in der Gebührendebatte vor.

Bemmes Gegner haben sich zu einem Bündnis gegen Studiengebühren zusammengeschlossen, sammeln Unterschriften gegen die Aktion und laden zu Diskussionsrunden ein. "Die Argumente gegen Studiengebühren wurden schon tausend Mal ins Feld geführt und scheinen langweilig zu werden", sagt Stefan Mager vom Bündnis, "doch an ihrer Richtigkeit ändert das nichts."

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AP

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Eines haben Gebührengegner und -befürworter gemeinsam: Beiden Seiten will es nicht gelingen, die Massen zu mobilisieren. Zur Gründungsveranstaltung des Gegenbündnisses kamen lediglich 16 Menschen - inklusive Jens Bemme, der seine Opponenten einmal näher unter die Lupe nehmen wollte.

Offenbar sind Gebühren für viele Studenten (noch) kein vordringliches Thema. Das könnte schnell anders werden - wenn es nicht mehr um Freiwilligkeit, sondern um Pflichtbeiträge geht. Schließlich will Sachsens Landesregierung zusammen mit Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das neue Hochschulrahmengesetz klagen, in dem ein Verbot von Studiengebühren festgeschrieben ist. Und sollte das Verbot fallen, wären wohl großflächige Studentenproteste vorprogrammiert.



insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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