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31. Januar 2006, 06:08 Uhr

Geisteswissenschaftler

Ehrenrettung für den Denker

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Sie sind ein bisschen schief ins Leben gebaut und laufen beim Arbeitsamt unter "schwer vermittelbar". Jetzt kuriert der Wissenschaftsrat das lädierte Image der Philosophen, Historiker, Romanisten: Kulturell und politisch wichtig seien sie - und nützlich ebenso.

Geisteswissenschaftler verzetteln sich gern in den Verästelungen ihrer Disziplinen und vergraben sich so lange im Studierstüblein, bis sie für den Arbeitsmarkt nicht mehr zu gebrauchen sind. Schaffen sie nicht den Sprung auf einen der raren Professorenposten, enden die Schöngeister als mittellose Exzentriker, deren gesellschaftliches Prestige knapp über dem von Sozialhilfeempfängern liegt.

Der Denker (vor der Uni Köln): Warme Worte für gebeutelte Disziplinen
R. Oranski

Der Denker (vor der Uni Köln): Warme Worte für gebeutelte Disziplinen

Soweit das gängige Klischee über Geisteswissenschaftler - zugespitzt zwar, aber in abgeschwächter Form durchaus salonfähig. Die Geisteswissenschaften, einstmals die akademische Königsdisziplin, haben in der gegenwärtigen Debatte um den Wert einzelner Hochschuldisziplinen einen schweren Stand.

Der unmittelbare wirtschaftliche Nutzen von Ingenieur-, Wirtschaft- und Naturwissenschaften scheint auf der Hand zu liegen, die Geisteswissenschaften gelten dagegen als Verlustbringer. Während jeder 08/15-BWLer seinen vermeintlichen Marktwert mit stolz gegeltem Kamm vor sich her trägt, bekommen angehende Germanisten, Soziologen und Historiker schon im ersten Semester eingeredet, sie sollten besser neben den Seminar- auch einen Taxischein erwerben.

Grundlose Panik

Dass solche Panikmache Humbug ist, merken die meisten Geisteswissenschaftler erst, wenn sie dann doch den Sprung in den Beruf schaffen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftsrates ist jedoch dazu geeignet, dass lädierte Ego der Geisteswissenschaftler schon früher aufzurichten. "Die Leistungen der Geisteswissenschaften sind in der Forschung ebenso wie in der Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr gut und international anerkannt", resümiert eine Arbeitsgruppe von deutschen und internationalen Experten, die sich der geschmähten Disziplinen angenommen hat.

Das 160 Seiten starke Positionspapier mit dem Titel "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" wurde Montag in Berlin vorgestellt. "Unser zentrales Anliegen ist die Stärkung der Geisteswissenschaften in den Universitäten", sagt Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates.

Die renommierte Wissenschaftsorganisation verwehrt sich gegen eine "deplatzierte Krisenrhetorik" und verweist auf Erhebungen, wonach 73 Prozent der geisteswissenschaftlichen Absolventen fünf Jahre nach ihrem Abschluss einen festen Job haben. Das liegt nicht allzu weit unter dem Mittelwert aller Studienfächer von 87 Prozent. Das "Tätigkeitsspektrum" von Geisteswissenschaftlern habe sich erheblich erweitert. Der Wissenschaftsrat führt als Arbeitsfeld "Hochschul-, Forschungs- und Kultureinrichtungen" an, die Medien sowie "Dienstleistungen bis hin zu Handel, Transport oder Wirtschaftsberatung".

"Kulturelle und politische Selbstvergewisserung"

Die scheinbar nutzlosen Fächer bereiten aber nicht nur auf den Beruf vor. Der Wissenschaftsrat weist ihnen auch eine höhere Aufgabe zu: Die Geisteswissenschaften wirkten "gleichermaßen an der kulturellen und politischen Selbstvergewisserung Deutschlands und an der ökonomischen Wertschöpfung mit", heißt es in dem Papier.

Willkommener Zuspruch für gebeutelte Disziplinen, stehen die Geisteswissenschaften doch auf den Streichlisten klammer Finanzminister ganz oben. Auch bei der Verteilung von neuen Geldern haben sie einen schweren Stand. Vor rund einer Woche mussten die Geisteswissenschaften ihren jüngsten Dämpfer erdulden: Die Liste der Projekte, die im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert werden, führt hauptsächlich Eingaben aus Technik und Naturwissenschaften.

So werden die Geisteswissenschaften gleich von zwei Seiten bedrängt: Ihre breite Basis wird in Frage gestellt, indem man ihnen die Mittel entzieht. Und in die Spitze heben will sie auch niemand so recht. Der Wissenschaftsrat ermahnt deshalb die Bildungspolitiker mit gutem Grund, einen "Kernbestand geisteswissenschaftlicher Disziplinen" zu erhalten. Dazu zählen die Experten folgende fünf Kompetenzbereiche, die unbedingt zu einer Volluniversität gehören sollten: Erstens Sprachen und Texte, zweitens Bild, Musik und Theater, drittens Geschichte und Gesellschaft, viertens Erkenntnis, Ethik und Religion und fünftens außereuropäische Wissensbereiche.

Betreuung verschlechtert sich weiter

Um ihre Kräfte zu bündeln, sollten Geisteswissenschaftler aber stärker interdisziplinär arbeiten und sich auf ihre Kernkompetenzen und zentralen Methoden besinnen. Zusätzlich regt der Wissenschaftsrat an, nach angelsächsischem Vorbild bis zu 20 "Institutes for Advanced Studies" einzurichten, in denen sich Hochschullehrer und Gastwissenschaftler der Forschung widmen können.

Das alles geht nicht ohne zusätzliches Geld. Ohne "substantielle Mittelzuwächse", so der Wissenschaftsrat, seien die Forschungsleistungen bedroht. Der Sparkurs belastet vor allem die Lehre: In geisteswissenschaftlichen Studiengängen kam im Jahr 2003 ein Professor auf 93,7 Studenten, während es vier Jahre zuvor noch 75,3 Studenten waren. Ein Zehntel des gesamten Wissenschaftspersonals an Hochschulen unterrichtet ein Viertel der gesamten Studenten. Die Fächergruppe der Geisteswissenschaften muss dabei mit einem Zehntel der Hochschulausgaben auskommen.

Rund 45 Prozent der potentiellen Geisteswissenschaftler brechen ihr Studium ab, fast doppelt so viele wie in den anderen Fächern. Diese Quote wird sich in den kommenden Jahren eher noch verschlechtern: Die Fakultäten erwarten weitere Stellenkürzungen, bei gleichzeitig steigenden Studentenzahlen.

Die Werbeoffensive fällt mit einer Personalie zusammen, die ebenfalls die Geisteswissenschaften stärken könnte: Neuer Vorsitzender des Wissenschaftsrates wird der Münchner Altgermanist Peter Strohschneider. Er löst den Neurologen Karl Max Einhäupl an der Spitze des Expertengremiums ab.

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