Insolvente Privat-Uni "Wir sind billiger als die Konkurrenz"

Die private "Humboldt Viadrina School of Governance" von Gesine Schwan hat Insolvenz angemeldet, will den Studienbetrieb aber fortführen. Im Interview erklärt die Präsidentin, wie das gehen soll - und warum sie sich keine Misswirtschaft vorwerfen lässt.

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Gesine Schwan, 70, hat die private "Humboldt Viadrina School of Governance" in Berlin mitgegründet und leitet sie seit 2010 als Präsidentin. Schwan ist Professorin für Politikwissenschaft und stand von 1999 bis 2008 an der Spitze der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Zweimal stellte sie die SPD als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten auf, sie unterlag zweimal gegen Horst Köhler.
SPIEGEL ONLINE: Frau Schwan, an Ihrer "Humboldt-Viadrina School of Governance", einer Privat-Uni, sollen Studenten lernen, wie besseres Regieren funktioniert. Jetzt mussten Sie Insolvenz anmelden. Haben Sie das Interesse überschätzt?

Schwan: Nein, es bewerben sich mehr Interessenten als wir aufnehmen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld fehlt Ihnen genau?

Schwan: Das darf und möchte ich während des Insolvenzverfahrens nicht öffentlich sagen. Aber unser Jahresetat beträgt etwa eine Million Euro, ganz ohne Unterstützung vom Staat oder einer großen Stiftung. Das Geld stammt aus Studiengebühren, aus Spenden, aus der Forschung und aus Projekten, etwa in Entwicklungsländern.

SPIEGEL ONLINE: Wie verteilt sich das?

Schwan: Wir haben bislang jedes Jahr etwa 500.000 Euro Spenden bekommen, die brauchen wir weiterhin und werden sie auch bekommen. Der Studiengang "Master of Public Policy" finanziert sich mittlerweile selbst. Zwei weitere Studiengänge bieten wir erst seit Herbst an, das wird noch etwas dauern, bis die sich tragen. Wirklich wachsen werden wir in diesem Jahr bei den Projekten. Bislang haben wir in dem Bereich etwa 200.000 Euro pro Jahr einnehmen können, aber zwei Millionen Euro sind realistisch.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind Sie dann pleite?

Schwan: Wir hatten bereits Schulden in fünfstelliger Höhe, als ich Präsidentin der Humboldt-Viadrina wurde, aber wir haben sie jedes Jahr etwas reduziert. Die Anfangsinvestitionen waren höher als erwartet, das ist wie bei einer Geschäftsgründung, nur dass wir eher mit einer NGO zu vergleichen sind. Greenpeace schwamm in den Gründungsjahren auch nicht gerade im Geld. Doch Anfang des Jahres erreichte uns eine Forderung, deren Höhe wir nicht vorhersehen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Forderung?

Schwan: Auch das darf und will ich nicht öffentlich sagen. Aber sie wurde so ultimativ gestellt, dass wir sie nicht bedienen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schlecht gewirtschaftet?

Schwan: Nein, auf keinen Fall. Wir haben uns in den letzten Jahren keineswegs nur durchgewurschtelt. Sicher, finanziell war es hart, aber wir haben solide gearbeitet und viel geschafft. Viele loben unser Alleinstellungsmerkmal: Wir verbinden Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, etwa bei Themen wie der Energiewende, der nötigen Finanzmarktreform oder der Familienpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Die Studiengebühren liegen bei 18.000 Euro für einen Studiengang. Werden Sie die erhöhen?

Schwan: Nein, das würde nicht viel bringen. Wir sind keine Business-School für elitäre Führungskräfte, zu der Konzerne mit knallharten Geschäftsinteressen ihre Leute schicken können. Die hätten das Geld. Aber die haben kein Interesse daran, ein Modell entwickeln zu lassen zur Sicherung von Menschenrechten in São Paulo oder zur Korruptionsbekämpfung in Griechenland.

SPIEGEL ONLINE: Zwei große öffentliche Unis sind an Ihrer Schule beteiligt, die Humboldt-Universität in Berlin und die Viadrina in Frankfurt an der Oder, deren Präsidentin Sie einst waren. Sie haben angekündigt, dass Ihre Studenten ihren Abschluss notfalls dort machen können. Müssen die Hochschulen jetzt ausbaden, was Sie nicht zustande gebracht haben?

