Geheime Frisur-Botschaften Fluchtweg im Haar

Es erinnert an "Prison Break", nur versteckten Afrokolumbianer, die der Sklaverei entrinnen wollten, ihre Fluchtpläne im Haar statt in Tattoos. Bei ihrer Abschlussarbeit stieß die kolumbianische Soziologiestudentin Lina María Vargas auf ein lange gehütet Geheimnis.

Von Karen Naundorf, Bogotá


Lina María Vargas, 31, interessiert sich schon lange für die Kultur der Afrokolumbianer. Die Soziologie-Studentin beschloss, eine Abschlussarbeit über die Menschen zu schreiben, die zu Hunderttausenden verschifft wurden, weil die spanische Krone 1534 den Konquistadoren erlaubte, schwarze Sklaven in die Provinzen des heutigen Kolumbiens zu bringen.

Also befragte Vargas die Afrokolumbianer, die ein Fünftel der kolumbianischen Bevölkerung ausmachen. Viele Regionen, in denen sie wohnen, sind von einem seit 40 Jahren dauernden bewaffneten Konflikt betroffen - die Menschen verlassen ihre Dörfer und gehen in die Großstädte. Genau da setzte Vargas Feldstudie an: Wie organisieren sich die Afrokolumbianer in Bogotá? Welche Funktion haben Treffpunkte wie Friseurläden?

Die Studentin ging von Laden zu Laden, trank Kaffee und ließ sich die Lebensgeschichten von Kunden und Friseuren erzählen: dass sie als Flüchtlinge nach Bogotá gekommen seien, weil sie von der Guerilla oder Paramilitärs vertrieben wurden, es auf dem Land keine Arbeit gab oder sie Familie in der Stadt haben. Für viele Neuankömmlinge waren die Friseurläden die erste Anlaufstelle in Bogotá. Hier konnten sie Leute treffen, ein bisschen Geld als Aushilfe im Laden verdienen und alles erfahren, was sie zum Überleben in der Großstadt brauchten.

Alles interessant für die Untersuchung der Studentin - doch dann erfuhr Vargas von einem anderen Thema, das sie noch viel mehr faszinierte: In den Frisuren der Afrokolumbianer verstecken sich geheime Botschaften.

Den Fluchtplan im Nacken

Die ältesten Überlieferungen stammen aus der Zeit der Sklaverei. "Über vieles konnte man damals nicht offen sprechen, etwa über Fluchtpläne. Oft mussten die Männer in Minen arbeiten und kannten die Umgebung nicht. Die Frauen dagegen schon: Sie wurden losgeschickt, um Küchenkräuter zu sammeln", erklärt Vargas, inzwischen fertige Soziologin. "Deshalb waren es meist die Frauen, die den Fluchtplan entwarfen und einen markanten Treffpunkt wie einen Hügel oder einen besonders großen Baum für alle festlegten."

Dann flochten sie auf den Köpfen der Kinder einen Plan der Umgebung: im Nacken das Ziel, zum Beispiel der große Baum. Um den Weg zu zeigen, markierten sie mit den Zöpfen Hügel, Täler, Flußläufe, Felsen. "Die Kinder liefen eine Zeitlang mit diesem Plan auf dem Kopf herum, mischten sich unter die Männer, damit die den Plan in Ruhe lesen konnten. Und am Tag der Flucht stoben alle auseinander, kannten aber den Treffpunkt", so Vargas.

Eine noch heute in Kolumbien übliche Sitte sei es, Erlebtes am Ende des Arbeitstages den Freunden zu erzählen und nachzuflechten: "Los sucedidos" heißen diese Zöpfchen. "Das machen zum Beispiel die Frauen, die in den Flüssen Gold waschen", sagt die Soziologin. "Wenn eine von ihnen tauchen muss, um an das Gold heranzukommen, flicht sie abends beim Erzählen einen Zopf und legt viele andere quer darüber. Der untere Zopf steht für die Frau, die oberen für das Wasser, das während des Tauchens über ihr liegt."

Großeltern erzählen's ihren Enkeln

Je mehr Läden Lina María Vargas besuchte, desto mehr Friseure kannte sie. Irgendwann galt sie als Expertin und wurde letztes Jahr in die Jury eines Frisurenfestivals geladen, bei dem Afrokolumbianer aus dem ganzen Land die neuesten Frisuren vorstellten. Das "El festival de la moña" wird jedes Jahr im Oktober von der Stiftung "Colombia Bella" organisiert. "Ich habe für eine Frisur gestimmt, die eine Brücke zeigte. Darunter war eine Fischfigur eingeflochten. Die Form der Brücke war dem Dorf nachempfunden, aus dem die Frau stammte", sagt Lina. "Sie gewann dann auch das ganze Festival."

Es ist ungewöhnlich, dass ausgerechnet eine weiße Studentin mit dunkelblonden Haaren von den geheimen Traditionen der Afrokolumbianer berichtet. "Eigentlich wird dieses Wissen nur mündlich und an Angehörige überliefert, von Großeltern oder Müttern an die Kinder und Enkel. Ich hatte Glück, dass mir die Leute davon erzählten", sagt Vargas.

Ab und zu sei sie auf Hindernisse gestoßen. Eine der Interviewpartnerinnen habe gesagt: "Wenn ich weiter rede, wird meine Großmutter böse." Wie schon zur Zeit der Sklaverei seien die Botschaften in den Zöpfchen ein Geheimnis der Afrokolumbianer - an dieser Tradition halten viele noch heute fest.

Ihre Abschlussarbeit hat Vargas auch als Buch herausgebracht. Darin geht es allerdings nur am Rande um die geheimen Botschaften der geflochtenen Zöpfchen, mehr um die Friseurläden als Treffpunkte der Afrokolumbianer. "Das war das eigentliche Thema meiner Studie, das ich vor Beginn der Feldforschung mit meinen Professoren von der Universidad Nacional de Colombia abgesprochen hatte", sagt sie. Jetzt will sie ein Stipendium beantragen, um mehr über die geheimen Botschaften in den Frisuren zu erfahren.

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