Gebührenknatsch im Hause Blair Cherie träumt von alten Zeiten

Nur mit Mühe hat der britische Premier Tony Blair seine Partei von Studiengebühren überzeugt. Bei seiner Frau Cherie gelang ihm das nicht: Ohne Staatsgelder würde sie wohl als Verkäuferin arbeiten, sagte die erfolgreiche Rechtsanwältin - Gebührengegner frohlocken.


Da muss der vielbeschäftigte britische Premierminister sich beim Thema Studiengebühren schon mit Studentenvertretern und widerspenstigen Parteifreunden herumschlagen, und jetzt fällt ihm auch noch seine eigene Frau in den Rücken: Gerade macht Blairs Regierung sich daran, die Gebühren an englischen und walisischen Unis weiter in die Höhe zu treiben. Derweil erinnert sich seine Ehefrau Cherie Blair der guten alten Zeiten, in denen höhere Bildung auf der Insel noch kostenlos war.

Betet nicht nach Regierungsmantra: Cherie Blair
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Betet nicht nach Regierungsmantra: Cherie Blair

Die studierte Juristin und erfolgreiche Menschenrechtsanwältin vertraute dem Monatsmagazin "Counsel" an, dass sie sich vermutlich als Verkäuferin abgerackert hätte, wäre sie einst nicht in den Genuss staatlicher Bildungssubventionen gekommen. "Counsel" ist eine Publikation für Juristen. Cherie Blairs Äußerungen erschienen gestern in der aktuellen Ausgabe.

Sie sei die erste aus ihrer Familie gewesen, die die Universität besuchen durfte, sagte die 51-jährige First Lady. Ihr Studium habe ihr erlaubt, aus dem Liverpooler Arbeitermilieu aufzusteigen. Wörtlich sagte Cherie Blair: "Die Wahrheit ist, dass ich, wenn ich nicht Staatsgelder erhalten hätte, um an die Universität zu gehen, in einem Geschäft gearbeitet hätte."

Cherie Blairs Geständnis facht einen dauerhaft schwelenden Konflikt in Großbritannien wieder an: Denn heutige Studenten dürfen sich solcher Privilegien nicht mehr erfreuen, seit Cheries Ehemann Tony im Jahr 1998 das kostenlose Hochschulstudium abgeschafft hat.

Aufstand der Jungen

Derzeit liegen die Studiengebühren bei 1175 Pfund (rund 1700 Euro) pro Jahr. Nach den Plänen der Regierung können die englischen Universitäten ab September 2006 jährlich bis zu 3000 Pfund (rund 4400 Euro) einfordern. Die Studenten müssen erst nach Abschluss des Studiums zahlen, sobald sie auf ein Einkommen von jährlich 15.000 Pfund (rund 22.000 Euro) kommen.

Die Erhöhung hatte zu einer der größten Revolten von Labour-Hinterbänklern während Blairs Regierungszeit geführt: Obwohl der Premier sogar mit seinem Rücktritt drohte, konnte er das Gesetz nur mit einer knappen Mehrheit durch das Parlament pauken. Dort verfügte Labour seinerzeit über eine satte Mehrheit von 150 Sitzen.

Die Gebührengegner nahmen die Steilvorlage von Cherie denn auch gern auf. "Ich begrüße sie an Bord", sagte Ian Gibson, der führende Kopf der Gebührengegner in der Labour-Fraktion. Edward Davey, bildungspolitischer Sprecher der Liberaldemokraten, zeigte sich erfreut über "Cherie Blairs Erkenntnis, dass eine gebührenfreie Hochschulbildung unerlässlich für sie selbst und für Zehntausende andere wie sie war". Dann der liberale Seitenhieb auf den Premier: "Es ist eine schreckliche Tragödie, dass ihr Ehemann die Aufstiegsleiter hinter sich eingezogen hat."

Kat Fletcher, der Präsident der nationalen Studentenvereinigung, äußerte sich empört über den Opportunismus der Blair-Generation: Cherie Blair habe wie viele andere ihres Alters "die Chance gehabt, zu Bildung Zugang zu erhalten und ihr Leben aufgrund des gebührenfreien Erziehungssystem gründlich zu ändern".

Abgeschnittener Aufstiegsweg

Das gelte im Übrigen auch für Tony Blair und andere Kabinettsmitglieder wie Bildungsminister Charles Clarke und seine Staatssekretärin Ruth Kelly. "Wie viele potentiell hervorragende Menschenrechtsanwälte werden aufgrund dieser bedauerlichen Politik nie eine solch erfolgreich Karriere einschlagen können wie Cherie Blair?", fragte der Studentenvertreter rhetorisch.

Die Regierung bemühte sich, die Wogen zu glätten. "Frau Blair glaubt, dass ärmere Studenten staatliche Unterstützung benötigen", sagte ein Sprecher - "was sie im neuen, gerechteren System auch bekommen werden." Ihre Äußerungen seien "fehlinterpretiert" worden.

Die nationale Studentenvereinigung rechnete schon einmal genüsslich aus, was Cherie Blair bezahlen müsste, wenn sie im Jahr 2006 ihr Studium beginnen würde: Am Ende stünde sie mit 28.540 Pfund - rund 40.000 Euro - in der Kreide.

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