Gläserne Studenten Wann ist ein Kranker wirklich krank?

Die Uni Kiel misstraut ihren Studenten und will's ganz genau wissen: Zwickt es nur im Knie, oder ist der Prüfling bettlägrig? Eine normales Attest reicht nicht - wer eine Prüfung versäumt, soll die Schweigepflicht seines Arztes aufheben. Studentenvertreter sind empört.

Wer krank ist, kann keine Prüfung schreiben - soweit sind sich Studentenvertreter und das Präsidium der Christian-Albrecht-Universität in Kiel gerade noch einig. Aber: Wann ist man krank genug, um von einer Prüfung zurückzutreten und sie später nachzuholen? Und: Wie viel darf die Uni über den Kranken erfahren, um sich ihr Urteil zu bilden? An diesem Punkt herrscht Zwietracht statt Eintracht zwischen Hochschulleitung und Studenten an der Kieler Förde.

Darüber, ob eine Krankheit schlimm genug ist, um einer Prüfung fernzubleiben, soll nicht allein ein Arzt entscheiden - so sieht es das Uni-Präsidium. Das Prüfungsamt müsse bestimmen, wer gesund genug für einen Test ist. Dafür allerdings brauche das Amt detaillierte Auskünfte eines Mediziners.

Das Formular, das die Uni zu diesem Zweck an die Studenten ausgibt, verlangt weit mehr als eine übliche Krankschreibung. Die Hochschule geht offenkundig davon aus, dass immer wieder Ärzte ihren studierenden Patienten aus Gefälligkeit Prüfungsunfähigkeit attestieren. Daher soll der Arzt eine Erklärung einreichen. Zu den Angaben zählen...

  • die "Bezeichnung der Krankheit" (mit dem Zusatz "optional")
  • "Symptome / Art der Leistungsminderung"
  • ob die Gesundheitsstörung vorübergehend (inklusive "voraussichtliche Dauer") oder dauerhaft ist (und seit wann sie besteht)
  • ob aus "ärztlicher Sicht eine erhebliche Beeinträchtigung des Leistungsvermögens vorliegt" - mit dem Zusatz: "Schwankungen in der Tagesform, Prüfungsstress und ähnliches sind keine erheblichen Beeinträchtigungen"

Der Kieler Asta findet diese Praxis empörend und kritisiert, die Uni zwinge die Studenten zu einem "Seelenstriptease vor dem Prüfungsamt". Die Studentenvertreter fordern, die "respektlose Verwaltungspraxis einzustellen" und mehr auf Vertrauen zu setzen.

Man wolle eben "allen Studenten gleiche Prüfungschancen ermöglichen" und "Ungerechtigkeiten sowie Missbrauch möglichst ausschließen", hält die Universität dagegen und ist sicher, damit ganz im Sinne der Studenten zu handeln. Das Verfahren sei außerdem nicht neu. Schon "seit mehreren Jahren" verwende man dieses Formblatt und befinde sich im Einklang mit Recht und Gesetz.

Datenschützer "nicht begeistert"

Das bestätigt der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert. 1996 habe das Bundesverwaltungsgericht in der Sache der Prüfungstauglichkeit entschieden, dass genaues Nachfragen der Ämter in Sachen Studentenerkrankung rechtens sei. Dennoch ist Weichert vom Formular "nicht begeistert" und hält es für "datenschutzpolitisch problematisch". Das Prüfungsamt sei ein Bereich in einer Universität, der mit medizinischen Informationen nichts anfangen könne und diese Daten danach über Jahre aufbewahre.

Nun handelt es sich beileibe nicht bei jeder Krankheit um eine simple Erkältung, eine Magen-Darm-Grippe oder eine gebrochene Hand. Es sind viele Fälle denkbar, in denen Studenten ein legitimes Interesse daran haben, dass an der Uni niemand Details kennt - weder die präzise Diagnose noch die Symptome, aus denen man auf die Erkrankung rückschließen kann.

Sollte ein Prüfungsausschuss etwa davon erfahren, dass ein Psychologiestudent gelegentlich unter Depressionen leidet? Dass die angehende Medizinerin sich eine Geschlechtskrankheit eingefangen hat oder der künftige Jurist drogenabhängig war? Dass der Sportstudentin Magersucht zu schaffen macht, der Betriebswirtschaftler HIV-infiziert ist oder der Bauingenieur Multiple Sklerose hat?

"Die Studentin ist schwanger" - Oops!

Solche Befunde gehen stark in den Intimbereich und können peinlich sein. Sie könnten aber auch die Berufsperspektiven beeinflussen - zum Beispiel, wenn ein Student sich um einen Hiwi-Job bewirbt oder ein Examenskandidat eine akademische Karriere anstrebt, möglicherweise an der gleichen Uni, die ihn prüft. Natürlich würde jede Hochschule jederzeit schwören, dass Infos vom Prüfungsamt nie, nie, nie weitergegeben oder -getratscht werden. Heiliges Indianerehrenwort. Nur: Will man sich darauf als Student wirklich verlassen, zumal deutsche Unis den Datenschutz oft recht nonchalant handhaben?

