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Uni Löwen: Ein Riss geht durch die Hochschule

Foto: Philipp Alvares de Souza Soares

Geteilte Uni in Belgien Warum der Löwe mit dem Hahn nicht kann

Ein Erasmus-Semester im eigenen Land? In Belgien geht das: Seit die ehrwürdige Uni in Löwen in zwei Hälften geteilt wurde, bemühen sich flämische und wallonische Studenten um Wiederannährung. Doch gegen die tiefe Spaltung des Landes helfen nicht einmal Bier und Knuffel-Aktionen.

Nein, eine Teilung komme nicht in Frage, da gab sich der akademische Rat der katholischen Universität Löwen, rund 30 Kilometer von Brüssel entfernt, rigoros. Er bestand 1968 auf der Einheit der Hochschule, wollte sie nicht aufspalten in einen flämisch- und einen französischsprachigen Teil. Doch die Uni-Leitung war nicht gefasst auf die Wut der Studenten: Sie schleuderten Möbel aus Fenstern, errichteten Straßensperren, schmissen Steine auf Polizisten. Die Uni-Leitung musste nachgeben.

Während in den sechziger Jahren überall in Europa Studenten auf die Straße gingen, um für mehr Mitbestimmung zu demonstrieren, für offenere Gesellschaften, freie Liebe, Sozialismus und gegen den Vietnam-Krieg, wollten die Löwener Studenten aus ihrer Uni zwei machen. Die Teilung der Hochschule, das war das Ziel - und sie erreichten es.

Die innere Zerrissenheit des Landes spaltete auch die Hochschule in dieser eigentlich beschaulichen Universitätsstadt, in der überall Fahrräder vor historischen Altbauten herumstehen. Ein Drittel der knapp 90.000 Einwohner sind Studenten, für sie ist die Teilung schon lange nichts Besonderes mehr. Der Flame Brecht Spileers studiert Elektrotechnik in Löwen und hält die damalige Entscheidung noch immer für richtig: "Löwen war ein Zeichen. Auch wenn es schade war, musste man damals einfach etwas machen, um den Druck abzulassen."

Belgien ist zwar ein eigener Staat, seit es sich 1830 von den Niederlanden abspaltete. Es ist allerdings ein ziemlich instabiles Staatsgebilde, in dem neben dem offiziell zweisprachigen Brüssel zwei sehr unterschiedliche Landesteile miteinander auskommen müssen: im Norden Flandern und im Süden das französischsprachige Wallonien.

Wer französisch sprach, wurde vertrieben

Die katholische Universität Löwen ist die älteste und wohl auch renommierteste des Landes, hier wurde lange die Elite des jungen Königreichs ausgebildet - eine französischsprechende Elite. Doch die Flamen setzten nach und nach mehr Autonomie durch, ab 1911 konnte man auch auf Flämisch studieren. Und 1968 vertrieben sie schließlich die französischsprechenden Studenten von der Uni.

Löwen wurde zum Symbol des Scheiterns einer gemeinsamen belgischen Nation. Der französische Teil der Uni wurde ausgegliedert und in eine komplett neu errichtete Retortenstadt in Wallonien überführt: Louvain-la-Neuve, was übersetzt etwa Neu-Löwen bedeutet. Seitdem gibt es die Uni zweimal.

Nadine Gödecke, BWL-Studentin aus Göttingen, verbringt gerade ein Auslandssemester in Löwen. In ihrem Studentenwohnheim ist sie die einzige Ausländerin und lebt zusammen mit 15 Flamen. Von der Teilung der Uni hatte sie schon in Deutschland gehört, ihre Mitbewohner sprechen mit ihr allerdings nicht so gern darüber: "Mit der jetzigen Situation sind sie zufrieden, besonders stolz auf die damalige Entscheidung aber nicht." Sie wunderte sich zunächst, dass sich die meisten ihrer Kommilitonen nicht als Belgier bezeichnen: "Für viele ist Belgien nur eine bürokratische Hülse, ihre gefühlte Nationalität ist Flämisch."

Was allerdings häufig diskutiert wird, ist das ökonomische Nord-Süd-Gefälle in Belgien. Die Flamen fürchten, zu viel für ihre südlichen Nachbarn zahlen zu müssen. Auch Louvain-la-Neuve wurde damals zum Teil mit Mitteln aus Flandern errichtet.

