"Fridays for Future" an Unis Klimawandel vs. Klausuren

Mit der "Public Climate School" wollen Studierende den Klimaprotest der Schüler auch in die Hochschulen tragen - und stoßen auf ein Dilemma: Setzen sie auf inhaltliche Auseinandersetzung oder Aufmerksamkeit?

Montagabend, über 125 Interessierte: Auf dem Programm der Uni Hannover steht "Klimawandel und Klimakrise: Wo liegen die Ursachen und wo die Lösungen?"
Dominik Lack

Montagabend, über 125 Interessierte: Auf dem Programm der Uni Hannover steht "Klimawandel und Klimakrise: Wo liegen die Ursachen und wo die Lösungen?"

Aus Hannover berichtet Franca Quecke


In Hannover beginnt die "Public Climate School" im großen Physiksaal, Raum E214, Gebäude 1101. Rund hundert Studierende sind zur Vorlesung "Die Energiebilanzgleichung: Dreh- und Angelpunkt der Energiewandlung" an diesem Morgen gekommen. 8.30 Uhr, müde Gesichter.

Eigentlich steht heute Thermodynamik I auf dem Programm, Pflichtveranstaltung für Maschinenbauer im dritten Semester. "Aber anlässlich dieser schönen Aktionswoche möchte ich meine Sympathie zum Ausdruck bringen und habe deshalb etwas umsortiert", sagt Stephan Kabelac, Professor für Thermodynamik. "Wer ist denn als Gast hier?", fragt er und blickt sich suchend um. Nur eine Studentin zeigt auf, Gelächter im Hörsaal.

Die Public Climate School ist der Versuch der "Students for Future", den Klimaprotest an Universitäten zu bringen. Bundesweit haben Studierende dazu aufgerufen, den regulären Unibetrieb zu boykottieren. Noch bis zum Freitag finden stattdessen alternative Workshops, Seminare und Vorlesungen an über 80 Hochschulen statt, offen für alle Bevölkerungsgruppen. Gemeinsam wolle man über Auswirkungen und Lösungen der Klimakrise diskutieren, wünschen sich die "Students for Future". Dazu gibt es in Hannover veganes Frühstück am Morgen und eine Klimakneipe am Abend.

Prüfung geht vor

Trotzdem läuft die Streikwoche eher schleppend - weil kaum jemand streiken will. Zur Vorlesung "Ansätze zur Defossilisierung unseres Energiesystems" um die Mittagszeit kommen zwar immerhin rund 20 Fachfremde. Fast doppelt so viele Studierende verlassen aber auch den Hörsaal, als klar wird, dass die reguläre Vorlesung nicht stattfindet. Keine Zeit, am Mittwoch sind Klausuren, sagen einige.

Eine Gruppe Studierender sitzt im Foyer des Hauptgebäudes, Bau- und Umweltingenieurwesen im ersten Semester studieren sie, vor ihnen stapeln sich grüne Flyer der "Public Climate School". Professoren und Professorinnen hätten zwar auf die Veranstaltungen rund um den Klimawandel hingewiesen und sie zur Teilnahme ermutigt, erzählen sie. Die regulären Vorlesungen fänden aber trotzdem statt. Vielleicht gehe sie am Freitag zur Demo, sagt eine Studentin - einige der Kommilitonen winken ab.

Während die Schüler von "Fridays for Future" seit knapp einem Jahr auf die Straße gehen, gibt es die "Students for Future" offiziell erst seit diesem Sommer. Viele Studierende sind zwar von Beginn an bei den Schülerprotesten mitgelaufen, allerdings nicht als eigenständige Bewegung.

"Die Studierenden haben sich erst langsam eingefügt", sagt Sebastian Koos von der Universität Konstanz. "Ich glaube, sie wollten den Erfolg der Schüler zwar unterstützen und weitertragen, nicht aber übernehmen."

Wechselnder Akademikeranteil an den Protesten

In einer Studie hat Koos den Anteil der Studierenden an vier Protesten in Konstanz untersucht: Während im März 2019 nur etwa jeder zehnte Teilnehmer von einer Universität oder Hochschule kam, waren es im April schon 40 Prozent. Im Mai war noch rund ein Viertel der Demonstranten an einer Hochschule eingeschrieben - ein Anteil, der beim globalen Klimastreik am 20. September ähnlich hoch lag.

Warum die Studierenden so lange gebraucht haben? Eine Schulklasse, sagt Koos, könne sich einfacher organisieren als Studierende, die jedes Semester in unterschiedlichen Kursen sitzen.

