Geld verdienen mit dem Diplom Vom Staubfänger zum Wertpapier

Monatelang brüten Studenten über ihren Diplom-, Magister- oder Doktorarbeiten. Und dann wandern die Werke ins Regal. Aber immer mehr Absolventen machen aus dem Examen ein "Projekt Ich": Sie publizieren und vermarkten ihre Arbeiten.

"Der ganze Stress sollte sich ja auch lohnen, dachte ich mir, und wenn ich mit der Vermarktung meiner Diplomarbeit noch ein wenig Geld verdienen kann, dann gerne", sagte sich zum Beispiel Dagny Bross aus Karlsruhe. Ihre Diplomarbeit zum deutsch-türkischen Ethno-Marketing bietet sie über die Plattform diplom.de im Internet  an.

198 Euro kostet die Studie dort. Und sie läuft und läuft und läuft: Zweimal monatlich im Schnitt geht das Werk über den Ladentisch und gehört damit zu den Bestsellern. Björn Bedey gründete das Portal, mit dem auch UniSPIEGEL ONLINE kooperiert. Bedey stellt den Vermarktungserfolg für fast jeden Autor in Aussicht: "Wir haben letztes Jahr 6000 Studien verkauft, und es gibt kein Thema, für das es nicht einen Käufer gibt."

Rund 200 Euro kosten die Arbeiten - ungefähr die Hälfte davon bekommen die Autoren. Abnehmer sind neben den Hochschulen oder Studenten auf Recherche vor allem auch Unternehmen: Nach Angaben von Bedey begeben sich bei ihm unter anderem Microsoft, IBM, Siemens, die Deutsche Telekom, Bahlsen, Bertelsmann oder auch die Deutsche Bank auf die Suche nach wissenschaftlichen Lösungen und jungen Ideen für ihr Unternehmen.

Im "Fußnoten-Kreislauf" bleiben

Natürlich gibt es auch noch andere Wege, sein Werk bekannt zu machen. Kunst- und Designstudenten zum Beispiel suchen sich gern ungewöhnliche Projekte, die auch außerhalb der Hochschule interessieren. So gaben in den letzten Monaten zwei Studenten autobiografische Comics als Diplomarbeiten ab: zunächst der Saarbrückener Designstudent Felix Görmann, dann auch Markus Witzel, Kommunikationsdesign-Student aus Berlin. Beide Alben sind sehr gelungen, und beide erschienen anschließend bei Verlagen. Bei herkömmlichen Abschlussarbeiten indes stehen die Bestseller-Chancen eher schlecht - zu weit driften Leserinteressen und Aktualität einerseits, wissenschaftliche Spezialisierung und akademischer Sprachduktus andererseits auseinander.

Einen anderen Weg gehen Autoren beim Hamburger Unternehmen bod - books on demand. "Wir bieten jedem an, sein persönliches Buch zu schreiben, zu layouten, und wir drucken dann, wenn jemand das Buch im Handel bestellt. Drei bis fünf Tage später ist es dann beim Kunden", so Ute Nöth von bod.

Möglich machen das digitale Druckvorlagen, die allerdings auch ihren Preis haben: Rund 400 Euro müssen Autoren hinblättern, bevor man das Buch im Handel bestellen kann. Marketing-Expertin Nöth hält das für eine gute Investition. "Vor allem wissenschaftliche Autoren haben die Kosten schnell wieder eingespielt, weil sie einen hohen Ladenverkaufspreis durchsetzen können."

Nöth meint, dass die bod-Kunden auch noch einen entscheidenden Vorteil mitkaufen: "Wir haben den Bücherlieferanten Libri im Rücken. Damit sind die Bücher im Handel bestellbar, und die Autoren können ihre Werke über die lokalen Buchhändler oder über Plattformen wie amazon.de vertreiben."

Titelstory bei "Bild am Sonntag"

Der mögliche Gewinn oder ein drohender Verlust spielt allerdings bei vielen wissenschaftlichen Autoren keine entscheidende Rolle. "Die Leute wollen das Gefühl haben, dass etwas mit der Arbeit geschieht", sagt Bernd Bedey. "Publish or perish" - veröffentliche oder verschwinde - lautet schließlich ein traditioneller Grundsatz in der Wissenschaft: Vor allem, wenn die Autoren weiter wissenschaftlich arbeiten wollen, müssen sie im "Fußnoten-Kreislauf" bleiben und mit ihrer Arbeit zitiert werden.

Till Tolkemitt hat die Ebene der gelegentlichen Fußnote schon längst verlassen - wegen seines Abschlussthemas gilt er mittlerweile als Experte. Der Hamburger promovierte mit einer Arbeit über die Schwachpunkte der deutschen Glücksspielindustrie. Seine damit verbundenen politischen Forderungen werden diskutiert, wenn irgendwo das Thema Glücksspielindustrie auf der Tagesordnung steht.

bod oder diplom.de brauchte er dafür nicht: "Ich hatte das Glück, dass meine Arbeit zum ersten Mal bei einem Glücksspielskandal in der 'Bild am Sonntag' auf dem Titel aufgegriffen wurde." Tolkemitt wurde zum Glücksspielexperten und ist seitdem in den Medien präsent, sobald es um Lotto und andere Spielereien geht.

Aufs Selbstmarketing kommt es an

Als Nebeneinnahmequelle und für die wissenschaftlichen Ambitionen taugt die selbst vermarktete Abschlussarbeit also schon - aber hilft sie auch bei der Karriere? Interesse scheinen bekannte Arbeiten jedenfalls zu wecken, so Bernd Bedey: "Wir haben Firmen, die uns anrufen und nicht die Arbeit haben wollen, sondern die Telefonnummer des Autors."

Aber die Rechnung "Gute Vermarktung - guter Job" geht in den meisten Fällen noch nicht auf: "Es sind noch keine Firmen auf mich zugekommen, nachdem sie die Arbeit gekauft haben", bedauert Bewerberin Dagny Bross.

Lotto-Experte Tolkemitt hat indes die Erfahrung gemacht, dass gutes Selbstmarketing auf jeden Fall das Interesse potentieller Arbeitgeber weckt. "Man wird wahrgenommen, und auch wenn bisher kein Job daraus entstanden ist, so steigert eine gute Selbstvermarktung sicher auch die Chancen auf einen Job."

Von Oliver Mest, jobpilot.de

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