Marc Derez, 55, kann sich noch gut an die Tumulte in den Sechzigern erinnern, die zur Teilung führten. Er war damals noch Schüler und demonstrierte zusammen mit den Studenten für mehr Rechte der Flamen. Inzwischen arbeitet er als Dozent für Geschichte und leitet das Archiv der Universität. Seine Meinung hat er bis heute nicht geändert: "Die bilinguale Universität war ein schönes, idealistisches Konzept, leider hat sie nie wirklich funktioniert." Für ihn war Löwen wie ein Labor, ein Mikro-Belgien in dem sich schnell zeigte, dass es so nicht weiterging. Wie viele Flamen würde auch Derez sich mehr Autonomie wünschen, persönlich würde er sogar noch weitergehen und hätte auch nichts dagegen wenn Flandern sich an die Niederlande angliedern würde.

Eins für dich, eins für mich - wie die Bücher aufgeteilt wurden

Dass es gar nicht so leicht ist, aus einer Uni zwei zu machen, zeigte sich an der Universitätsbibliothek. Als Derez in den Siebzigern mit seinem Studium in Löwen begann, war die Bibliothek der Geisteswissenschaften nur halb voll. Die Bücherbestände wurden damals nach und nach aufgeteilt - und zwar nach einem gerechten, aber ziemlich unsinnigen System: Bücher mit gerader Signatur gingen an die eine, Bücher mit ungerader Signatur an die andere Uni. Ein Bücher-Shuttle fährt Einzelstücke bis heute hin und her.

Doch während die Teilung für die Flamen als Symbol ihrer Emanzipation gilt, bedauern viele Wallonen auch heute noch die Entscheidung die traditionsreiche Hochschule zu trennen. Gauthier Lejeune studiert VWL in Louvain-la-Neuve. Er bedauert die Uni-Teilung: "Es ist wirklich sehr schade, dass es damals so weit gekommen ist. Die Chance, unsere Akademiker gemeinsam auszubilden, wurde vertan. Seit der Trennung haben sich Flamen und Wallonen noch schneller voneinander entfernt."

Die Landesteile driften weiter auseinder, und viele Wallonen fühlen sich als Verlierer dieses Prozesses. Die Arbeitslosigkeit im französischen Teil ist deutlich höher als im Norden, Wallonien ist auf Hilfe aus Flandern angewiesen. Für Gauthier beginnen die Probleme schon bei der Sprache. Viele Wallonen sprächen kein Flämisch, auch die Französischkenntnisse der Flamen sind eher mau. Oft verständige man sich im jeweils anderen Landesteil auf Englisch. Gauthier bezeichnet sich zwar als Belgier, fühlt sich in der Gegenwart von Flamen oft wie ein Ausländer. "Eine der wenigen Gemeinsamkeiten ist die Leidenschaft für Bier", sagt er nach kurzem Überlegen.

Erasmus im eigenen Land

Die studentische Trinkfreude soll nun zur inneren Völkerverständigung beitragen. Unter dem Motto "Belgie knuffelt - les belges s'embrassent" (Belgien umarmt sich) versammelten sich Studenten beider Unis auf dem Platz vor der alten Bibliothek in Löwen und verteilten Freibier an Kommilitonen, die jemanden aus der anderen Volksgruppe demonstrativ in den Arm nahmen.

Hoch offiziell, aber mindestens ebenso skurril ist das Ersamus-Programm der beiden Unis: Wer möchte, kann sein "Auslands"-Semester an dem jeweils anderen Uni verbringen, die früher einmal eine war.

Viele Versuche finden auch auf Verwaltungsebene statt, kommen aber bei den Studenten kaum an. So wurde die Vergabe der Ehrendoktortitel in diesem Jahr zum ersten Mal wieder gemeinsam abgehalten. Für Amélie Servotte, Mitarbeiterin des Studentenparlaments in Louvain-la-Neuve, sieht diese kleinen Schritte jedoch schon als große Erfolge. Sie setzt sich für eine verstärkte Zusammenarbeit ein und hofft, dass so langsam wieder eine gemeinsame Identität entsteht.

Doch wenn man ihre flämischen und wallonischen Studenten fragt, wie sie die Zukunft Belgiens einschätzen, fallen die Prognosen meist düster aus. Einige fürchten gar, es könnte dem Staat Belgien drohen, was vor 40 Jahren schon mit der berühmten Uni geschah - die komplette Teilung.

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