Fusions-Frust Ein bisschen Rektorenschwund ist immer

Bei der ersten Uni-Zwangsfusion deutscher Hochschulen gibt es neuen Ärger: Dem Wissenschaftsministerium ist der Gründungsrektor für die Universität Duisburg-Essen abhanden gekommen. Wilhelm Vossenkuhl hatte die Dauerquerelen satt und bleibt lieber Professor in München.

Von


Wilhelm Vossenkuhl: Hat fertig
DDP

Wilhelm Vossenkuhl: Hat fertig

Die von der Landesregierung betriebene Vereinigung der Universitäten in Essen und Duisburg droht zu einer schier endlosen Leidensgeschichte für alle Beteiligten zu werden. Nach heftigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen, die sich bereits rund zwei Jahre hinziehen, hat jetzt der designierte Gründungsrektor Wilhelm Vossenkuhl seinen Verzicht erklärt. "Die Dauer der rechtlichen Auseinandersetzungen hat sich als belastender erwiesen als urspünglich erwartet", erklärte am Dienstag Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft (SPD) zu Vossenkuhls Rückzug.

In Nordrhein-Westfalen ist der Verschleiß an Rektoren derzeit enorm. Hannelore Kraft ist selbst noch recht frisch im Amt; ihrer Vorgängerin Gabriele Behler hatte neben dem Krach um Studiengebühren auch das Tauziehen um die Zwangsvereinigung heftig zugesetzt. Die frühere Essene Rektorin Ursula Boss-Nünning war von der Universität mit einer veritablen Palastrevolte zum Rücktritt gezwungen worden. Ihr Nachfolger Karl-Heinz Jöckel wurde mit dem offiziellen Start der Doppeluniversität zum 1. Januar 2003 seines Amtes enthoben, ebenso wie sein Duisburger Amtskollege.

"Ich bin kein Rambo und kein Diktator"

Und Wilhelm Vossenkuhl hatte sein Amt gar nicht erst antreten können - das verhinderten die anhaltenden Auseinandersetzungen vor Gericht: Zum Jahreswechsel hatte die Universität Essen eine einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen erreicht, der zufolge der Rektorposten noch nicht besetzt werden kann. Das Wissenschaftsministerium setzte daraufhin den Ministerialdirigenten Heiner Kleffner als vorläufigen Chef der fusionierten Hochschulen ein.

Studentensekretariat in Duisburg: Reise in ungewisse Zukunft
DDP

Studentensekretariat in Duisburg: Reise in ungewisse Zukunft

Vossenkuhl reichten all die Querelen um zwei Hochschulen, die partout nicht vereinigt werden wollten - und offenbar wollte er zugleich einerseits Klarheit über seine eigene berufliche Zukunft und die seiner Mitarbeiter und Doktoranden in München, anderseits sich schlicht nicht weiter beschimpfen lassen. Anfang Dezember hatte er sich noch optimistisch gezeigt, Freunde an den Universitäten finden zu können ("Ich bin kein Rambo und kein Diktator, ich glaube an Liebe durch Leistung"). Doch der Essener Rektor Jöckel nannte ihn einen "Diktator im Philosophengewand" und schimpfte über "wissenschaftsfremde Kommandostrukturen".

Die Essener Universität hatte ohnedies in den letzten Monaten jede Zurückhaltung fahren lassen, während sich die Universität Duisburg etwas diplomatischer gegeben hatte, um den Kontakt zum Ministerium nicht vollends zu ruinieren.

Reichlich Arbeit für die Gerichte

Nun droht juristisch eine längere Hängepartie: Nach der einstweiligen Verfügung muss sich das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen noch im Hauptverfahren mit der Rektor-Berufung beschäftigen; ein Entscheidung wird etwa für Ende Februar erwartet. Und obendrein kommt auch auf das Bundesverfassungsgericht Arbeit zu - dort klagt die Universität; zugleich hat die CDU-Landtagsfraktion beschlossen, eine so genannte Normenkontrollklage beim NRW-Verfassungsgerichtshof einzureichen. In einem weiteren Verfahren hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf am Mittwoch einen Eilantrag der Universität Essen gegen die Einsetzung eines Gründungsrektors abgelehnt. Ministerin Kraft bezeichnete das als "wichtigen Teilerfolg im Gerichts-Marathon".

Wie auch immer das juristische Tauziehen ausgeht: Sowohl das Land als auch die beiden Hochschulen stehen vor einem mächtigen Trümmerhaufen, und keiner will sich bewegen. Politisch ist die Fusion beschlossen und bereits Realität, doch die Universitäten wollen sie vor Gericht kippen. Das Land scheint ebenfalls entschlossen, keine Kompromisse einzugehen. Sofort nach ihrem Amtsantritt habe Ministerin Hannelore Kraft sich "stark persönlich um eine einvernehmliche Lösung bemüht", leider erfolglos, so Ministeriumssprecher Thomas Breustedt. An der Fusion werde das Land aber in jedem Fall festhalten: "Da gibt es kein Zurück."

Die zwangsvereinigten Universitäten wurden vom Vossenkuhl-Rücktritt überrascht. Ministerin Kraft forderte sie auf, "weitere Verunsicherungen für Studierende, Mitarbeiter und Lehrende" zu verhindern. Ob sie jetzt einen weiteren Gründungsrektor sucht, ist momentan unklar. Kraft kündigte das zwar in einer Pressemitteilung am Dienstag an, dürfte es aber schwer haben, einen hinreichend schmerzfreien Kandidaten zu finden.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.