Geisteswissenschaften Die Dickbrettbohrer

In Zeiten, in denen alles auf ökonomische Verwertbarkeit geprüft wird, stehen die Geisteswissenschaften oft im Abseits. Doch Jammern hilft Platons Erben nicht weiter - die Denk- und Grübelfächer müssen zeigen, was sie können. Bei Studenten sind sie erstaunlich beliebt.
Von Per Hinrichs

Der Weg zur Erkenntnis führt an schrundigen Steinmauern und gepflasterten Plätzen vorbei zu einem mächtigen Renaissancepalast. Mitten in Florenz prangt das ehrwürdige Gebäude, das "Istituto di Scienze Umane" (SUM), Institut der Geisteswissenschaften. Eine Uni nur für Historiker, Sprachwissenschaftler und Philosophen, ein Wissenstempel in der toskanischen Kapitale. Es ist der Lebenstraum von Umberto Eco, der die private Hochschule 2002 mit ins Leben gerufen hat.

Die Zukunft liegt für den 75-jährigen Romancier und Wissenschaftler im Mittelalter: In dieser Periode sprachen die Studenten und Intellektuellen miteinander nur Latein und lernten weitgehend fächerübergreifend, um möglichst die ganze Welt zu erfassen. Nach diesem Vorbild haben er und seine Mitstreiter ihre Hochschule ausgerichtet; wenn auch mehr Italienisch als Latein gesprochen wird.

Wer seinen Doktor in Geschichte des christlichen Denkens macht, muss sich beispielsweise mit der Farbenlehre Goethes beschäftigen, mit den Denkmodellen mittelalterlicher Kabbalisten oder dem Werdegang europäischer Länder. "Mich fasziniert jene Epoche, in der man noch eine Idee von etwas hatte, was ich das totale Wissen nenne", schwärmt Maestro Eco über seinen Elfenbeinturm.

Deutsche Studenten, an überfüllte Seminare und Hörsäle gewohnt, können die 130 Doktorranden an der SUM bloß beneiden. Eine private Hochschule, nur für Philosophen aller Art? Gibt's nicht im Land der Dichter und Denker.

Ansturm der Studenten trotz unsicherer Aussichten

Zwar hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan 2007 zum "Jahr der Geisteswissenschaften" ausgerufen, doch längst ist eine Diskussion über Sinn und Zweck der Fächer aufgebrochen. Die Klagen über gestrichene Seminare, gekürzte Budgets und rasierte Stellenpläne häufen sich:

  • In Greifswald werden die Geisteswissenschaften zusammengestrichen, dafür sollen sie 100 Kilometer entfernt in Rostock unangetastet bleiben.
  • Die Passauer Universität möchte einen Lehrstuhl für Philosophie schließen.

Doch ein angekratztes Image, die schlechte Ausstattung und unsichere Berufsaussichten haben die Geisteswissenschaften nicht vor einem wahren Ansturm von Studenten bewahren können. Im Jahr 2005 nahmen 82 000 Erstsemester in diesem Bereich ihr Studium auf, das sind 23 Prozent aller Anfänger - und ein Viertel mehr als 1995. Entsprechend groß ist der Lehr- und Platzbedarf. Auf einen Professor in den Geisteswissenschaften kommen durchschnittlich 94 Studenten, in den anderen Fächern muss sich ein Ordinarius um ein Drittel weniger kümmern. Seit den neunziger Jahren ist die Zahl der Professoren sogar leicht zurückgegangen. Insgesamt fließen in die Sprach- und Kulturwissenschaften etwa zehn Prozent der Uni-Etats.

"Ohne Geisteswissenschaften geht es nicht"

Mangelnde Beliebtheit ist also nicht das Problem der "brotlosen" Fächer. Eher eine indifferente Haltung zu ihnen. Warum, zum Beispiel, wurde 2007 zum "Jahr der Geisteswissenschaften" erklärt, wobei alle Disziplinen in einen Topf kamen? Warum gibt es nach sieben technisch-naturwissenschaftlichen Fächerjahren nicht ein Jahr der Germanistik oder der Philosophie? Für 2008 ist das Jahr der Mathematik angekündigt, nachdem 2006 bereits das Jahr der durchaus artverwandten Informatik war.

Es geistert ein altes Vorurteil durchs Land: Geisteswissenschaften zu studieren führe direkt in die Arbeitslosigkeit. Und unausgesprochen steckt dahinter die Annahme, diese Fächer seien auch sonst zu nichts zu gebrauchen. Allenfalls als Spielwiese für Schöngeister und Verschrobene, die sich für die Erforschung des isländischen Elfenglaubens oder die Geschichte der Arbeitertheater in der Weimarer Republik begeistern können.

