Geteilte Macht an der Uni-Spitze Studentenvertreter von Rektors Gnaden

Ein neuer Pragmatismus soll helfen, Hochschulleitungen und Studentenvertreter nach den Protesten von vor einem Jahr zu versöhnen, schreibt das Hochschulmagazin "duz". In Rostock sitzt darum ein Student mit am Tisch im Rektorenkollegium. Sieht so Mitbestimmung in Zeiten von Bologna aus?

Zutritt offen: An der Universität Rostock gelangen auch Studenten in die Führungsetage
Medienzentrum Uni Rostock

Zutritt offen: An der Universität Rostock gelangen auch Studenten in die Führungsetage

Von Sebastian Balzter


Jeden Montagnachmittag verwandelt sich das Büro von Prof. Dr. Wolfgang Schareck in ein Labor. Der Rektor der Universität Rostock hat an die Wände des nüchtern eingerichteten Zimmers die in Öl gemalten Porträts von zehn Amtsvorgängern hängen lassen.

Nun blicken sie Woche für Woche würdevoll auf den Dauerversuch herab, an den zu ihren Lebzeiten noch nicht zu denken war: Außer Rektor Schareck selbst, der Kanzlerin und zwei Professoren nimmt zur Sitzung an dem schlichten Holztisch nämlich auch Heiko Marski Platz. Der 26-Jährige ist Lehramtsstudent für Englisch, Geschichte und Dänisch.

Sein Amt ist ein Aushängeschild der Uni Rostock. Schon vor acht Jahren machte eine Novelle des Landeshochschulgesetzes in Mecklenburg-Vorpommern den Weg dafür frei. Doch selbst in Rostock wurde erst 2006 Praxis aus der Theorie, die anderen Hochschulen des Landes zögern immer noch. Schareck kennt die Bedenken seiner Kollegen aus anderen Städten. "Könnt ihr im Rektorat denn überhaupt noch Vertrauliches besprechen?", fragen sie ihn. "Da geht doch bestimmt nichts mehr voran", sagen sie ihm. "Ganz im Gegenteil", hält Schareck dann dagegen.

Ein Vetorecht für den Rektor

Das Gesetz sieht einen entscheidenden Sicherheitsmechanismus vor: Wenn der Studentenrat seinen Kandidaten für den Posten gekürt hat, kann noch vor dessen Wahl im Uni-Konzil der Rektor von seinem Vetorecht Gebrauch machen. So sollen weder hauptamtliche Blockierer noch renitente Krawallmacher eine Chance auf das Amt haben. Schon persönliche Abneigung oder Zweifel an der Qualifikation des Kandidaten wären Grund genug für eine Ablehnung seitens des Rektors. Nur so lasse sich die Voraussetzung für ein gedeihliches Auskommen schaffen, sagen Schareck und Marski fast unisono.

Wie aber steht es um die Vertraulichkeit? "So viele Dinge, auf die wir den 'Geheim'-Stempel drücken, gibt es gar nicht; das entspräche nicht meiner Vorstellung von Transparenz bei der Arbeit des Rektorats", wiegelt Schareck ab. "Und wenn doch mal einer plaudert, warum soll es denn dann ausgerechnet der Student gewesen sein?", hakt Marski ein.

"Gegenseitiger Respekt und Vertrauen sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit so etwas gelingt", analysiert der Sozialwissenschaftler Manfred Wannöffel, der an der Ruhr-Universität Bochum zu Fragen der Mitbestimmung und Partizipation forscht. Vor allem von der Einbindung der Studierenden in Informations- und Steuerungsprozesse hängen nach seiner Ansicht der Erfolg und die Attraktivität von Mitbestimmung ab. "Sonst sind Posten und Ämter nur ein Placebo", warnt Wannöffel. "Wer sich engagiert, der soll auch in Leitungsprozesse eingebunden werden", sagt Schareck.

Ruhig, überlegt und erfahren in den Gremien

Warum er gegen Heiko Marski, der seit März im Amt ist und sich im Wahlkampf gegen zwei Mitbewerber durchsetzte, keine Bedenken hatte, leuchtet ein: Einerseits spricht der studentische Prorektor so ruhig und überlegt von "zielorientierter, konstruktiver Zusammenarbeit", dass an Konfrontation oder gar Revolte zu denken schwer fällt; andererseits hat er schon zuvor in Hochschulgremien so viel Erfahrung gesammelt, dass er die Spielregeln gut genug kennt.

Damit stellt Marski eine Ausnahme dar. Der Studierendensurvey der Konstanzer AG Hochschulforschung etwa belegt seit Jahren ein kontinuierlich nachlassendes Interesse der Studenten an der Wahrnehmung ihrer Mitbestimmungsrechte an der Hochschule. An den Wahlen zum Studentenparlament beteiligt sich vielerorts gerade noch jeder zehnte Student, oft fehlen die Kandidaten für die Ämter, die den Studenten zustehen. Gewöhnlich wird dieser Zustand entweder mit politischem Desinteresse oder mit Prüfungsdruck und Zeitmangel erklärt.

"Vielleicht ist das aber auch nur ein Zeichen dafür, dass die Probleme nicht allzu groß sind", interpretiert Heiko Marski die oft beklagte Lage überraschend gelassen. "Wir rennen ja nicht mehr wie die 68er gegen ein ganzes Hochschulsystem an", sagt er. Nicht ideologisch, sondern pragmatisch will er die Arbeit des studentischen Prorektors verstanden wissen.

Seine Feuerprobe hat dieses Rostocker Modell nach der Einschätzung der Protagonisten schon bestanden: "Als in anderen Städten die Proteste gegen die Bologna-Reform eskalierten, klingelten bei uns die Telefone", berichtet Rektor Schareck. Denn durch den engen Kontakt zwischen Hochschulleitung und Studentenschaft habe in Rostock keine der Parteien fürchten müssen, ihr Gesicht zu verlieren. Entsprechend freundschaftlich war der Umgang miteinander. "Hier brachte der Rektor den Besetzern morgens Brötchen in den Hörsaal, das hat die Kollegen neugierig gemacht."



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GoldenGate76 02.11.2010
1. Fehlender Realismus...
Anzunehmen, dass die Studenten-Vertreter eine tatsächliche Macht haben geht etwas an der Realität vorbei. Wer in einer deutschen Hochschule versucht Karriere zu machen, weiß wie hart umkämpft das vorhandene Geld und die Macht um die Honigtöpfe sind. Da werden sich die Herren (und Damen) Professoren nicht von ein Paar AStA oder UStA-Hanseln in die Suppe spucken lassen.
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