"Game of Thrones" statt Uni "Wer eine Klausur schiebt, schiebt auch die nächste"

Ein wichtiges Wort während des Studiums von Tabea Mußgnug war: Prokrastination. Hier erzählt sie, warum ihr Freund der Godfather des Aufschiebens ist - und wer wirklich Schuld daran hat, dass Studenten ihre Hausarbeiten nicht schreiben.

Studentin mit Lehrbuch - und Smartphone: Wer gewinnt?
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Gegen Ende der vierten Klasse bekam ich einen Pickel und fühlte mich erwachsen genug, "GZSZ" zu schauen. Das Tolle an "GZSZ" ist, dass man nach einem Jahr wieder einschalten kann und trotzdem noch mitkommt, was gerade passiert.

Parallel zu "GZSZ "schaute ich "Friends", damals auf ProSieben um sechs. Ich wollte zwischen 10 und 14 konstant so sein wie Rachel und hätte alles für glatte Haare gegeben, die für Rachels Haarschnitt unabdingbar sind. Dann kam "Sex and the City", und wir wurden erwachsen.

Momentan schaue ich vor allem "Game of Thrones" (da diese Frage offenbar momentan eine Religion ist: Lieblingscharakter Tyrion Lannister). Ansonsten wiederhole ich in einem regelmäßigen Turnus "Friends", "Sex and the City", "Gilmore Girls", "How I Met Your Mother" und "Big Bang Theory" und offenbare mich darin als absoluter Mainstream. Aber wer einmal gesehen hat, wie Amy Farrah Fowler sich über ihre Tiara freut, wird zugeben, dass man das nicht nur einmal angucken kann.

Wenig-in-viel-Zeit-Packen

Ein wichtiges Wort, das in meinem Jahrgang und vielleicht auch noch in den zwei Jahren davor und danach dauernd benutzt und in StudiVZ-Gruppen und T-Shirt-Druckereien verwurstet wurde, war Prokrastination. Ich weiß nicht, was dem inzwischen den Rang abgelaufen hat, ebenso wenig wie ich weiß, was eigentlich die neuen Cake-Pops sind, nachdem Cake-Pops die neuen Macarons und Macarons die neuen Cupcakes waren, aber in jedem Fall war es für uns ein großer Begriff.

Man bezeichnet damit das Vor-sich-Herschieben und In-den-Tag-Hineinleben, vielleicht könnte man es als das Yolo der späten 2000er bezeichnen. Auch wenn der Begriff ein bisschen aus der Lustige-Bemerkungen-Sparte verschwunden ist, gibt es das, was er bezeichnet, nach wie vor. Vielleicht haben die G8er zwangsläufig gelernt, vieles in kurzer Zeit zu machen, aber wir, die wir noch neun Jahre Zeit hatten, haben oft das Wenig-in-viel-Zeit-Packen in unser Studium hinübergerettet.

Klausuren schieben, Hausarbeiten über Jahre hinweg sammeln, bis der Dozent emeritiert oder in Berkeley ist, und deswegen plötzlich alles viel komplizierter wird, als es gewesen wäre, wenn man einfach pünktlich die Hausarbeit geschrieben und abgegeben hätte, ist das täglich Brot vieler von uns. Mein Freund Fabian ist für mich der Godfather of Prokrastination, nachdem er das Studentenwerkseminar "Hilfe zur Überwindung der Prokrastination", zu dem er schon angemeldet war, absagte, weil er es ja auch noch nächstes Semester machen könnte. Die Ironie fiel ihm nicht mal auf.

Ich selber bin eher der Listen-abhaken-Mensch und kann mich nicht gut entspannen, wenn ich weiß, ich müsste noch drei bislang ungeschriebene Essays morgen früh abgeben, darum spreche ich dieses Thema nicht als Betroffene an, aber als jemand, der schon zu viele Leute deswegen Härtefallanträge hat stellen sehen. Ich will hiermit frei nach Rilke warnen: Wer eine Klausur schiebt, schiebt auch die nächste, wer eine Hausarbeit nicht schreibt, schreibt lange keine mehr.

Die Mitbewohnerin meines Freunds Robin geht seit eineinhalb Jahren nicht mehr an die Uni, sondern schreibt hintereinander alle angesammelten aber nie geschriebenen Hausarbeiten weg. Das ist etwas, das keiner will. Das Problem ist aber, dass die Möglichkeiten, was anderes zu machen, so wahnsinnig groß sind.

