Geheimpläne für Studiengebühren Die Strippenzieher suchen Verbündete

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gilt als konservative Denkfabrik in der Bildungspolitik. Die emsigen Gebührenfans aus Güterloh wollen Modelle für Studiengebühren an einzelnen Unis erproben - die TU München prescht vor und erwägt Gebühren von mehreren tausend Euro pro Semester.

Von


Zur Kasse bitte: Die Gebührenpläne werden konkreter
DPA

Zur Kasse bitte: Die Gebührenpläne werden konkreter

Am heißen Eisen Studiengebühren haben sich die Rektoren der deutschen Hochschulen schon mehrfach verbrannt. Seit Jahren palavern sie meist ergebnislos: Etliche Rektoren lehnen jede Form von Studiengebühren strikt ab. Anderen würden in ihrer Verzweiflung fast jede Pille schlucken, die den siechen Hochschulen etwas Linderung versprechen könnte. Sie signalisieren Einverständnis, sofern die Einnahmen bei den Universitäten und Fachhochschulen verbleiben und nicht im Staatshaushalt versickern. Und ein kleiner, harter Kern in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) liebäugelt bereits seit Jahren mit allgemeinen Studiengebühren und nimmt in regelmäßigen Abständen neuen Anlauf.

Vor allem zwei Modelle werden derzeit bei den Rektoren diskutiert: Die eine Gruppe favorisiert "nachlaufende Gebühren" nach australischem Vorbild. Studenten sollen nicht während des Studiums, sondern erst nach dem Examen einkommensabhängig zahlen - eine Art Akademikerabgabe. Die andere Gruppe plädiert dafür, dass jede Hochschule selbst beschließen darf, ob sie Studiengebühren verlangt.

Kampagne von Studenten: Gegen jede Art von Gebühren

Kampagne von Studenten: Gegen jede Art von Gebühren

Zu einer klaren Entscheidung konnte sich die HRK nie durchringen, trägt aber gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung das Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Im November ermunterte die Rektoren das CHE, Pilotprojekte an einzelnen Hochschulen zu starten. "Studiengebühren als Option für autonome Hochschulen" heißt das Konzept, und bei einigen Hochschulen, etwa in Bayreuth und Erlangen/Nürnberg, stieß das einflussreiche CHE damit auf offene Ohren. Am weitesten wagte sich TU München vor.

Monatelang blieben die Gebührenpläne unter Verschluss, aber am Donnerstag wurden einige Details bekannt. Bereits im Januar schlossen CHE und die Münchner Hochschule, mit rund 20.000 Studenten ein Gigant unter den Technischen Universitäten Deutschlands, eine Kooperationsvereinbarung.

Bloß das unschöne S-Wort vermeiden

Das Papier, das UniSPIEGEL ONLINE vorliegt, hat es in sich: "Angesichts der begrenzten staatlichen Finanzmittel sieht die TU München Studiengebühren als eine wichtige weitere Einnahmequelle an, ohne die eine Verbesserung der Lehre nur schwer erreichbar scheint", heißt es darin. Und: "Es kann nicht um ein reines 'Sandkastenspiel' für Studiengebühren gehen; die erarbeiteten Konzepte sollen auch umgesetzt werden."

Für die Studenten könnte das gravierende Folgen haben. Im Konzept haben sich CHE und TU München darauf geeinigt, von "Bildungsbeiträgen" zu sprechen - das klingt nicht so unfreundlich wie Studiengebühren. Für die Darlehen an die Studenten sieht die Sprachregelung den Begriff "Stipendiensystem" vor. Es soll zur "Refinanzierung" dienen. Alle Studenten, die das wollen, können demnach elternunabhängige Darlehen zu günstigen Zinssätzen mit einkommensabhängiger Rückzahlung erhalten.

Das Stipendium soll etwa 12.000 Euro jährlich betragen und neben den Studiengebühren auch den Lebensunterhalt abdecken. Wie viel davon die Uni kassiert, geht aus dem Konzept nicht hervor. Unterschiedliche Gebühren je nach Studiengang sind denkbar. Als geeignet für den Start halten CHE und TU die Fächer Chemie, Informatik, Maschinenwesen, Mathematik sowie die MBA-Studiengänge.

Bayern verbietet Gebühren bislang

Um die Stipendien zu ermöglichen, will die Universität Partnerunternehmen gewinnen, vor allem einen Großsponsor für die Anschubfinanzierung. Neben Jobs in Partnerfirmen sollen auch neue Jobs für Studenten an der TU geschaffen werden, etwa als Tutoren im Grundstudium. Außerdem will die Hochschule ihre Studenten selbst auswählen, und zwar mit dem System der "need blind admission": Jeder geeignete Bewerber wird nach einem Aufnahmetest zugelassen, unabhängig von seiner Finanzkraft.

Voll besetzter Hörsaal: Wie viel ist ein Studium wert?
DPA

Voll besetzter Hörsaal: Wie viel ist ein Studium wert?

Das Konzept erinnert an das Modell der privaten Universität Witten/Herdecke, die bereits vor einigen Jahren ein eigenes Gebührensystem umsetzte (und unter anderem von der Bertelsmann-Stiftung unterstützt wird). Damit prescht die TU München vor - bisher hat keine staatliche Hochschule in Deutschland ein derart weitreichendes Modell entwickelt.

Die Idee hat allerdings mehrere Haken: So hat der Bundestag hat kürzlich einen bundesweiten Gebührenverzicht für das Erststudium beschlossen. Die Neuregelung des Hochschulrahmengesetzes lässt zwar Schlupflöcher für die Länder, doch auch das bayerische Hochschulgesetz verbietet Studiengebühren (mit Ausnahme des Zweitstudiums). "Für das Studium, die Hochschulprüfungen und die staatlichen Prüfungen werden von den Studenten Gebühren und Auslagen nicht erhoben", heißt es in Paragraf 85 unmissverständlich.

Lesen Sie im zweiten Teil:



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.