Gnädige Professoren Prüfungsverbot wegen Einsen für alle

Zwei Osnabrücker Soziologie-Professoren kannten über Jahre nur eine Note: Praktisch durchweg erhielten die Prüflinge im Examen eine glatte Eins. Das freute die Studenten. Das Land dagegen zog die Not(en)bremse: Das Dozenten-Duo darf nicht mehr prüfen.

Osnabrück - Bei den Studenten sind die Professoren K. und S. beliebt, ihre Vorlesungen platzen aus allen Nähten, viele Studenten melden sich bei ihnen zum Examen an. Aber mit ihrem Dienstherrn, dem Land Niedersachsen, liegen die Hochschullehrer der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Uni Osnabrück heftig im Clinch. Das Niedersächsische Landesamts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS) hat beiden ihre Prüfberechtigung für staatliche Lehramtsprüfungen entzogen. Die pikante Begründung: Sie hätten Einsen wie am Fließband verteilt.

Die beiden Professoren nehmen viele Prüfungen gemeinsam ab. Seit dem Sommersemeseter 2003 waren es nach Angaben des Wissenschaftsministeriums in Hannover über 100 mündliche Staatsexamens-Prüfungen - mit verblüffend gleichförmigen Ergebnissen: "Alle bis auf vier Kandidaten haben nach unserem Wissen eine 1,0 erhalten", sagte Georg Weßling SPIEGEL ONLINE. Weßling ist Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums, das für das NiLS zuständig ist. Was die anderen vier erhalten haben, wisse er allerdings nicht, fügte er belustigt hinzu. Der Notenfindungsprozess sei durch die einseitige Bewertung empfindlich gestört. "Die Prüfungsordnung sieht vor, dass das gesamte Notenspektrum bei der Bewertung ausgeschöpft wird", so Weßling.

Deshalb dürfen die Professoren K. und S. beim Staatsexamen für angehende Lehrer seit dem 9. März nicht mehr prüfen. Sie wollen die Vorwürfe allerdings nicht auf sich sitzen lassen und gehen beide juristisch gegen das Land vor, um eine Rücknahme der sogenannten Entpflichtung zu erreichen. Anfragen von SPIEGEL ONLINE wollten sie daher nicht beantworten - es handele sich um ein schwebendes Verfahren, das Gericht habe noch nicht über den Antrag auf einstweilige Anordnung entschieden, so K.

Prüfungsklientel mit besonderen Fähigkeiten

Gegenüber dem NiLS haben die Hochschullehrer ihre Bewertungspraxis verteidigt und angeführt, dass sie besonders gut auf ihre Prüflinge eingegangen seien und das Wissen ihrer Studenten die guten Noten rechtfertige. Das Landesamt indes beeindruckte das nicht: "Die Noten der beiden Professoren lagen weit über dem Landesdurchschnitt", so Georg Weßling. Auch beim Wissenschaftsministerium Niedersachsen wundert man sich über die Inflation der Höchstnoten. "Uns ist kein anderer Fall in dieser Größenordnung bekannt", sagte eine Sprecherin.

An der Uni Osnabrück ist die Bewertungspraxis des Prüferduos seit längerem bekannt. Magister-, Master- und Bachelor-Prüfungen dürfen die Professoren weiter abnehmen - allerdings nicht mehr gemeinsam. "Neu waren die Informationen für uns nicht", sagte Thomas Vogtherr, für Studium und Lehre zuständiger Uni-Vizepräsident, SPIEGEL ONLINE. "Es gab schon länger ein Rumoren an der Uni." Bereits seit rund einem Jahr habe man deshalb darauf geachtet, die beiden Professoren nicht mehr als Gespann für Prüfungen einzusetzen. "Bei den uni-internen Prüfungen sind uns allerdings keine so deutlichen Abweichungen der Noten aufgefallen", so Vogtherr.

Unterdessen wehren sich Studenten dagegen, dass K. und S. als Prüfer ausfallen. "Die gute Lehre und die gute Betreuung sind der Antrieb für die Studenten, Seminare der beiden Professoren zu besuchen und sich auch bei ihnen prüfen zu lassen", sagt Eline Bakker, Fachschaftsreferentin im Asta der Uni Osnabrück. In der Soziologie sei es zudem deutlich schwieriger als in anderen Fächern zu beurteilen, ob eine Zensur gerechtfertigt sei oder nicht. Der Asta bemängelt vor allem, dass Studenten, die sich von dem Duo prüfen lassen wollten, nun neue Prüfer "zwangsverordnet" bekommen haben.

"Sie sind ja nur hinter Ihrer Eins her"

Wenn Studenten allerdings offen für die beiden beliebten Professoren Partei ergreifen, stoßen sie im Fachbereich nicht auf offene Ohren. Andere Dozenten würden dann "schon mal deutlich", erzählt eine Soziologiestudentin, die namentlich nicht genannt werden möchte. "Sie sind ja nur hinter Ihrer Eins her", giftete demnach ein Professor. Dabei, so sagt die Studentin, sei es nach ihrer Erfahrung nach keineswegs so, dass die beiden Dozenten in ihren Lehrveranstaltungen ausschließlich Bestnoten verteilten.

In Osnabrück hat man derweil Angst, die Debatte um die Professoren mit dem Hang zu guten Noten sei rufschädigend - für Dozenten und Studenten gleichermaßen. "Hinterher denken Leute, wer in Osnabrück eine 1,0 in seinem Nebenfach erhalten hat, hat die Zensur nicht verdient", erzählt die Soziologiestudentin.

Eine mit Eins absolvierte Prüfung bei dem umstrittenen Prüferduo allein reicht allerdings nicht für ein herausragendes Examen - die mündliche Prüfung im Nebenfach macht lediglich ein Sechstel der Gesamtnote aus. Und: Für die bereits examinierten Prüflinge hat die Entpflichtung der beiden Prüfer keine negativen Folgen. Sie dürfen ihre Einsen behalten.

Unklar ist derzeit, was mit den Studenten wird, die sich teils schon im ersten Semester eine Examensprüfung bei den beiden Dozenten für die nächsten Jahre gesichert haben - K. und S. waren nämlich bis 2009 als Prüfer ausgebucht.

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