SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. März 2002, 10:02 Uhr

Gehälter

Warum Frauen weniger verdienen

Frauen sind bescheidener als Männer - zumindest bei den Gehaltsforderungen. Das fanden amerikanische Psychologen in einem Experiment mit 200 Studenten heraus. Ist das Selbstvertrauen von Frauen zu gering, oder neigen Männer zur Selbstüberschätzung?

Für ein paar Euro weniger: Frauen verzichten manchmal auch freiwillig
DPA

Für ein paar Euro weniger: Frauen verzichten manchmal auch freiwillig

Männer lassen sich sogar für schlechte Arbeit besser bezahlen als Frauen, jedenfalls in den USA. Das liegt aber kaum daran, dass Frauen Geld nicht zu schätzen wissen. Männer bewerten die von ihnen vollbrachten Leistungen einfach mit größerem Selbstbewusstsein - selbst wenn sie miserabel sind. Zu diesem Schluss kam ein Forscherteam um den Psychologen Brett Pelham an der University of New York in Buffalo.

Die Ergebnisse der bereits vor einem Jahr im "Journal of Experimental Social Psychology" veröffentlichen Studie hat nun das deutsche Magazin "Psychologie heute" aufgegriffen. In einem Experiment stellten Pelham und seine Mitarbeiter rund 200 Studenten Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Im Nachhinein konnten die Probanten ein Honorar einfordern, auch wenn sie an der Aufgabe gescheitert waren.

Bei sachgemäß erledigter Arbeit verlangten beide Geschlechter etwa gleich viel Honorar. Konnten sie die Aufgabe nicht lösen, gaben sich die weiblichen Testpersonen indes mit rund der Hälfte zufrieden. Männer dagegen hielten an ihren Gehaltswünschen fest - gleichgültig, welche Ergebnisse sie erzielt hatten.

Entscheidend für die geforderten Summen war auch, ob und für wie viel die Studenten neben der Uni arbeiteten. Pelhams Fazit: "Eine schlecht bezahlte Arbeit zu besitzen, hatte ungefähr den gleichen Effekt wie eine Frau zu sein." Wer dagegen viel verdiente - in der Regel waren das Männer - verlangte auch im Experiment mehr Geld.

Sicherheit wichtiger als Verdienst

Dabei würden höhere Gehaltsforderungen weiblichen Arbeitnehmern gut tun. Wie eine Anfang März vom Institut der deutschen Wissenschaft Köln (IW) veröffentliche Studie zeigt, bezogen Frauen im Jahr 2000 lediglich rund 80 Prozent des Bruttoverdienstes männlicher Arbeitskräfte. Das gilt jedoch nur für den bundesweiten Durchschnitt, in Ostdeutschland werden beide Geschlechter fast gleichwertig bezahlt.

Frau auf dem Weg zum Arbeitsamt: Beim Gehalt immer noch einen Schritt hinterher
DPA

Frau auf dem Weg zum Arbeitsamt: Beim Gehalt immer noch einen Schritt hinterher

Doch die Ursachen liegen nicht unbedingt im geringeren Selbstbewusstsein der Frauen. 38 Prozent aller arbeitenden Frauen sind teilzeitbeschäftigt, bei den Männern sind es nur fünf Prozent. Auch die Qualifikation spielt eine entscheidende Rolle. Denn jeder fünfte, nicht freiberuflich arbeitende Mann hat einen Hochschulabschluss, aber nur jede siebte Frau. Und Akademiker verdienen nun mal besser - meistens jedenfalls.

Nicht selten geben sich Frauen aber auch mit geringerem Verdienst zufrieden, wenn sie durch mehr Freizeit und soziale Absicherung entschädigt werden. Zu diesem Ergebnis kamen das Karrienetzwerk e-fellows.net und das Berliner Trendence Institut für Personalmarketing kürzlich in einer Umfrage unter Jurastudenten. Weibliche Juristen entschieden sich demnach mit Abstand am häufigsten für den öffentlichen Dienst oder die Europäische Union als Wunscharbeitgeber.

Ihren männlichen Kommilitonen dagegen war Verdienst und Karriere wichtiger. Über ein Drittel mehr als bei den Frauen strebt der Umfrage zufolge eine Karriere in Großkanzleien an, die talentierten Jungjuristen die höchsten Einstiegsgehälter der Branche anbieten - allerdings in Verbindung mit Arbeitszeiten von über 60 Wochenstunden. Da bleibt kaum Platz für Freizeit, für Familienplanung erst recht nicht. Und so erscheint vielen Frauen ein Leben als Beamtin offenbar doch reizvoller.

Vielleicht können Frauen ihre Leistungen aber auch einfach besser einschätzen als Männer. Schließlich interessieren sich Großkanzleien nur für die Top-Juristen, nicht für den Durchschnitt. Die Fähigkeit zur realistischen Bewertung der eigenen Fähigkeiten könnte somit eine der Ursachen für die unterschiedlichen Karrierewünsche sein - und auch die Ergebnisse von Pelhams Experiment erklären.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung