Der SPIEGEL

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16. April 2009, 09:09 Uhr

Gesine Schwan

"Ich heule nicht mit den Hunden"

Am 23. Mai tritt Gesine Schwan, 65, als SPD-Kandidatin zur Wahl des Bundespräsidenten an. Im Interview spricht die Professorin über Studiengebühren, die Angst der Verlierer - und über das "Exzellenz-Gedöns", von dem sie sich nicht einlullen lasse.

UniSPIEGEL: Frau Schwan, was könnten Studenten von Ihnen als Bundespräsidentin erwarten?

Schwan: Ich möchte mich starkmachen für bessere Bildung. Ich halte Bildung für die zentrale Ressource unserer Gesellschaft. Wenn der Staat jetzt in der Finanzkrise schon so viel Geld ausgibt, dann sollte er das für Dinge tun, die langfristig ohnehin nötig sind und von denen auch künftige Generationen profitieren. Und was läge da näher, als in Bildung zu investieren?

UniSPIEGEL: Die Studenten würden sich schon freuen, wenn Sie sich für die Abschaffung der Studiengebühren einsetzten.

Schwan: Ich bin gegen Studiengebühren. Der offene Zugang zu Universitäten ist zwingend erforderlich. Für die Viadrina, die Europa-Universität in Frankfurt an der Oder, die ich bis zum vergangenen Herbst geleitet habe, wären Gebühren ein Todesurteil gewesen. Unsere Studenten aus Mittel- und Osteuropa hätten das gar nicht bezahlen können.

UniSPIEGEL: Sie haben Romanistik, Philosophie und Politik studiert. Fächer, die nicht gerade für eine Jobgarantie stehen. Was sollten junge Menschen studieren, die sich auf dem globalen Arbeitsmarkt behaupten müssen?

Schwan: Es ist völlig unklar, wie die Arbeitsmärkte sich entwickeln, welche Qualifikationen morgen gefragt sind. Deshalb sollten Studenten heute in erster Linie lernen, Verantwortung zu übernehmen, auch politisch. Bildung brauchen wir vor allem zur Stärkung der Persönlichkeit, zur Ausbildung der Urteilsfähigkeit. Und natürlich auch, um zu lernen, wie man lernt. Im Übrigen glaube ich, dass die Vielfalt der Talente unser Schatz ist, nicht die Einebnung. Die Skandinavier sind deswegen so erfolgreich, weil sie die Individuen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten ernst nehmen und fördern.

UniSPIEGEL: Aber das System entwickelt sich in eine völlig andere Richtung. Studiert wird nutzwertorientiert und möglichst schnell.

Schwan: Ich war nie ein Freund von Bachelor und Master. Die verkürzten Studienzeiten verhindern alles Nachdenkliche. Nachdenken erfordert Zeit und eine gewisse Ruhe. Den Studenten bleibt ja nicht einmal mehr Zeit für ein Auslandssemester. Dieser Ungeist ist unerträglich.

UniSPIEGEL: Als Sie noch Viadrina-Präsidentin waren, fehlte Ihren Studenten da auch die Zeit zum Denken?

Schwan: Wir stecken ja alle in diesem Hamsterrad. Aber ich habe an der Viadrina neben Forschung und Lehre viele andere Aktivitäten gefördert, die zur Persönlichkeitsbildung beitragen. Bei mehr als 5500 Studierenden gibt es inzwischen rund 40 Hochschulgruppen, in denen sich Schachspieler, Musiker oder Sportler gefunden haben. Dabei haben die Studenten gelernt, wie man Initiative ergreift, wie man organisiert, wie man zusammenhält. So etwas kommt im deutschen Bildungswesen heute völlig zu kurz.

UniSPIEGEL: Das deutsche Bildungswesen wird dauernd reformiert. Was machen wir falsch?

Schwan: Es reicht nicht, ein paar marode Gebäude zu sanieren; was wir brauchen, ist vor allen Dingen gutes Personal. Nur so können wir die Qualität der Bildung verbessern und dafür sorgen, dass sie mehr Menschen erreicht. Und wir sollten aufhören, nur in den Kategorien von Wettbewerb und Konkurrenz zu denken. Wir brauchen keine Bestenauslese, die 90 Prozent der Absolventen zu Verlierern abstempelt. Das macht Angst. Und wer Angst hat, lernt gar nichts. Ich kenne einige private Schulen, die ein ganz anderes Bildungsverständnis haben. Die Schüler lernen dort nur in Projekten. Die jungen Leute werden als freiheitlich entscheidende Subjekte ihrer eigenen Bildung ernst genommen.

UniSPIEGEL: Vielleicht sollten Sie sich lieber als Bildungsministerin bewerben.

Schwan: Ich glaube nicht, dass ich als Bildungsministerin so furchtbar viel verändern könnte. Da kann man zwar Programme anstoßen und gute Ansätze mit Geld unterstützen, aber mir wäre es wichtiger, die politische Kultur im Land zu verändern. Ich möchte ein neues Bewusstsein für Politik schaffen.

UniSPIEGEL: Das klingt sehr nach Sonntagsrede.

Schwan: Als Bundespräsidentin könnte ich sehr gute Anstöße geben, auch für eine bessere Bildungspolitik. Ich lasse mich von diesem Exzellenz-Gedöns nicht einlullen. Ich gehöre nicht zu denen, die mit den Hunden heulen. Ich weiß, dass ich mich damit oft unbeliebt mache, aber in der aktuellen Krise stecken wir auch, weil wir so viele geistige Mitläufer hatten. Das darf nicht so weitergehen.

Das Interview führten Ulrike Demmer und Konstantin von Hammerstein

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