Außerdem habe ein Streik an Schulen eine andere Wirkung als an Universitäten: "Studierende sind selbst verantwortlich, ob sie in die Vorlesungen kommen oder nicht. Boykotte von Vorlesungen erzeugen deshalb einfach nicht so viel Aufmerksamkeit", so Koos.

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Vielleicht auch deshalb, weil der Protest, wie in Hannover, eher zurückhaltend ist. In Vorlesungen wie "Einfluss von Schneereflektion auf die Strahlung" oder "Der CO2-Fußabdruck der urbanen Wasserwirtschaft" tun die Studierenden genau das, was Schulleiter, Eltern und Politiker von den Schülern jeden Freitag verlangen: nicht nur fordern, sondern weiterdenken.

"Im Rahmen von Recht und Gesetz"

Die "Students for Future" in Hannover haben trotzdem lange überlegt, ob das reicht: Vorlesungen stürmen, so wie im Fall Lucke an der Uni Hamburg? "Das war uns zu radikal. Wir wollen lieber alle einbeziehen, anstatt sie zu vergraulen", sagt Faruk Maulawy, der die Proteste in Hannover mitorganisiert und Politikwissenschaft im siebten Semester studiert.

In einigen Städten agieren die Studierenden radikaler: An der Universität Siegen, der TU Dresden und an der FU Berlin besetzen sie seit Montag Hörsäle. So teilten Aktivisten in Dresden auf Twitter mit, dass das Thema Klimagerechtigkeit an der Uni "seit Jahren an den Rand gedrängt" werde. Die Besetzung sei ein legitimes Mittel, um zum Handeln aufzufordern.

Ähnlich sehen es Studierende der FU Berlin: Die Besetzung sei notwendig, damit sich Studierende selbst organisieren könnten und sich endlich etwas tue, sagt Roberto Sanchiño, er studiert Philosophie und Politikwissenschaft im fünften Semester. Bis Donnerstag wollen sie den Hörsaal besetzen und in Arbeitsgruppen wie "Partizipation", "Mobilität" oder "Biodiversität" politische Forderungen erstellen, wie sie bei einer Vollversammlung mit über 200 Stimmen beschlossen haben. Gegenstimmen: vier.

Gegenüber dem SPIEGEL teilt die FU mit, dass man befürworte, wenn Studierende sich für gesellschaftlich relevante Themen engagierten - "im Rahmen von Recht und Gesetz". Besetzungen sehe man hingegen grundsätzlich nicht als "geeignetes Mittel zum Protest". Sanchiño sagt: "Wenn die Verantwortlichen in der Hochschulleitung den Protest spüren, können sie uns nicht ignorieren."

Aufmerksamkeit oder Inhalt?

Das Dilemma der Studierenden: Organisieren sie Workshops, Vorlesungen oder Filmabende, kommen trotzdem nicht viele. Werden sie hingegen radikaler, vergraulen sie eventuell Interessierte, die die Bewegung eigentlich gut finden. Denn anders als radikalere Klimagruppen haben die Schüler und Studierenden es bisher geschafft, den Protest positiv und offen für viele zu gestalten.

Am Montagnachmittag in Hannover, als sich nur wenige in den Workshops tummeln, sagt Organisator Faruk Maulawy dennoch: "Ich finde es gut, dass wir uns inhaltlich mit dem Klimawandel auseinandersetzen - aber wie wirkungsvoll ist das, wenn uns kaum jemand wahrnimmt?" Die Bewegung wachse zwar stetig, so Maulawy. Trotzdem habe er in letzter Zeit öfter von Freunden und Bekannten gehört, die freitags nicht mehr mitliefen: Die Politik sei so träge, es ändere sich ja sowieso kaum etwas.

Die Schüler haben ein ähnliches Problem: Gehen sie auf die Straße, ist ihnen die Aufmerksamkeit von Lehrern, Eltern und Politikern zwar sicher. "Dann reden aber alle nur über die Streiks - und nicht, warum wir streiken", sagt Carla Reemtsma, Pressesprecherin von "Fridays for Future".

Aufmerksamkeit von vielen Teilen der Bevölkerung, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, ernst genommen werden - alles gleichzeitig scheint nur schwer möglich zu sein. "Vielleicht braucht es den Schritt weiter, die Streiks der Schüler, die Besetzung von Hörsälen - sonst passiert einfach nichts", sagt Reemtsma.

Den ganzen Tag scrollt Faruk Maulawy durch Chatverläufe, die Studierenden halten sich mit Bildern und Nachrichten auf dem Laufenden: Was passiert in Hamburg, was in Berlin? Immer mehr Nachrichten von Besetzungen trudeln ein, und Maulawy überlegt: Ob man in Hannover nicht doch noch was planen solle?

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