Die reinen Zahlen sprechen keineswegs gegen die Denk- und Grübelfächer. 7885 Geisteswissenschaftler waren im März 2007 arbeitslos gemeldet, was sich neben 27.106 Ingenieuren und 5468 Juristen gar nicht so übel ausnimmt.

Doch abseits der rein statistischen Betrachtung ist die Frage ja durchaus legitim: Wofür braucht man Geisteswissenschaften eigentlich? Wozu sind sie gut? Leisten wir sie uns lediglich - oder profitieren wir in irgendeiner Art und Weise von ihnen?

"Die Gesellschaft braucht sie als kulturelles Reflektionspotential, in dem die anderen Bereiche kritisch hinterfragt, bewertet, verglichen, historisch vertieft werden, kurz: um diese historisch gewordene Welt besser verstehen zu können", sagt der Münchner Historiker Winfried Schulze.

"Die Geisteswissenschaften stoßen manchmal in Bereiche vor, die noch unerschlossen sind, wie der Astrophysiker ein Lichtjahre entferntes Schwarzes Loch erforscht", sagt Ulrich Herbert, Geschichtswissenschaftler an der Uni Freiburg.

"Geisteswissenschaften arbeiten an unserem Gedächtnis und unserer kulturellen Identität. Es geht deswegen gar nicht ohne sie", sagt Professor Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats. "Noch nicht einmal die zwei große Strömungen unserer Gegenwart, die Globalisierung und die Wiederkehr des Religiösen, lassen sich ohne die Geisteswissenschaften einordnen oder erklären."

Strohschneiders Professorenzimmer in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität verströmt nicht gerade Elite-Charme: ein Siebziger-Jahre-Bau, mit Linoleum ausgelegt, in der Ecke eine quietschgrüne Sitzgruppe. Dabei gehört der Mediävist zu den wichtigsten Wortführern der Bildungspolitik.

Sein Gremium ist so etwas wie ein Think-Tank von Bund und Ländern, unablässig spricht es Empfehlungen und Ratschläge für die Regierenden aus, wenn es um die Evaluierung von Studiengängen, Perspektiven von Universitäten oder die Qualität von Lehre und Forschung geht. Da neben Wissenschaftlern auch Bund und Länder in der Kommission sitzen, haben die Vorschläge einen verbindlichen Charakter - sie sind vorher schon durch die Kompromissmühle gegangen und gelten als ausgegoren.

Strohschneider, selbst Ordinarius für Alt-Germanistik, verkneift sich das Jammern: "Es ist richtig, dass es Sparrunden gibt. Und die treffen auch und ernsthaft die Geisteswissenschaften", sagt er. "Aber es wäre erfolgreicher, wenn sie darauf nicht mit 'Gekränktheitsrhetorik' antworteten, sondern stattdessen ihre Leistungen und ihre Faszinationen darstellten."

Beim Ezellenz-Antrag Geisteswissenschaften mit "ghost sciences" übersetzt - autsch!

Vor lauter Lust am Leiden scheinen manche Professoren die Präsentation ihres Fachs zu vergessen. "Der verbreitete Habitus mancher Kollegen, keine Formulare ausfüllen zu wollen oder sich Computern zu verweigern, ist ein Ärgernis", stichelt der Historiker Herbert. "Wir als Professoren können nicht so tun, als würden wir noch zu den Bedingungen des 19. Jahrhunderts lehren und forschen."

Die Definition von Leistungsstandards sei im Vergleich zu anderen europäischen Staaten oder den USA stark unterentwickelt. "Zwischen 1995 und 2003 ist die Zahl der Studenten in den Geisteswissenschaften um 50 Prozent angewachsen." Auf diese Weise, rechnet Herbert vor, könnten die Ministerien höhere Studentenzahlen generieren - "und zwar ohne Zusatzkosten, weil die Zahl der Professorenstellen natürlich nicht erhöht wurde". Die Folge: Das Niveau in den Lehrveranstaltungen sinkt rapide. "Viele Professoren resignieren und gehen mit den Studenten einen faulen Pakt ein: Ich tu euch nicht weh, und ihr mir nicht", so Herbert.

