Generation Sarajevo Die Kinder des Krieges

Schule im Luftschutzkeller, Dauerbeschuss, 1425 Tage gefangen in der eigenen Stadt: Vor 15 Jahren endete in Sarajevo die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Fünf junge Menschen, die mit ihr groß geworden sind, erzählen in einer SPIEGEL-ONLINE-Serie vom Leben im Krieg und seinen Spuren.

David Schelp

Von Simon Hufeisen und David Schelp


Wie genau das alles losging, sagt Dejan Begic*, wisse er heute auch nicht mehr, aber in etwa so: Vier Länder, Slowenien, Kroatien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, wollten unabhängig von Jugoslawien werden. Ein fünftes und ein sechstes Land, Serbien und Montenegro, wollten das verhindern. "Und dann", sagt Dejan Begic, "haben alle aufeinander geschossen. Ich war damals neun Jahre alt."

Keine zwei Flugstunden von Deutschland entfernt begann Anfang der neunziger Jahre der Bosnienkrieg. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfiel, in Bosnien-Herzegowina wuchsen die Spannungen zwischen muslimischen Bosniaken, bosnischen Serben und bosnischen Kroaten.

Nachdem Bosnien-Herzegowina 1992 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, kam es zu erbitterten Gefechten zwischen den Streitkräften der Volksgruppen. Paramilitärische Verbände und die serbisch dominierten Überbleibsel der Jugoslawischen Volksarmee sorgten mit "ethnischen Säuberungen", wie dem Massaker von Screbrenica, für Todesangst unter der Zivilbevölkerung.

Einer der blutigsten Schauplätze des Bosnienkriegs war Sarajevo. 1425 Tage hielt die Jugoslawische Volksarmee die Stadt unerbittlich umzingelt. Aus den Bergen, die Bosniens Hauptstadt in einen engen Kessel zwängen, schossen sie auf alles, was sich im Tal bewegte, mit Granaten, Scharfschützengewehren und Panzern. Für fast vier Jahre wurde Sarajevo ein riesiges Freiluftgefängnis. Fast 11.000 Einwohner starben zwischen dem 4. April 1992 und dem 29. Februar 1996 - darunter 1600 Kinder. Es war die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts.

Tage auf der Scharfschützen-Allee, Nächte im Keller

Kein Strom, keine Heizung, kaum Lebensmittel: Mit der Zeit wurde das Alltag für Sarajevos Einwohner. Für die junge Generation wurde die belagerte Stadt zur Kinderstube, eine ganze Generation wuchs unter Dauerbeschuss auf.

Statt auf der Straße Fußball zu spielen, rannten sie geduckt über die "Scharfschützen-Allee", um Trinkwasser zu besorgen. Kilometerweit schleppten sie es in Plastikkanistern durch die Stadt, stets im Visier der Belagerer. "Als Elfjähriger konnte ich zehn Liter in einer Hand und zehn in der anderen tragen", sagt Dejan Begic. "An Gürteln habe ich mir noch mal je fünf über die Schultern gehängt." Zur Schule gingen die Kinder in Kellerschulen, wenn nicht gerade einmal wieder zu viele Granaten vom Himmel fielen.

Zumindest, sagt Alma Telibecirivic, die damals ebenfalls Kind in Sarajevo war, sei man im Krieg nie allein gewesen. "Man schlief neben Unbekannten im Keller, wenn das Haus mal wieder beschossen wurde, oder kochte gemeinsam. Ich habe damals viele neue Freunde gefunden."

