Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock" Der Wachmann

Es ist still in der Universität, nachts um vier. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", sagt einer, der es wissen muss - und von seinem ganz großen Auftritt träumt, als tollkühner Retter bei "Menschen 2001".


Das Böse ist immer und überall - aber der Wachmann ist ihm scharf auf den Fersen
DPA

Das Böse ist immer und überall - aber der Wachmann ist ihm scharf auf den Fersen

Um zehn Uhr abends dreht sich der Schlüssel am Haupttor der Universität ein letztes Mal im Schloss, dann nimmt der Pförtner schnaufend seine Jacke und macht sich auf den Heimweg. Nur die schnauzbärtigen Herren vom Wachschutz flanieren noch durch die notdürftig beleuchteten Fakultätsflure und Dekanate. Suchend wandert die Stabtaschenlampe über Schreibtische und Regale. Hier summt noch eine übereifrige Kaffeemaschine, dort schlummert ein dezent alkoholisierter Landstreicher über mitgebrachten Plastiktüten. Ansonsten keine weiteren Vorkommnisse, die ganze Nacht lang nicht. Und genau genommen die ganze nächste Woche, den nächsten Monat, das nächste Jahr auch nicht.

Wenig aufregend ist das alles. Und so sitzen die ordnungsgemäß bemützten Wachmänner im Dienstzimmer und trinken Kaffee. Es knattert das Funkgerät, im Radio knarzt Rod Stewart. In zwei Stunden werden sie wieder zum Rundgang durch die Universität aufbrechen. Durch die Biologielabore, wo Mäuse hinter Labortüren piepsen. Durch das Theologiedekanat, wo immer alles so schön aufgeräumt ist.

Mann oder Maus, Held oder Hasenfuß?

In zwei Stunden. Doch jetzt sitzen sie da, starren auf die Schreibtischlampe und träumen vom großen Auftritt. Vom Moment, in dem alles anders ist. Wenn ein Wachmann sich beweisen muss und aus dem einfachen Angestellten ein tollkühner Lebensretter wird. Mann oder Maus, Held oder Hasenfuß, Hit oder Niete.

Was könnte nicht alles passieren: ein Flächenbrand mit Funkenflug, eine Geiselnahme im Audimax, gar eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg im Fakultätskopierer. Am besten alles auf einmal.

Was für spektakuläre Bilder flimmerten dann über alle Kanäle. Wie der Wachmann als letzter das brennende Hauptgebäude verlässt. In der linken Hand den maroden Zünder der Fliegerbombe, in der rechten Hand die sichergestellte Waffe des Geiselnehmers. Und huckepack den hustenden, beinah flambierten Rektor, mit leichter Rauchvergiftung. Später im Jahr wird er zu den "Menschen 2001" zählen und dem staunenden Johannes B. Kerner bescheiden erklären: "Ich habe nur meine Pflicht getan!"

Plötzlich schreckt der Wachmann auf. Ein Griff zur Taschenlampe, ein prüfender Blick zur Uhr. Der Kollege ist eingenickt, sein Kinn sinkt langsam auf die Brust. Vier Uhr morgens, bald Zeit für den Rundgang. Gemächlich schenkt er den Kaffee ein. Noch zwei Stunden bis Dienstende. Der Wachmann gähnt und reibt sich die Augen. Und draußen vor der Tür schnarcht leise der Landstreicher.



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