Der Lehrbetrieb lässt sich so zwar aufrechterhalten, "Exzellenz" zu erwarten dürfte angesichts solcher Bedingungen schwierig werden. Groß ist das Wehklagen mancher Professoren, die die Geisteswissenschaften im Elite-Wettbewerb um die besten Projekte und Universitäten im Hintertreffen sehen. Nur eine Handvoll Anträge wurde in die engere Auswahl einbezogen. Der Heidelberger Literaturprofessor Dieter Borchmeyer hielt im vergangenen Oktober schon eine Grabrede auf die Geisteswissenschaften, als diese im Elite-Uni-Wettbewerb leer ausgingen. Aus der "halboffiziellen Titelverleihung" spreche die "gängige Verabsolutierung naturwissenschaftlichen-technischen Denkens"; damit sei die "deutsche Universität tot", ätzte Borchmeyer.

Allerdings haben sich manche Rektorate bei den Anträgen auf Elite-Status selbst ein Bein gestellt. So berichtet der Konstanzer Professor Axel Meyer, der in einer Auswahlkommission saß, von grotesken Englisch-Übersetzungen in den Anträgen mancher Kollegen. Von einem "research center of gravity" war da die Rede (gemeint ist der Forschungsschwerpunkt). Und wer Geisteswissenschaften mit "ghost sciences" übersetzt (kein Witz!), kann sich vielleicht mit der Volkshochschule Wanne-Eickel messen, aber nicht mit Harvard.

Krise? Welche Krise?

Während die Lehre aus unterschiedlichen Gründen kritisiert wird, steht die Forschung in den geisteswissenschaftlichen Fächern - trotz Elite-Flaute - verhältnismäßig gut da. So schwankt der Anteil der Geisteswissenschaften an Forschungsmitteln der DFG insgesamt seit 1990 um zehn Prozent. Bei den überregionalen und interdisziplinären Programmen hat er 2003 schon einen Anteil von 64 Prozent erreicht - das entspricht immerhin 714 Millionen Euro.

Die Exzellenz unter den Guten lässt sich schon besichtigen. In Konstanz wächst zurzeit das einzige geisteswissenschaftliche Cluster heran, das sich im Elite-Wettbewerb durchsetzen konnte: Professor Rudolf Schlögl will am Bodensee mit 70 Mitarbeitern die "Kulturellen Grundlagen von Integration" erforschen.

Wenn Schlögl erzählt, ist von Krise keine Rede mehr. "Wir bekommen 6,5 Millionen Euro pro Jahr, stellen bis zu 70 neue Mitarbeiter ein, darunter 4 Professoren", schwärmt der Forscher. Seine Universität, gegründet in den sechziger Jahren, liegt vor den Toren der Stadt auf einem Hügel. Vom Campus aus blicken Studenten und Dozenten auf den glitzernden See, Konstanz liegt der Uni zu Füßen, Weltprobleme scheinen weit weg zu sein.

Bis 2011 haben Schlögl und seine Leute Zeit und Geld bekommen, vier Forschungsfelder zu bearbeiten: Identitätskulturen, Erzähltheorie als Kulturtheorie, Transkulturelle Hierarchien und die Kulturdynamik von Religionen. Historiker, Soziologen, Theologen, Literaturwissenschaftler, Juristen und Politologen sollen zusammen herausfinden, auf welchen Fundamenten Integration ruht, und Schicht für Schicht freilegen, wie die einzelnen Bestandteile zusammenhängen. "Wir wollen uns beispielsweise um Fragen kümmern, wie religiöse Gewalt entsteht und ob monotheistische Religionen anfälliger sind für Gewalt", erklärt der 51-Jährige.

Berufseinstieg: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst

Böse Zungen im Kollegenkreis könnten vermuten, dass das Reizwort Integration zum Sieg der Konstanzer geführt hat. "Wir betreiben Grundlagenforschung", wehrt der Exzellenz-Chef ab, "wir liefern keine wissenschaftlichen Expertisen für die Integrationspolitik von morgen." Und doch liegt der Verdacht nahe, dass auch hier der mögliche Nutzwert eines Projekts eine Rolle gespielt haben könnte. Wäre das nun verwerflich oder sogar sinnvoll?

"Geisteswissenschaften sind an sich nicht 'nützlich', sie sind der Sand im Getriebe der Pragmatik", meint Schlögl. "Moderne Wissenschaften sind entstanden, weil sie sich funktional frei gemacht haben und sich auf ihren Gegenstand fokussiert haben." Dass die Konstanzer dennoch nicht weltabgewandt auf ihrem Forschungshügel thronten, zeige ja auch die Einrichtung zweier Stellen für Öffentlichkeitsarbeit.

