Geisteswissenschaften Der glückliche Sisyphos

Beim "Jahr der Geisteswissenschaften" können kleine und große Fächer sich präsentieren. Bei der Exzellenzinitiative schnitten sie schlecht ab. Nun wollen Geisteswissenschaftler nicht nur mit Lametta behängt werden, sondern strukturelle Verbesserungen erreichen.

Von Mareike Knoke


Bibliothek der FU Berlin: Fixstern in der Ödnis
DDP

Bibliothek der FU Berlin: Fixstern in der Ödnis

Wie ein silbrig schimmerndes Raumschiff sieht die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin aus der Luft betrachtet aus. Für die elf darin versammelten Philologien mit ihren ingesamt 700.000 Büchern ist das 6300 Quadratmeter große, kuppelgekrönte Werk des Star-Architekten Sir Norman Foster der strahlende Fixstern inmitten architektonischer Ödnis.

Drumherum steht das aus den 70er Jahren stammende und wegen seiner Korrosionsschäden Rostlaube getaufte Gebäude, das die meisten Geisteswissenschaften der Freien Universität (FU) beherbergt. Wahrlich kein Schmuckstück. Eher eine Verwahranstalt für den Geist, mit seinen altersfleckigen Teppichen und Wänden, die die Spuren der Asbestsanierung vor einigen Jahren tragen. Und so wie die Foster-Bibliothek symbolisch für Zukunft und Nachhaltigkeit der Geisteswissenschaften stehen kann, erscheint der rostbraune Bau so manchem wie ein Sinnbild des Verfalls. Vielleicht ist es ein treffendes Bild, um die gegenwärtige Situation am Vorabend des "Jahres der Geisteswissenschaften" zu beschreiben. Dessen Veranstalter, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), hat sich das Wort "Nachhaltigkeit" ausdrücklich auf die Fahnen geschrieben.

Kein Grund zu jammern

Bei Prof. Dr. Elisabeth Stark stößt man mit solchen Vergleichen allerdings auf wenig Gegenliebe. "Ich finde, uns geht es hier vergleichsweise gut. Das Gebäude ist sauber und ansprechend saniert, die Raumausstattung völlig in Ordnung", sagt die 37jährige Romanistin und klingt beinahe empört. "Wir haben keinen Grund zu jammern oder uns zu verstecken."

Berliner "Rostlaube": Verwahranstalt für den Geist
Reinhard Görner

Berliner "Rostlaube": Verwahranstalt für den Geist

"Wir" sind in diesem Fall die Geisteswissenschaftler im Allgemeinen und der Fachbereich Romanistik im Besonderen. Starks Worte werden den FU-Präsidenten Prof. Dr. Dieter Lenzen sicherlich freuen. Denn seine Hochschule hält sich etwas darauf zugute, dass hier die Geisteswissenschaften hochgehalten werden – als das Pfund, mit dem man in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative wuchern und dann endlich als Elite-Universität erfolgreich sein möchte.

So wurde an der FU kürzlich, auf Anregung des Wissenschaftsrates (WR) hin, ein Zentrum für Regionalstudien gegründet, das die Kompetenzen der Nord und Lateinamerikanisten und OsteuropaWissenschaftler mit denen der Ostasien und Orientwissenschaften zusammenführen und bündeln soll. Als Stärkung für die sogenannten kleinen Fächer, die normalerweise als Erstes den Sparzwängen zum Opfer fallen. Nachhaltigkeit soll hier entstehen und Austausch statt Kampf der Kulturen.

Nach einem ähnlichen Prinzip soll 2007 das Jahr der Geisteswissenschaften funktionieren – mit dem Titel "ABC der Menschheit" als thematische Klammer. "Veranstaltungen während des Jahres sollten die Leistungen, Vielfalt und Anwendungsbreite der Geisteswissenschaften in der breiten Öffentlichkeit sichtbar und erlebbar machen", heißt es in einem Konzept des BMBF, das die Themenjahre der Wissenschaft seit 2000 mit wechselnden Partnern organisiert. Ziel sei es, das Jahr mit einer "nachhaltigen strukturellen Stärkung zu verbinden".

Bedürfnis Nummer eins: Zeit

Das Timing ist nicht schlecht: Vor einem knappen Jahr sprach der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland aus. Er empfahl dringend, die Bedingungen für Forschung und Lehre zu verbessern und dabei auch die Position der kleinen Fächer wie etwa Slawistik, Sinologie oder Indologie zu stärken. Durch die Einrichtung von Forschungskollegs und Zentren für Regionalstudien. Auch die Etablierung einer länderübergreifenden Clearingstelle empfahl der WR. Sie soll sicherstellen, dass es keinen verheerenden Kahlschlag durch unkoordiniertes und flächendeckendes Streichen vor allem der kleinen Fächer gibt. Jetzt muss sich zeigen, ob den Worten auch Taten folgen.