In dieser Woche ist es 15 Jahre her, dass die Belagerung Sarajevos zu Ende ging. Diese Woche, von Montag bis Freitag, zeigt SPIEGEL ONLINE fünf junge Erwachsene, die erzählen, wie es war, im Krieg groß zu werden und welche Spuren die Schlacht um Sarajevo hinterlassen hat: Patronenhülsen als Erinnerungsstücke, viel Arbeit für die Psychologen der Stadt - und an manchen Tagen eine eigentümliche Sehnsucht nach damals.



insgesamt 24 Beiträge
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PdBOF, 21.02.2011
1. Große Schande für Europa
Es ist die Größte Schande Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, dass es Jahrelang diesem Morden zugesehen hat ohne wirklich etwas zu unternehmen. Getreu der pazifistischen Grundstimmung hoffte man wieder besseren Wissens jahrelang darauf, dass Embargos alleine die Serben schon zum aufgeben bringen würde. Zehntausende bezahlten diese "friedliche" Variante der Konfliktlösung mit ihrem Leben. Als man sich endlich für die robuste Methode entschieden hatte,war das Gemetzel innerhalb weniger Wochen vorbei... Erstaunlich auch, dass die deutschen Pazifisten, erst bei diesem robusten Einschreiten der Nato, aus ihren Löchern krochen um gegen den Krieg zu Protestieren...
jebut 21.02.2011
2. alte Feindbilder
naja, es ist ja nicht so das Serbien angefangen hat, aber Bellizisten finden es natürlich immer gut andere Länder kaputt zu bomben...
syracusa 21.02.2011
3. @ jebut: nichts aus der Geschichte gelernt?
Zitat von jebutnaja, es ist ja nicht so das Serbien angefangen hat, aber Bellizisten finden es natürlich immer gut andere Länder kaputt zu bomben...
Aber natürlich war es die "jugoslawische" Armee, die die ersten Schüsse auf die abfallenden Slowenen abgefeuert hat und damit Kriegsauslöser war. Und diese "jugoslawische" Armee war selbstverständlich eine großserbische Armee. Vor allem war es diese großserbische "jugoslawische" Armee, die mit furchtbarsten Kriegsverbrechen angefangen hat. Wer erinnert sich nicht noch, wie damals Neonazis aller europäischen Staaten sich als Söldner der Serben rekrutieren ließen? Es waren zum guten Teil solche rassistischen, rechtsextrem-nationalistischen Paramilitärs, die damals Sarajevo belagerten. Jeden einzelnen von denen müsste man heute zu mindestens 10 Jahren Gefängnis verurteilen ...
marko123 21.02.2011
4. bolivien
Zitat von jebutnaja, es ist ja nicht so das Serbien angefangen hat, aber Bellizisten finden es natürlich immer gut andere Länder kaputt zu bomben...
nein, serbien hat nicht angefangen. wenn ich mich genau erinnere, hat bolivien glaub ich angefangen! laecherlich!
ofelas 21.02.2011
5. Trauerspiel und von Reife der zivilisierten Europaer war nicht viel zu sehen
Zitat von jebutnaja, es ist ja nicht so das Serbien angefangen hat, aber Bellizisten finden es natürlich immer gut andere Länder kaputt zu bomben...
Serbien hat nicht angefangen? Womit nicht angefangen? Das Serben in Kroatien oder Bosnien angst hatten kann ich verstehen, nur haben die Joguslawische Armee, fast gaenzlich Serben, und die Todeseinheiten ueberall gleich eine Ausrottungspolitk betrieben. Frankreich und Grossbritannien haben vorsaetzlich ein Eingreifen verhindert, Deutschland hat mit der Anerkennung Kroatiens den Bockmist erst richtig angeheitzt (keine internationalen Sicherheitsgarantien fuer die Serben) Mit dem Waffenembargo wurden die Bosnier getroffen die ohne hin nichts hatten, und nicht die bis zu den Zaehnen bewaffneten Serben oder die Kroaten (ueber die offenen Grenzen wurden Waffen geliefert). Die USA haben eingegriffen, nachdem sie die Nase von den ganzen politische Intrigen der Europaer voll hatte. Zumindest wollten die Amis den Bosnier die Moeglichkeit geben zu kaempfen und nicht einfach Waffenlos abgeschlachtet zu werden. Selten passiert es, aber ich lobe diesmal die USA.
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