Gaudi Doktortaufe Hoch auf dem Currywurst-Wagen

Naturwissenschaftler im Ufo aus Maschendraht, ein Doktor als Riesen-Bierflasche: Bei den Dortmunder Physikern bekommt jeder frisch Promovierte seinen eigenen, ganz speziellen Doktorwagen. SPIEGEL ONLINE zeigt die witzigsten Gefährte der kreativen Doktoranden.

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Wenn die Prüfung vorbei ist, geht das Spektakel erst richtig los: Von feixenden Kollegen und Freunden wird der neue Doktor zunächst mit Kleister und Kleintierstreu paniert, dann besteigt er seinen Doktorwagen für die Ehrenrunde auf dem Institutsgelände.

Das vierrädrige Gefährt ist mehr als ein Transportmittel, nämlich sehr individuell gestaltet - darauf sind die Physiker stolz. "Das ist schon eine Spezialität von uns", erklärt Olaf Behrendt, der an seiner Doktorarbeit am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg schreibt.

Zwar werden solche Doktorwagen an vielen Universitäten gebaut. Doch so kreativ wie die Dortmunder Doktoranden vom Lehrstuhl für experimentelle Physik 5 sind wohl nur wenige: Mal nimmt das akademische Opfer als bekennender Trekkie in einem Raumgleiter nach "Enterprise"-Vorbild Platz, mal muss sich der Currywurst-Fan zwischen Styropor-Pommes und Schaumstoff-Gürkchen in eine überdimensionierte Pappschale legen - Riesenmengen Ketchup und Mayonnaise inklusive.

Trockeneis-Rauch aus dem Schornstein

"Wir versuchen immer, uns beim Bau des Wagens von einem Hobby oder einer Leidenschaft des Doktoranden inspirieren zu lassen", erzählt Olaf Behrendt, der schon bei vielen Wagen mitgebastelt hat. Besonders stolz ist Behrendt dabei auf das Modell "Dampf-Lokomotive": Einem Eisenbahnfan haben die Tüftel-Physiker eine komplette Lok nachgebaut. Drahtbespannte Hula-Hoop-Reifen formten den Kessel, mit Trockeneis die Bastler sogar Rauch, der stilecht aus dem Schornstein qualmte.

Sobald die Grundidee steht, packen alle mit an. Zwei Tage vor der Prüfung reisen die Lehrstuhl-Mitglieder aus allen Winkeln der Republik an und besorgen das Material im Baumarkt. Die Standards: Holzlatten, Maschendraht und Tapete - mit insgesamt 100 Euro, die vorher von den Kollegen eingesammelt werden, kommen die Physiker meist aus. "Damit kann man eigentlich alles bauen", erzählt Behrendt aus Erfahrung.

Es muss ja nicht für die Ewigkeit halten - was zählt, ist der schöne Schein für den Augenblick. "Nach den Wasserbomben-Attacken ist der Wagen eh hin, dann steht nur noch das Gerippe. Ist schon irgendwie krank", lacht Behrendt.

Die Wasserbomben gehören ebenfalls zum Ritual der skurrilen Doktor-Taufe. Über 200 Geschosse hageln beim nassen Bombardement auf den Delinquenten, der dafür zumindest in einen Schutzanzug schlüpfen und eine Schutzbrille tragen darf. Selbst bei den Frauen des Fachs wird da keine Ausnahme gemacht. "Bei den Frauen verzichten wir aber vorher auf den Kleister."

Akademisches Einstands-Ritual

In der "Hall of Fame", dem Kaffeeraum des Instituts, hängt eine regelrechte Ahnengalerie der schönsten Wagen. Was wie die Fortentwicklung des etablierten Abi-Scherzes anmutet, ist an dem Dortmunder Lehrstuhl längst mehr als eine Gaudi für die Kollegen. "Diese Aktion ist das Geschenk des Lehrstuhls an den Doktoranden", erklärt Olaf Behrendt. Und trotz der ekligen Matscherei mit Kleister und Kleintierstreu empfand noch jeder Doktorand diesen Teil seiner Doktorfeier als absoluten Höhepunkt.

Das große Finale der Dortmunder Doktortaufe ist schließlich die Fahrt in den Universitätsbrunnen. Im flachen Wasser des Springbrunnens wird der Delinquent dort geduscht - egal zu welcher Jahreszeit, egal bei welchem Wetter. Dabei ist das Physiker-Ritual sowohl gesundheitlich als auch ökologisch einwandfrei: "Wir benutzen nur wasserlöslichen Kleber und verletzt hat sich bei den Wasserbomben-Attacken auch noch niemand", erklärt Olaf Behrendt.

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