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Belagerte Jugend in Sarajevo: Aufwachsen im Ausnahmezustand

Foto: Simon Hufeisen

Generation Sarajevo "Manchmal vermisse ich den Krieg"

Über drei Jahre lebte Irfan Gazdic, 29, in der eingeschlossenen Stadt Sarajevo und stand immer wieder Todesängste aus. Das Schlimmste für den Studenten im hier und jetzt: Jeder Typ an der Bar könnte ein Heckenschütze von damals sein.
Von Simon Hufeisen

Schule im Luftschutzkeller, Dauerbeschuss, 1425 Tage gefangen in der eigenen Stadt: Vor 15 Jahren endete in Sarajevo die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Fünf junge Menschen, die mit ihr groß geworden sind, erzählen von Montag bis Freitag in einer SPIEGEL-ONLINE-Serie vom Leben im Krieg und seinen Spuren. Dieses Mal: Irfan Gazdic, 29, Student und Soldat.

"Ich liebe Bosnien, es ist ein wundervolles Land. Wir haben hier die schönsten Berge, die leckerste Küche und die besten Fußballspieler der Welt - aber leider haben wir auch viele Probleme und manche Menschen versuchen sie mit den falschen Mitteln zu lösen. Sogar auf dem Friedhof: Vor ein paar Jahren hat jemand ein Sprengstoffattentat auf das Grab unseres Präsidenten Izetbegovic verübt. Seitdem bewache ich die Veteranen nachts.

Viele von ihnen habe ich gekannt. Der beste Freund meines Vaters ist hier begraben und das da hinten, das ist mein Cousin. Sarajevo ist eine kleine Stadt, jeder kennt jemanden, der damals von den Scharfschützen erschossen worden ist. Da ist es schwer, einander zu vertrauen. Wenn du abends in einer Bar jemanden kennenlernst, fragst du ihn zuerst, wie er heißt. Dann weißt du, über was du mit ihm reden kannst und bei welchen Themen du besser schweigst. Sein Name verrät dir woher er kommt. Wenn du da nicht drauf achtest, kann es schnell vorbei sein mit deinem gemütlichen Abend.

"Wir mussten früh erwachsen werden"

Mir persönlich sind die Unterschiede in Sarajevo nicht so wichtig. Nach allem, was passiert ist, finde ich, dass Religion in unserer Stadt keine große Bedeutung mehr haben sollte. Ob ich Muslim, Christ oder Jude bin, ist doch egal. Ich selbst bin Muslim und sehr gläubig. Aber ich habe nicht nur muslimische Freunde, viele von ihnen sind Katholiken. Ich bin in einer spirituellen Band, mit der wir traditionelle islamische Musik spielen. Wir sind sogar schon in Pakistan auf Tour gegangen. Das war aufregend - nur das Essen war seltsam! Vor allem in Lahore.

Im Krieg haben wir vor allem an eines geglaubt und für eines gebetet: Das wir gewinnen, uns verteidigen können. Nur so und weil wir alle zusammengehalten haben, konnten wir diese vier Jahre durchstehen. Wenn Herzen zusammenhalten, kann sie niemand brechen. Das ist wie bei Bayern München. Na ja. Nur, dass die gerade nicht so eine gute Mannschaft haben. Ich war zehn, als der Krieg begann. Wir mussten früh erwachsen werden. Damals gab es keinen großen Unterschied zwischen jung und alt. Die Älteren haben mit den Kindern auf Augenhöhe gesprochen. Wir waren ja alle in derselben Situation. Einmal schlug wenige Meter neben mir eine Granate ein und ich wurde von ihren umher fliegenden Splittern verletzt.

"Kleine Dinge haben dich glücklich gemacht"

Es sind aber nicht nur schlechte Erfahrungen, die ich gemacht habe. Manchmal vermisse ich den Krieg. Wenn es nicht all die Toten gegeben hätte, würde ich alles geben, um wieder so zu leben - ohne Strom, ohne fließendes Wasser in der Wohnung. Wenn du dem Tod so nahe bist, brauchst du nicht viel - die kleinen Dinge des Lebens machen dich glücklich. Deine Familie, deine Freunde, ein gemeinsames Abendessen. Heute musst du dir über so viele Sachen Gedanken machen, Rechnungen zahlen, du bist gefangen in der Maschine Kapitalismus. Ich mag den Kapitalismus nicht. Er engt ein."