Wohin das Jonglieren mit privaten Informationen führen kann, zeigt eine Panne, über die die "taz" berichtete: An der Berliner Humboldt-Uni (HU) habe der Vorsitzende eines Prüfungsausschusses eine Rund-E-Mail an den Institutsverteiler geschrieben - und in einem Nebensatz ausposaunt, dass eine Studentin schwanger sei. Großes Oops. Ein freudiges Ereignis zwar, aber eines, das an der Uni niemanden etwas angeht. HU-Studentenvertreter sammeln jetzt Unterschriften für ein Ende der medizinischen Datenerfassung.

Studenten sind vor Wissbegierde schlechter geschützt als Arbeitnehmer. Ob ein Student eine Prüfung schwänzt oder wirklich zu krank ist, ob ein Angestellter blaumacht oder mit schlimmen Beschwerden kämpft - solche Fragen müssten immer wieder von Gerichten geklärt werden, sagt Weichert. Er sieht ein gewisses Ungleichgewicht zwischen Arbeits- und Studentenleben. Denn im Angestelltenverhältnis regeln Dutzende von Vorschriften minutiös, was erlaubt ist und was nicht - es bleiben kaum Fragen offen.

Zarter Hinweis: Sagst du Nein, fällst du durch

Grundsätzlich sind Mitarbeiter verpflichtet, dem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeit zu melden und durch ein ärztliches Attest nachzuweisen. Und natürlich dürfen sie keine Erkrankung vortäuschen. Der Arbeitgeber hat aber kein Recht, den genauen Grund der Arbeitsunfähigkeit zu erfahren - weder vom Angestellten noch vom Arzt, denn dessen Diagnose fällt unter die Verschwiegenheitspflicht. Abweichungen von dieser Grundregel gibt es nur in Sonderfällen unter engen Voraussetzungen.

Bei Prüflingen ist das anders, eine Uni kann munter Fragen stellen. Interessant am aufgemotzten "Ärztlichen Attest" der Uni Kiel ist besonders das Kleingedruckte: Es reiche nicht aus, dass der Arzt Prüfungsunfähigkeit attestiere, steht dort. Weil der Student bei der Klärung mitwirken müsse, sei es notwendig, "erforderlichenfalls den behandelnden Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden".

Der Prüfling könne die Einwilligung zwar verweigern, heißt es weiter. Dann aber könne eine Prüfung für "nicht ausreichend" erklärt werden. Der Hinweis zeigt dem Kandidaten für den Fall der Nichtzusammenarbeit gleich mal die Folterinstrumente: Nein sagen kann man immer - und durchfallen dann auch. "Ganz freiwillig ist das nicht", sagt dazu Datenschützer Weichert.

Ganz ähnliche Formulare verteilen viele Universitäten und Hochschulen im ganzen Land, so beispielsweise die Fachhochschule Bingen , die Universität Freiburg  und, in besonders scharfer Form, die TU Dortmund . Dort heißt es fettgedruckt:

Dies bedeutet, dass ärztliche Bescheinigungen, die diesen!
Anforderungen nicht genügen, nicht anerkannt werden dürfen!!!
Die entsprechende Prüfung gilt dann als mit "nicht ausreichend" bewertet! [Ausrufezeichen wie im Original]

Nicht nur Weichert plagt Unbehagen, auch die Universität Kiel schlingert jetzt ein wenig. In einer eiligen Pressemitteilung vom Dienstag steht fett gedruckt: "Der Arzt wird nicht von seiner Schweigepflicht entbunden." Der Passus ist indes weiter nachzulesen auf dem offiziellen Formular, inklusive mögliche Aufhebung der Schweigepflicht. Und dieses Formular gelte weiter, teilte die Uni SPIEGEL ONLINE auf Nachfrage mit.

"Entbindung von der Schweigepflicht soll beibehalten werden"

Weichert sagt, er kritisiere seit zwei Jahre das Attest-Verfahren der Uni - dort heißt es, man beschäftige sich damit seit einigen Wochen. Aufgrund einer internen Diskussion habe das Präsidium am 29. April gemeinsam mit Studentenvertretern beschlossen, im Juni ein neues Formular einzusetzen. Daran arbeite man zurzeit gemeinsam mit den Studenten, sagte eine Uni-Sprecherin SPIEGEL ONLINE.

So einvernehmlich gehe es keineswegs zu, versichern Studentenvertreter. Im Zentralen Studienausschusses hatten sie Ende April nämlich beantragt, Attestformulare einzuführen, "die auf medizinische Daten verzichten", sagte das studentische Ausschussmitglied Benjamin Raschke SPIEGEL ONLINE. Die Professoren hätten zwar zugesagt, die Formulare zu überarbeiten, "die Entbindung von der Schweigepflicht und die Angabe sensibler Daten wie Krankheitssymptome sollen aber beibehalten werden".

Mit Studierendenparlament und Asta habe es seitdem keine Gespräche gegeben, so Asta-Referentin Anne Spaller. Bislang hätten nur einzelne Fakultäten das umstrittene Formular im Krankheitsfall verlangt. Im Sommer aber könnte das Formular nun in die Prüfungsverfahrensordnung aufgenommen und für die ganze Uni verpflichtend eingeführt werden, befürchtet sie. Wie das neue Formular genau aussehen soll, konnte die Uni-Pressestelle nicht beantworten. Für Rückfragen oder eine Stellungnahme war am Dienstag kein Präsidiumsmitglied zu sprechen.

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