"Natürlich gehen wir mit unseren Erkenntnissen nach draußen. Nur forschen wir nicht ergebnis-, sondern fragenorientiert", sagt Schlögl. Eines ärgert ihn aber doch: die Frage nach seiner Existenzberechtigung. "Kaum jemand zweifelt zum Beispiel den Nutzen eines teuren Teilchenbeschleunigers an, der einen sehr experimentellen Charakter hat." Da wisse man ja auch nicht, ob am Ende wirklich "für die Gesellschaft" etwas herauskomme.

Nie gegen die Neigung anstudieren

Hochschulforscher wissen, dass man aus einem Liebhaber postmoderner Geschichtsdiskurse in der Regel keinen Flugzeugbauer schnitzen kann. "Niemand sollte gegen seine Neigung anstudieren", sagt Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System in Hannover: Seine Studentenbefragungen haben ergeben, dass diejenigen, die sich bei ihrer Fachwahl zu sehr von äußeren Motiven leiten ließen, ihr Studium häufiger abbrachen als jene, die aus reiner Neigung wählten.

"Wer seine Fähigkeiten in Germanistik sieht, für den ist Elektrotechnik vergebliche Liebesmüh", sagt Heine. Eher sollten die angehenden Literaturwissenschaftler ihr Fach mit Spezialwissen aus anderen Disziplinen kombinieren, um vielseitiger einsetzbar zu sein. "Mit Kenntnissen in Informatik oder Jura finden Geisteswissenschaftler schneller einen Job", so Heine. Praktika und Nebenjobs während des Studiums sowie viel Flexibilität müssen die Dickbrettbohrer mitbringen, wenn später ein renommierter Firmenname auf der Lohnsteuerkarte erscheinen soll.

Denn Historiker und Romanisten können in der Wirtschaft Karriere machen - wenn sie es denn wollen. Ganz oben bei den Berufswünschen steht nach wie vor "irgendwas mit Medien". Journalismus, PR und Werbung bieten Absolventen traditionell am ehesten einen Jobeinstieg. Wer schreiben oder senden möchte, muss in der Regel vor dem Volontariat oder der Journalistenschule ein Diplom oder einen Magister vorweisen. Beim SPIEGEL beispielsweise haben etwa 70 Prozent der Redakteure ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen.

Viele Frauen = seichtes Fach?

Aber auch in der Welt der Business-Class kommen Historiker und Germanisten unter. Deren Beschäftigungsquote in der Privatwirtschaft beträgt etwa 14 Prozent. Selbst bei Top-Unternehmen wie McKinsey liegt ihr Anteil bei 8 Prozent. Aus Mitleid bekommen sie dort keinen Job: "Sie gehören zu den Besten ihres Fachs", sagt Nina Wessels, bei McKinsey verantwortlich für die Nachwuchswerbung. Dazu gehören nicht nur gute Noten, sondern auch Engagement neben dem Studium. "Geisteswissenschaftler sollten nicht nur nach Vorliebe studieren, sondern möglichst genaue Vorstellungen haben, was sie später beruflich machen wollen", rät die Personalerin. Die Stärken sieht sie besonders im kommunikativen Bereich: "Sie diskutieren zielgerichtet, bringen Dinge auf den Punkt und sind überaus teamfähig", lobt Wessels.

Vielleicht hängen diese Beobachtungen auch damit zusammen, dass zwei Drittel aller geisteswissenschaftlichen Studenten Frauen sind. Und der weibliche Anteil der Absolventen sogar bei 72 Prozent liegt. Mayte Peters, 25, promoviert gerade zum Thema "Europäische Integration" und wehrt sich gegen die herablassende Bezeichnung "Frauenfach": "Das suggeriert, dass Romanistik oder Literaturwissenschaft seichte Fächer seien - nur, weil das wenige Männer studieren", stellt Mayte fest. Der hohe Frauenanteil in den Geisteswissenschaften sei wohl kaum genetisch bedingt, meint sie: "Geisteswissenschaften sind nicht gleich weiblich, Frauenfächer nicht automatisch leicht, blonde Mädchen nicht alle hohl, Studentinnen nicht gleich Streber."

Und warum studieren Jungs lieber die Gesetze der Thermodynamik und überlassen den Frauen etwa das Feld der Literatur? "Vielleicht liegt es im Glauben, mit einem berufsspezifischen Studiengang spätestens im Arbeitsleben in eine Geschlechterrolle gedrängt zu werden. Die Geisteswissenschaften lassen einfach mehr Raum bei der beruflichen Planung", sagt Mayte.

Interessante These. Das müsste man mal erforschen. Wäre eine schöne Aufgabe für einen Geisteswissenschaftler.

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