Gebührenboykott der brotlosen Künstler Zahlen statt Malen

Wer nicht zahlt, der fliegt - das gilt auch für Hamburger Kunsthochschüler. Trotzdem haben über zwei Drittel die Campus-Maut nicht überwiesen. Professoren scharen sich löwenmuttiartig um die Studenten. Sie ahnen: Die Studiengebühren könnten der HfbK den Garaus machen.

Von Katrin Schmiedekampf


"Ich könnte mir die Pulsschlagadern aufschneiden und mit meinem Blut ein Bild malen", sagt Frank Bentham, 30. Suizidgefährdet ist der Kunststudent nicht. Er will für ein Projekt herausfinden, wie viel Geld ein Künstler zum Arbeiten braucht. Ein Semester lang hat er versucht, seine Materialkosten mit Nebenjobs zu finanzieren, im letzten Semester wurde er gesponsert, "gerade probiere ich, mit null Euro auszukommen". Die blutige Idee ist nur eine mögliche Antwort auf die Frage: Womit soll ich nun arbeiten?

Frank hätte nie gedacht, dass sich in diesem Semester fast alle Studenten der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) mit der gleichen Frage beschäftigen würden. Nun sind Studiengebühren fällig: 500 Euro, dazu 250 Euro für Sozialbeitrag und Semesterticket - und viele wissen nicht, wie sie auch noch Geld für Farben, Programme und Filme auftreiben sollen.

Die Gebührenbilanz: 736 Studenten verzeichnet die Hochschule insgesamt, 165 davon zahlen als Lehramtstudenten ihre Gebühren an die Hamburger. 129 Kunststudenten sind von den Gebühren befreit. 442 müssten zahlen - aber nur 173 haben es nach Auskunft der Hochschule getan. Die anderen 269 Studenten (61 Prozent) haben entweder kein Geld überwiesen oder es auf ein Treuhandkonto eingezahlt. Ihnen droht nun die Exmatrikulation. Auch Frank Bentham gehört zu den Boykotteuren.

Die HfbK-Studenten sowie Kommilitonen von der Theaterakademie sind in Hamburg die einzigen, die noch in Form eines Boykotts gegen die Studiengebühren rebellieren. Das ist ungewöhnlich: Zum einen, weil Kunststudenten eigentlich Individualisten sind und selten in großen Gruppen zusammenwirken und abstimmen. Basisdemokratische Turnübungen sind für die meisten eine neue Erfahrung. Das führt zu zähen Diskussionen über Wörter (soll eine Arbeitsgruppe "Sommerakademie", "Sommeruni" oder "Trainingslager" genannt werden?) oder darüber, ob Journalisten bei einer Vollversammlung lauschen dürfen.

Die letzten Gebühren-Dissidenten

Ungewöhnlich ist der Widerstand zum anderen, weil Versuche in anderen Bundesländern bisher gescheitert sind. So schlug in Baden-Württemberg ein landesweiter Boykott fehl. Nur drei kleine Karlsruher Hochschulen erreichten die Quoren - aber den knapp 400 Gebühren-Dissidenten war es dann doch zu riskant, weiter zu kämpfen. An der Uni Hamburg überwiesen 6078 Studenten die Campusmaut auf ein Sonderkonto, 10.000 hätten es sein sollen. Also musste die Aktion abgebrochen werden.

Bis Montag hätten die Kunststudenten einlenken können. Da lief die Frist ab. Dass tatsächlich noch Geld auf das Konto der Hochschule überwiesen wurde, kann sich HfbK-Sprecherin Karin Pretzel "nicht vorstellen". Zu entschlossen wirkten die Studenten, die sich zur Vollversammlung trafen und in Kleingruppen über die nächsten Schritte berieten. "Wir boykottieren weiter", kündigte Benjamin Renter, 25, vom Verein der Gebührenverweigerer an.

Der Plan: Die Rebellen wollen sich in den Semesterferien eine Strategie überlegen, juristische Fragen klären, Protestbanner entwerfen. Außerdem wollen sie Daniel Richter, Fatih Akin und andere Ehemalige und Professoren um Unterstützung bitten.

Benjamin Renter und zwei Kommilitonen werden sich Donnerstagnachmittag mit dem Wissenschaftspolitiker Wolfgang Beuß, Mitglied der Hamburger CDU-Bürgerschaftsfraktion, zu einem Gespräch im Rathaus treffen. "Wir fordern, dass Studienfinanzierungsgesetz zu streichen", so der Student. Unter der Situation in der Hochschule litten alle. "Aber eine Exmatrikulation ist zurzeit nicht möglich. Wir haben noch bis Mitte Oktober Zeit", sagt Renter unter Berufung auf einen Anwalt, der den Verein berät.



insgesamt 1557 Beiträge
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Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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