Gitarrist Johnny Marr Gott weiß, ich bin jetzt Uni-Lehrer

Wenn Rockstars welken, gehen sie an die Uni: Johnny Marr, früher bei The Smiths, brachte mit seinem Gitarrensound vor 22 Jahren beinahe einen Hörsaal in Manchester zum Einsturz. Jetzt ist Marr an alter Berserkerstätte zurück und doziert über das fiese Musikgeschäft.

Von Edgar Klüsener


Als Johnny Marr zuletzt Gast in der Maxwell Hall war, musste das Gebäude anschließend runderneuert werden. 1986 war das, und Johnny Marr war da noch Gitarrist bei The Smiths. Die Band hatte im total überfüllten Saal im Obergeschoss aufgespielt und das Publikum vom ersten Ton an in Ekstase versetzt. Das rhythmische Stampfen von rund zweitausend Füßen beschädigte den Fußboden massiv, es drohte der Einsturz des Saals.

Vier Jahre dauerten die Renovierungsarbeiten, bis das Gebäude, das zum Campus der Universität von Salford gehört, wieder zu gebrauchen war. Live-Konzerte allerdings waren auch danach für viele Jahre verboten.

Am Dienstagabend war der Gitarrist erneut zu Gast in der Maxwell Hall, wieder in der Haupthalle im Obergeschoss. Die ist auch diesmal bis auf den letzten Platz gefüllt. Das sind aber auch schon die einzigen Parallelen zu jenem denkwürdigen Abend vor 22 Jahren. Die Smiths sind längst in der Rubrik "Es war einmal” der Rockgeschichte abgeheftet, und Johnny Marr steht nicht als Musiker auf dem Podium, sondern als Dozent im Fachbereich "Music, Media and Performance" der University of Salford.

Lebensweisheiten einer Gitarrenlegende

Seine Berufung, bekannt schon seit Oktober vergangenen Jahres, hatte schon lange vor diesem grauen und erbärmlich kalten Novemberabend Schlagzeilen in Großbritannien gemacht. Ausgerechnet die Universität von Salford, eigentlich das lokale Stiefkind im Schatten der University of Manchester, hatte sich den heimischen Gitarrensuperhelden angeln können. Von Publicity-Stunt war anschließend die Rede, und der Universität wurde unterstellt, nur so sei es ihr möglich, Studenten in ihre Kurse zu locken. Stimmt nicht, sagt John Sweeney, der Geschäftsführende Direktor des "Music, Media and Performance”-Departments. Immer wieder habe sein Department professionelle Musiker und Dozenten von anderen Universitäten für Meisterklassen verpflichtet.

Tatsächlich zieren die Liste große Namen, wie die Vordenker der verkopften Musik und Produzenten Robert Fripp und Brian Eno, die in der Vergangenheit Gastvorlesungen hielten und Master Classes betreuten. Trotzdem habe auch er anfangs so seine Bedenken gehabt, sagte Johnny Marr der britischen Tageszeitung "The Guardian", und für eine reine PR-Aktion wäre er sich auch zu schade gewesen. Aber "ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder mit Musikern und Produzenten zusammengearbeitet, die Absolventen der University of Salford waren. Ich habe mich mit einigen von denen unterhalten und schnell herausgefunden, dass Salford es nicht nötig hat, Studenten zu ködern. Die Nachfrage nach den Kursen ist so groß, dass die Uni seit Jahren Studenten ablehnen muss."

In der Tat hat sich die kleine Universität in Manchesters Nachbarstadt Salford in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer britischen Top-Adresse in den Bereichen Medienstudien und Performing Arts gemausert. Ihrem neuen Professor räumt die Universität einige Freiheiten ein, wie der in einem Interview mit dem BBC-Sender Radio 4 erläutert: "Ich mag die Universität, ich mag die Atmosphäre und ich mag die Leute. Bevor ich meine endgültige Entscheidung traf, habe ich erstmal ein wenig herumgeschnuppert, mich mit Studenten unterhalten, mit künftigen Kollegen und langsam Ideen entwickelt. Die Verantwortlichen haben mir klugerweise erlaubt, für mich selbst herauszufinden, wie ich in dieses Umfeld am besten hineinpasse."

Marr gemein: "Ich werde Seifenblasen platzen lassen"

Das hat ein ganzes Jahr gedauert und inzwischen weiß Johnny Marr genau, in welcher Form er wirken will. "Mein Schwerpunkt", erzählt er dem "Guardian", "ist nicht so sehr die Theorie, sondern die Praxis. Ich habe mich gefragt, welches Wissen mir in den verschiedenen Stadien meiner musikalischen Entwicklung wirklich weitergeholfen hätte, und dieses Wissen will ich nun in meinen Kursen vermittelt. Da wird es um Produktion und Studioarbeit gehen und um die Mechanismen der Musikindustrie. Ich werde ganz sicher auch viele der Seifenblasen platzen lassen, diese Mythen, durch die die eher raue Wirklichkeit der Musikszene immer noch verschleiert werden."

Den Anfang macht er gleich in seiner Einführungsvorlesung mit dem kryptischen Titel "Always from the outside: mavericks, innovators and building your own ark" ("Immer außen vor: Querulanten, Außenseiter und wie man sich seine eigene Arche baut"). Johnny Marr ist ein guter Dozent, sein Vortrag ist engagiert, witzig und pointiert.

Dass er von der Musikindustrie nicht allzu viel hält, wird auch sehr schnell klar und liefert die Erklärung seines Seminartitels: Noch nie in ihrer Geschichte, behauptet er, habe diese aus eigenen Ressourcen heraus etwas Neues geschaffen, wohl aber mit ihrer Finanzkraft viele Künstler nachhaltig kompromittiert. TV-Casting-Shows für Musiker lehnt der Alt-Rocker ab. Es seien immer Außenseiter wie Bob Marley, Kurt Cobain oder The Sex Pistols gewesen, die der populären Musik neue Impulse gegeben hätten.

Nach der Vorlesung antwortet Marr dem Publikum auf fast alle Fragen. Nur wenn nach den Smiths gefragt wird, nach seinem Verhältnis zu deren exaltiertem Frontmann Morrissey und nach den wirklichen Gründen für die Trennung, wird er sehr einsilbig und lenkt ab. Ansonsten jedoch ist die Vorlesung ein voller Erfolg. Der Dozentenalltag kann beginnen und die Maxwell Hall hat den zweiten Auftritt von Johnny Marr in einem Stück überstanden.



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