Schwan: Nein, die HU und die Viadrina tragen keinerlei finanzielles Risiko. Selbst wenn wir selbst einen Studiengang nicht zu Ende führen könnten und die Studenten an die öffentlichen Hochschulen wechseln müssten, würden die Studiengebühren ja weiterbezahlt werden. Richtig aber ist, dass die Studenten ihren Master zum Abschluss bringen können, das haben wir vertraglich so vereinbart.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihre Schule jemals Geld verdienen?

Schwan: Nein, darum geht es auch nicht. Wir sind eine NGO. Ich arbeite hier pro bono und will das auch. Aber wie alle gemeinwohlorientierten Einrichtungen ist unser Überleben auch ein harter Kampf.

SPIEGEL ONLINE: Privat-Unis bekommen immer wieder Geldprobleme. Warum?

Schwan: Weil es ein schwieriges Umfeld ist, in das man sich begibt. Wir haben deshalb von Anfang an darauf gesetzt, keine eigene Fakultät aufzubauen. Alles andere hätten wir mit unserem vergleichsweise kleinen Budget auch nicht gewagt. Wir sind viel billiger als die Konkurrenz. Der Antrag auf Insolvenz bedeutet für uns nicht das Ende. Wir sind täglich im Gespräch mit Partnern und Unterstützern und voller Hoffnung, dass wir die Krise meistern können. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein optimistischer Mensch bin. Die Erfahrung in meinem Leben zeigt, wer aufgibt, hat schon verloren.



insgesamt 38 Beiträge
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yshitake 01.04.2014
1. Kein großes Rästel
"Doch Anfang des Jahres erreichte uns eine Forderung, deren Höhe wir nicht vorhersehen konnten" Vielleicht die Rechnung vom Finanzamt? Eine private Uni ist trotz Dogmen halt doch noch keine vollwertige Kirche. Das private wirtschaften ohne unbegrenzte Geldreserven eines staatlichen Bildungssystems ist halt nicht ganz ohne. Und jetzt wird wohl wieder das alte Rührstück "Insolvenzverschleppung bis der Staat zur Hilfe eilt" aufgespielt, oder wie ?
simple mind 01.04.2014
2. Wer einer Schule so einen Namen gibt,
sollte sich vielleicht erst einmal über sein Weltbild Gedanken machen.
Baustellenliebhaber 01.04.2014
3.
Also fassen wir zusammen, eine Eliteschule die besseres Regieren beibringen soll ist Pleite. Das nenne ich praxisnahes Lernen.-))
garfield 01.04.2014
4.
Zitat von sysopDPADie private "Humboldt Viadrina School of Governance" von Gesine Schwan hat Insolvenz angemeldet, will den Studienbetrieb aber fortführen. Im Interview erklärt die Präsidentin, wie das gehen soll - und warum sie sich keine Misswirtschaft vorwerfen lässt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/gesine-schwan-zu-humboldt-viadrina-school-of-governance-pleite-a-961763.html
Komisch, und dabei wird uns doch tagtäglich vorgeblasen, dass Privat alles viel billiger, effizienter und besser erledigen könne als staatliche Institutionen. Aber wehe, der Staat reicht keine Knete in Form von Subventionen, Hilfsgeldern, Aufstockerleistungen, Steuerspar- oder Abschreibungsmöglichkeiten rüber. Dann ist ganz schnell Ende mit den "effizienten" Privaten.
kdf 01.04.2014
5. was für ein Schwansinn ....
wir haben Alles ganz wunderbar gemacht, waren so erfolgreich ....und nun sind wir völlig unvorhergesehen Pleite. Die Schulden beliefen sich an Anfang auf einen nicht genau benannten fünfstelligen Betrag, also somit höchstens 99.999,- Euro, und wurden angeblich jährlich noch reduziert. An Spenden gingen jährlich ca. 500.000,- Euro ein. Aus Projekten kamen pro Jahr noch Einnahmen über 200.000,- Euro hinzu. Wieso hat nach vier Jahren Präsidentschaft von Frau Schwan die Privatuni dann überhaupt noch Schulden? Auch ich vermute, wie vorher bereits @yshitake, Forderungen vom Finanzamt oder Sozialversicherungen. Zum Glück ist uns diese geistige Tieffliegerin als Bundespräsidentin erspart geblieben.
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