Die Romanistin Elisabeth Stark ist Mitglied einer FU-Arbeitsgruppe, die seit ein paar Wochen an einem Veranstaltungsangebot für das Themenjahr bastelt. Wie bringt man denn, um Himmels willen, eine solche Vielzahl von Fächern unter einen Hut, damit am Ende dieses Jahres 2007 Nachhaltigkeit herauskommt? Elisabeth Stark lacht: "Eine typische Geisteswissenschaftler-Bemerkung! Da wird uns endlich die Chance geboten, uns zu präsentieren, und wir finden natürlich wieder ein Haar in der Suppe." Genörgelt habe aber bislang ihres Wissens noch kein Kollege an der FU, betont sie.

"Denn wir sind uns hier über die Notwendigkeit, die Bedürfnisse der Geisteswissenschaftler mit den Veranstaltungen an die Öffentlichkeit zu transportieren, absolut einig." Bedürfnis Nummer eins: Zeit, Zeit und nochmals Zeit. "Der Öffentlichkeit muss klar werden, wie wir arbeiten, dass wir anders arbeiten als die Naturwissenschaftler und vor allem, warum wir anders arbeiten. Und dass man unsere Forschungsarbeit deshalb auch mit anderen Maßstäben bewerten muss", wünscht sich Elisabeth Stark. "Bei uns geht es weniger um die Höhe der Drittmittel wie etwa bei den Naturwissenschaftlern, sondern um strukturelle Verbesserungen, die uns den Rücken stärken. Wir brauchen auch eine Entlastung von den einzelnen Aufgaben."

Reines PR-Jahr würde wenig bringen

Zum Beispiel: "Lieber weniger Stunden lehren, dafür aber durchweg gute und interessante." Das heißt auch: "Die Forschung darf nicht komplett von der Lehre entkoppelt werden. Neue Erkenntnisse möchte ich unmittelbar mit meinen Studenten diskutieren können."

Damit liegt sie auf einer Linie mit prominenten Geisteswissenschaftlern wie Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin an der FU Berlin. "Einen wirklichen Nachhaltigkeitseffekt hätte das Jahr der Geisteswissenschaften, wenn am Ende noch deutlicher wird: Die Hochschulen sind der Ort für die geisteswissenschaftliche Forschung", sagt Fischer-Lichte.

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Das sieht Prof. Dr. Ulrich Herbert ähnlich. Der Historiker an der Universität Freiburg war Leiter der Arbeitsgruppe des WR, die die Empfehlungen zur Situation der Geisteswissenschaften erarbeitete. Für Herbert ist jedoch – neben den verbesserungswürdigen Forschungsbedingungen– die hoffnungslos überlastete Lehre ein Hauptproblem, das es radikal zu ändern gilt.

Dabei könnte, seiner Meinung nach, ein (Werbe)Jahr der Geisteswissenschaften allerdings eher kontraproduktiv wirken: "Denn nützen kann man den Geisteswissenschaften paradoxerweise eher dadurch, dass man möglichst viele potenzielle Studierende davon abhält, sich ohne großes Nachdenken für ein geisteswissenschaftliches Fach einzuschreiben", sagt Herbert. Natürlich sei es gut, dass durch gezielte Veranstaltungen Aufmerksamkeit auf verschiedenste Bereiche der Geisteswissenschaften gelenkt werde, etwa indem man Diskussionen anrege. Trotzdem meint Herbert: "Dass das Jahr nachhaltigen Nutzen haben wird, wage ich zu bezweifeln."

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, ebenfalls Historikerin und stellvertretende Vorsitzende des Historikerverbandes. Vor allem in Hinblick auf die Förderung der kleinen Fächer – "denn die Verteilungskämpfe spielen sich auf einer Ebene ab, wo die Beteiligten eigentlich wissen, welche Bedeutung die Geisteswissenschaften haben". Sprich: Diesen Leuten braucht man nicht mehr zu erklären, welch wichtigen Beitrag die Geisteswissenschaften in Fragen des kulturellen Verständnisses und zur Sensibilisierung für gesellschaftliche Zusammenhänge leisten. Auch ausgeklügelte PR-Aktionen würden dort niemanden beeindrucken, wo Wissenschaft unter einem kurzfristigen ökonomischen Kosten-Nutzen-Aspekt betrachtet wird.

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