Generation Sarajevo "Es ist Islam light, den wir hier leben"

In Sarajevo geboren, die Belagerung als Kind erlebt: Haris Bilalovic, 27, Radio- und TV-Moderator, spricht nicht gern über den Krieg. Im vierten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie berichtet er, wie hart das Leben im führeren Kampfgebiet noch immer ist - und was er an Deutschland liebt.

David Schelp

Protokoll: David Schelp


Schule im Luftschutzkeller, Dauerbeschuss, 1425 Tage gefangen in der eigenen Stadt: Vor 15 Jahren endete in Sarajevo die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Fünf junge Menschen, die mit ihr groß geworden sind, erzählen von Montag bis Freitag in einer SPIEGEL-ONLINE-Serie vom Leben im Krieg und seinen Spuren. Dieses Mal: Haris Bilalovic, 27, Radio und Fernseh-Moderator.

"Ich wollte immer Journalist werden, aber dass ich es geworden bin, ist reiner Zufall. Ich war 16 Jahre alt, als ich von diesem Casting gehört habe. 'Geh doch mal vorbei', hat meine Mutter gesagt, also bin ich mal vorbeigegangen - und sie haben mich ausgewählt. Bis heute arbeite ich für BH Radio 1, die nationale Radio- und Fernsehanstalt Bosnien und Herzegowinas. Erst habe ich für das Kinderfernsehen gearbeitet, jetzt für Kultursendungen und ein Lifestyle-Magazin. Im Radio und vor der Kamera.

Trotzdem wollte ich unbedingt studieren und mich nicht nur auf den Journalismus verlassen. Psychologie, weil mich das Fach am meisten interessiert hat. Mittlerweile habe ich meinen Bachelor gemacht.

Ich könnte mir auch gut vorstellen, später als Psychologe zu arbeiten, meine eigene Praxis zu haben. Denn eins steht fest: Patienten werde ich in Sarajevo immer genügend haben. Eine Spätfolge des Krieges.

"Viele sprechen nur mit dem Therapeuten über den Krieg"

Viele Menschen in Sarajevo sind heute immer noch traumatisiert durch die Belagerung. Kein Wunder: Wir sind vier Jahre lang rund um die Uhr mit Granaten und von Scharfschützen beschossen worden. Das hinterlässt Spuren. Man muss deshalb vorsichtig sein, wenn man mit den Menschen über den Krieg spricht. Immer nur langsam nachfragen, nicht zu viel auf einmal wissen wollen. Jeder in Sarajevo hat seine Kriegsgeschichten.

Aber es fällt uns schwer, sie zu erzählen. Ich habe für mich beschlossen, nicht mehr über die Belagerung zu reden. Nur mit engen Freunden und Verwandten. Viele sprechen nur mit ihren Therapeuten über diese Zeit.

Auch heute ist das Leben nicht leicht in Sarajevo. Viele junge Menschen haben keinen Job, es gibt kaum Aufstiegschancen für uns, keine echten Perspektiven. Mit der Finanzkrise ist es noch schwerer geworden, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich würde deshalb gerne im Ausland arbeiten. Beim Sender Arte zum Beispiel.

Aber es ist nicht leicht für Bosnier, nach Deutschland oder Frankreich zu reisen. Wir brauchen ein Visum, damit sie uns in die EU lassen. Am Flughafen stehen wir Ewigkeiten und müssen den Grenzbeamten Tausende Fragen beantworten (Anmerkung d. Redaktion: Seit Dezember 2010 können Bürger Bosnien und Herzegowinas ohne Visa in die Staaten des Schengen-Abkommens reisen). Kein großer Spaß.

Trotzdem bin ich oft dort. Man könnte meinen Lebensstil fast schon als Jetset bezeichnen. Ich war mit einem Austauschprogramm in Düsseldorf und in München. Ich liebe den 'Glanz von München'. Im Jahr 2010 war ich dann für meinen Sender auf der Berlinale.

In Berlin mochte ich besonders das Berghain, auch wenn mir die düstern unteren Stockwerke des Clubs etwas unheimlich waren. Viele bosnische Männer sind Machos. Die sollte man mal für eine Nacht ins Berghain schicken. Das wäre ein Riesenschock für die und sie wären für immer geheilt.

In Sarajevo ist das Nachtleben zwar nicht ganz so bunt wie in Berlin, aber man kann hier auch gut ausgehen. Wir sind zwar fast alle Moslems, aber die meisten trinken trotzdem Alkohol und rauchen. Ich selbst bin als Moslem geboren worden, aber ich praktiziere nicht. Es ist Islam light, den wir hier leben."



insgesamt 9 Beiträge
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AKI CHIBA 24.02.2011
1. Das hört sich gut an
Islam-light - das ist gut! Was der Junge da schreibt, wird Stirnrunzeln hinterlassen bei denen, die den "wahren" Islam pflegen.
allesversteher 24.02.2011
2. Recep Tayyip Erdogan
Zitat von AKI CHIBAIslam-light - das ist gut! Was der Junge da schreibt, wird Stirnrunzeln hinterlassen bei denen, die den "wahren" Islam pflegen.
Zum Beispiel beim türkischen Ministerpäsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der sagte einmal im Kanal D TV über den Begriff "moderater Islam": "Diese Bezeichnungen sind sehr hässlich, es ist anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich".
dfgtr 24.02.2011
3. kommse heut nich, kommse morgen
Gegeben das Christentum des Mittelalters und seine Entwicklung koennte "islam light" sein, was wir in 50 bis 550 Jahren haben. Natuerlich scherze ich nur. Da koennte man Dissertationen drueber schreiben. Die Welt ist gross dfgtr
leser008 25.02.2011
4. Wenn das mal gutgeht
Ein sympatischer, unbedachter junger Mann. Womöglich hat er sich mit seinen Ausführungen zum Islam light oder moderatem Islam ernsthaft in Gefahr gebracht. Und dann noch vom Trinken und Rauchen der dortigen Moslems zu schwadronieren..... Ich würde mich sowas hier in Bonn aus gutem Grund nicht trauen.
taiga, 25.02.2011
5. Angst vor wem?
Zitat von leser008Ein sympatischer, unbedachter junger Mann. Womöglich hat er sich mit seinen Ausführungen zum Islam light oder moderatem Islam ernsthaft in Gefahr gebracht. Und dann noch vom Trinken und Rauchen der dortigen Moslems zu schwadronieren..... Ich würde mich sowas hier in Bonn aus gutem Grund nicht trauen.
Wieso nicht? Vor wem haben Sie Angst? Vor dem hiesigen Moscheeverein?
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