Früher, als man seine Hausarbeiten noch auf einer Schreibmaschine schrieb und für die Klausuren mit Büchern und Schreibblöcken lernte, da gab es garantiert weniger Prokrastination. Das Problem fängt da an, wo man mit Hilfe von etwas lernen soll, wo drei Sekunden entfernt das Internet ist. Deswegen nervt es mich inzwischen, dass jedes Institut WLAN hat.

Gäbe es das nicht, dann wäre es bedeutend schwerer, anstatt Hausarbeiten zu schreiben, auf 9Gag zu sein.


Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015.

Zur Autorin
  • S. Fischer Verlag
    Tabea Mußgnug, Jahrgang 1987, hat in Heidelberg Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Byzantinische Archäologie studiert und musste sich oft fragen lassen: "Und was macht man dann damit?". In regelmäßigen Abständen durchlitt sie deshalb Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krisen. Heute promoviert sie in Kunstgeschichte und hofft auf das große geniale Jobangebot.
Hilfe!
  • Corbis
    Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert, im Studium zum Beispiel, im Praktikum oder in der Schule. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen - dann melde Dich bei uns, eine Psychologin weiß Rat. Eine Auswahl der Fragen und Antworten werden veröffentlicht. Anonymisiert natürlich!
  • spon_input@spiegel.de



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
OHCRIKEY 10.08.2015
1.
Als ehemals selbst Betroffener kann ich nur folgendes zu dem Thema sagen: am Ende ist jeder für sich selbst verantwortlich und ultimativ wird sich - mal abgesehen von den nähesten Verwandten - niemand für das eigene Scheitern interessieren, geschweige denn einen erwachsenen Menschen an der Hand nehmen. Ich selbst brauchte Jahre, um das zu begreifen, mich nicht mehr als Opfer der Umstände zu sehen und zu lernen, das zu ändern. Ultimativ war dafür meine Angst verantwortlich, dass man als Prokrastinator dem beruflichen Alltag, der ja auf das Studium folgt, nicht gewappnet ist. Natürlich ist es erstmal einfacher, was anderes zu tun als zu arbeiten. Aber so funktioniert die Welt halt nicht. Wer das erstmal begriffen hat, der prokrastiniert automatisch deutlich weniger. Abgesehen davon fühlt es sich am Ende viel besser an, wenn man etwas erledigt hat und sich _dann_ wirklich entspannen kann. Denn eines ist sicher: dass man eigentlich etwas tun sollte, hat man immer irgendwie im Hinterkopf und kann dementsprechend nie richtig entspannen.
pr@ 10.08.2015
2.
Tja. Da hilft Zweckdisziplin. Man trifft sich am besten nur zu 2. mit einem anderen Studenten. Schon ab einer größeren "Lerngruppe", fällt das Lernen meiner Erfahrung nach fast weg. Am Besten trifft man sich dann noch in der Bibliothek oder so, wo man höchstens auf a****enlahmen Rechnern höchst unbequem aber gerade noch so wegen Wissen recherchieren kann - oder nutzt gleich die Bücher. Und wenn man sich mal woanders trifft, braucht es dann eben noch mehr Zweckdisziplin, oder aber besser: Selbstschutz. Meistens ist das mit dem Selbstschutz aber auch gar nicht mehr nötig, je weiter man im Studium (erfolgreich) fortschreitet: man lernt nicht besser, aber viel effektiver & schneller. Und: Infos zu den Inhalten gibt es eh so gut wie nicht mehr im Internet, geschweige denn Wikipedia, sondern nur noch in Fachbüchern. So ist das Leben, ähm Studium.
Blendy 10.08.2015
3. Und ..
... wer ist nun wirklich Schuld am Aufschieben?
Redigel 10.08.2015
4. Dr.
Habe leider selber eine Freundin die sehr viel schiebt... man hat das Gefühl dadurch vernachlässigt zu werden. Und wenn man es anspricht, ist sie gleich auf 180. Daher lass ich es und das Verhältnis zueinander stirbt langsam aber sicher, da die freie Zeit ehrr mit nonsense gefüllt wird... schade eigentlich
eggshen 10.08.2015
5. Hat sie doch...
Zitat von Blendy... wer ist nun wirklich Schuld am Aufschieben?
geschrieben - nicht 'wer', sondern 'was': das Internet im Allgemeinen und das WLAN im Besonderen. Oder um es mit Professor Strasser zu sagen: "Ja, wußten Sie das nicht...?" ;->
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