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10. August 2015, 10:21 Uhr

"Game of Thrones" statt Uni

"Wer eine Klausur schiebt, schiebt auch die nächste"

Ein wichtiges Wort während des Studiums von Tabea Mußgnug war: Prokrastination. Hier erzählt sie, warum ihr Freund der Godfather des Aufschiebens ist - und wer wirklich Schuld daran hat, dass Studenten ihre Hausarbeiten nicht schreiben.

Gegen Ende der vierten Klasse bekam ich einen Pickel und fühlte mich erwachsen genug, "GZSZ" zu schauen. Das Tolle an "GZSZ" ist, dass man nach einem Jahr wieder einschalten kann und trotzdem noch mitkommt, was gerade passiert.

Parallel zu "GZSZ "schaute ich "Friends", damals auf ProSieben um sechs. Ich wollte zwischen 10 und 14 konstant so sein wie Rachel und hätte alles für glatte Haare gegeben, die für Rachels Haarschnitt unabdingbar sind. Dann kam "Sex and the City", und wir wurden erwachsen.

Momentan schaue ich vor allem "Game of Thrones" (da diese Frage offenbar momentan eine Religion ist: Lieblingscharakter Tyrion Lannister). Ansonsten wiederhole ich in einem regelmäßigen Turnus "Friends", "Sex and the City", "Gilmore Girls", "How I Met Your Mother" und "Big Bang Theory" und offenbare mich darin als absoluter Mainstream. Aber wer einmal gesehen hat, wie Amy Farrah Fowler sich über ihre Tiara freut, wird zugeben, dass man das nicht nur einmal angucken kann.

Wenig-in-viel-Zeit-Packen

Ein wichtiges Wort, das in meinem Jahrgang und vielleicht auch noch in den zwei Jahren davor und danach dauernd benutzt und in StudiVZ-Gruppen und T-Shirt-Druckereien verwurstet wurde, war Prokrastination. Ich weiß nicht, was dem inzwischen den Rang abgelaufen hat, ebenso wenig wie ich weiß, was eigentlich die neuen Cake-Pops sind, nachdem Cake-Pops die neuen Macarons und Macarons die neuen Cupcakes waren, aber in jedem Fall war es für uns ein großer Begriff.

Man bezeichnet damit das Vor-sich-Herschieben und In-den-Tag-Hineinleben, vielleicht könnte man es als das Yolo der späten 2000er bezeichnen. Auch wenn der Begriff ein bisschen aus der Lustige-Bemerkungen-Sparte verschwunden ist, gibt es das, was er bezeichnet, nach wie vor. Vielleicht haben die G8er zwangsläufig gelernt, vieles in kurzer Zeit zu machen, aber wir, die wir noch neun Jahre Zeit hatten, haben oft das Wenig-in-viel-Zeit-Packen in unser Studium hinübergerettet.

Klausuren schieben, Hausarbeiten über Jahre hinweg sammeln, bis der Dozent emeritiert oder in Berkeley ist, und deswegen plötzlich alles viel komplizierter wird, als es gewesen wäre, wenn man einfach pünktlich die Hausarbeit geschrieben und abgegeben hätte, ist das täglich Brot vieler von uns. Mein Freund Fabian ist für mich der Godfather of Prokrastination, nachdem er das Studentenwerkseminar "Hilfe zur Überwindung der Prokrastination", zu dem er schon angemeldet war, absagte, weil er es ja auch noch nächstes Semester machen könnte. Die Ironie fiel ihm nicht mal auf.

Ich selber bin eher der Listen-abhaken-Mensch und kann mich nicht gut entspannen, wenn ich weiß, ich müsste noch drei bislang ungeschriebene Essays morgen früh abgeben, darum spreche ich dieses Thema nicht als Betroffene an, aber als jemand, der schon zu viele Leute deswegen Härtefallanträge hat stellen sehen. Ich will hiermit frei nach Rilke warnen: Wer eine Klausur schiebt, schiebt auch die nächste, wer eine Hausarbeit nicht schreibt, schreibt lange keine mehr.

Die Mitbewohnerin meines Freunds Robin geht seit eineinhalb Jahren nicht mehr an die Uni, sondern schreibt hintereinander alle angesammelten aber nie geschriebenen Hausarbeiten weg. Das ist etwas, das keiner will. Das Problem ist aber, dass die Möglichkeiten, was anderes zu machen, so wahnsinnig groß sind.

Früher, als man seine Hausarbeiten noch auf einer Schreibmaschine schrieb und für die Klausuren mit Büchern und Schreibblöcken lernte, da gab es garantiert weniger Prokrastination. Das Problem fängt da an, wo man mit Hilfe von etwas lernen soll, wo drei Sekunden entfernt das Internet ist. Deswegen nervt es mich inzwischen, dass jedes Institut WLAN hat.

Gäbe es das nicht, dann wäre es bedeutend schwerer, anstatt Hausarbeiten zu schreiben, auf 9Gag zu sein.

Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015.

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