Burschenschaften vs. linke Studenten in Göttingen: Plastikgeschosse und Farbbeutelattacken
Schüsse auf linke Studenten "Es machte tack, tack, tack, tack, tack"
Nur wenige Meter trennen in der Göttinger Bühlstraße zwei gegensätzliche Weltanschauungen voneinander. Zwei Bürgersteige und ein bisschen asphaltierte Straße liegen zwischen dem Gebäude der Burschenschaft Germania und einem Wohnhaus, in dem sechs linke Studenten in einer WG zusammen wohnen.
Die einen tragen braune Lederschuhe, Hemden und Stoffhosen. Sie setzen sich für die "deutsche Kultur- und Wertegemeinschaft" ein und für "Gott-Freiheit-Vaterland", so heißt es auf ihrer Webseite. Die anderen tragen Sneaker, Jeans und Kapuzenpullis. Sie demonstrieren für Völkerverständigung, für die Rechte von Flüchtlingen, gegen Atomstrom und gegen Rassismus.
In Göttingen treffen Konservative und Linke häufig aufeinander. In der niedersächsischen Studentenstadt gibt es rund 40 Verbindungen und eine ausgeprägte linke Szene. Deshalb kommt es immer wieder zu "politisch motivierten Straftaten, die überwiegend einem Konflikt zwischen gewaltbereiten Angehörigen linker Gruppen und Burschenschaften entspringen", wie die Göttinger Polizei es formuliert.
Softair-Angriff auf die Linken
Farbbeutel oder Steine fliegen auf Verbindungshäuser. Transparente mit linken Botschaften werden heruntergerissen und Schaukästen zerstört. Die Studenten pöbeln sich gegenseitig an, werden handgreiflich. Autos werden angezündet, Zähne herausgeschlagen.
Die Bühlstraße ist, so kann man es wohl sagen, ein besonders heißes Pflaster in Göttingen. Im Juli haben hier zwei junge Männer aus dem Haus der Burschenschaft Germania mit Softair-Waffen und Hartplastikmunition auf die gegenüberliegende WG geschossen. Im Erdgeschoss der Linken probte gerade eine befreundete Band, das Fenster zum Proberaum war geöffnet.
"Es machte tack, tack, tack, tack, tack", sagt Michael*. Ende August, vier Wochen nach dem Vorfall, sitzt das Bandmitglied im Garten der WG, in dem weiße Plastikstühle stehen und ein alter Einkaufswagen. Es gibt Kaffee mit Biomilch, und Michael erzählt, was passiert ist. "Irgendwas rauschte mit hoher Geschwindigkeit an unseren Köpfen vorbei. Wir wussten nicht, was das war." Erst als die Band rausging und 60 bis 80 Geschosse fand, erkannte sie, dass jemand auf sie geschossen hatte. Die Plastikgeschosse landeten nicht nur im Garten der WG, sondern auch im Proberaum, wo sie mehrmals von den Wänden abprallten und weiter durch die Luft flogen. So erzählt es Michael.
"Eine riesige Dummheit"
Drei WG-Bewohner gingen dann zu den Burschenschaftern rüber und stellten sie zur Rede. Eine Mitbewohnerin erzählt, wie ein junger Mann ihnen die Tür aufmachte und sehr nervös wirkte. Weil er ihnen nicht habe sagen wollen, wer für die Schüsse verantwortlich war, hätten sie die Polizei gerufen, die sofort anrückte. Zwei Beamte waren 15 Minuten lang im Burschenschaftshaus und kamen mit zwei Softair-Waffen wieder heraus. Nun ermittelt die Polizei gegen einen Schützen wegen gefährlicher Körperverletzung.
"Das war eine riesige Dummheit, das hätte nicht passieren dürfen", sagt Simeon Atkinson, Sprecher der Burschenschaft Germania. "Wir verurteilen das aufs Schärfste", ergänzt der Vorsitzende der Germania-Altherrenschaft Matthias Siegert. Die Schützen seien zu diesem Zeitpunkt bereits keine Mitglieder mehr gewesen. Einer sei einige Wochen vorher ausgeschlossen worden, der andere trat danach freiwillig aus. Warum einer der Schützen verwiesen worden war, will Siegert nicht sagen.
Die Burschenschaft kündigte die Mietverträge der beiden Querulanten und entschuldigte sich einen Tag nach dem Vorfall mit einem Brief bei den Studenten der WG. Darin heißt es etwa: "Als nichtschlagender Bund lehnen wir seit unserer Gründung jegliche Gewaltanwendung gegenüber Anderen kategorisch ab." Simeon Atkinson sagt: "Wir wünschen uns eine friedliche Koexistenz."
Kreuzband gerissen, Kniescheibe rausgesprungen
Doch wie schwer es ist, in Göttingen friedlich nebeneinander zu wohnen, zeigt ein weiterer Vorfall, zu dem es nur wenige Tage vor dem Softair-Angriff gekommen war. Tobias*, ein linker Student fuhr mit dem Fahrrad am Haus der Landsmannschaft Verdensia vorbei, das unweit der Burschenschaft Germania liegt. "Ich habe mit dem Smartphone fotografiert, wie die Verbindungsmitglieder versuchten, den Spruch 'Fuck AfD' mit einem Hochdruckreiniger zu entfernen", sagt Tobias. Zwei Leute von der Landsmannschaft stellten sich vor ihn und hinderten ihn am Weiterfahren. "Sie hielten meinen Lenker fest und packten mich am Arm."
Die beiden jungen Männer wollten die Fotos sehen und löschen. "Fasst mich nicht an, lasst mich in Ruhe", schrie Tobias. Dann versuchte er zu wenden, doch weil die zwei Männer ihn noch festhielten und einer von beiden ihn schubste, geriet er aus dem Gleichgewicht und stürzte auf sein Knie. Dabei riss er sich das Kreuzband, und die Kniescheibe sprang heraus. Vier Wochen nach dem Angriff muss er noch an Krücken laufen, im Oktober wird er operiert. Die Landsmannschaft wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Angriff äußern.
Die Universität Göttingen hat nun Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen und von ihrer Webseite die Links zu den Burschenschaften gelöscht. Auch zu der Softair-Attacke bezog die Uni Stellung: "Wir sind angesichts der Schüsse auf das Studentenwohnheim in der Bühlstraße sehr erschüttert. Die Universität Göttingen verurteilt jede Art von Gewaltanwendung und fordert alle Beteiligten auf, ihre Konflikte und Meinungsverschiedenheiten friedlich und im Dialog zu lösen", teilte Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel mit.
Einen Dialog wünscht sich auch Matthias Siegert, der Vorsitzende der Altherrenschaft von Germania. "Am Gespräch geht nichts vorbei, wir sind dazu bereit. Gern jetzt, morgen oder zu Beginn des Semesters." Barrieren gebe es nur in den Köpfen.
*Name von der Redaktion geändert