Göttinger Dreikampf Attackieren, aussitzen, abwickeln

Den renommierten Parteienforschern der Universität Göttingen droht ein empfindlicher Aderlass. Die Universität hält sich im Streit um die Zukunft des Fachbereichs an ein in der Politik bewährtes Prinzip: Erst die Aufregung verklingen lassen, dann zuschlagen.

Von


Im Zwist um die Neuausrichtung der Sozialwissenschaftlichen Fakultät hat der Senat der Universität Göttingen gestern eine Entscheidung gefällt: Drei sogenannte Brückenprofessuren sollen künftig die Bereiche Ethnologie und Politikwissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie sowie Soziologie und Pädagogik in Forschung und Lehre verbinden. "Die neue Struktur eröffnet der Sozialwissenschaftlichen Fakultät Spielräume für eine Schärfung des Profils und für eine eigene Förderung von Schwerpunkten", erklärte Uni-Präsident Kurt von Figura.

Die Umstrukturierung soll vor allem der Soziologie zugute kommen. Die Politikwissenschaft mit den renommierten Forschern Franz Walter, Bassam Tibi, Peter Lösche und Walter Reese-Schäfer muss dagegen Federn lassen. Für den Erhalt des Fachbereiches in seiner bisherigen Form hatten sich in der Vergangenheit zahlreiche Prominente eingesetzt, unter anderem Wolfgang Thierse, Ralph Giordano, Peter Härtling und Alexander Fest. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hatte wiederholt seine Wertschätzung für die Göttinger Politologen ausgedrückt, ließ aber die Göttinger Hochschulleitung bei ihren Umbauplänen gewähren.

Uni-Präsident Kurt von Figura nannte die Politologie dagegen eine "Schwachstelle" mit schlecht vernetzten Einzelforschern. Mit seinem Wort von den "Feuilletonpolitologen" streute er Zweifel an den wissenschaftlichen Leistungen. Figura begründete die Institutsabwicklung mit angeblicher "Profillosigkeit" und "mangelnder Entwicklungsfähigkeit". Die Göttinger Politikforscher seien nur "Durchschnitt".

Brückenprofessur statt Stellenüberführung

Durch den aktuellen Beschluss des Senats behält zwar die Politikwissenschaft zunächst ihre vier Professuren. Ursprünglich hatte sie zwei Professuren an die Soziologie abgeben sollen.

Der Göttinger "Arbeitsgruppe Parteienforschung", durch die sich der Fachbereich vor allem einen Namen gemacht hatte, droht aber in den kommenden Jahren das Aus: Die Professur des Parteienforschers Peter Lösche, der bald emeritiert wird, wird durch eine Brückenprofessur "Comparative Political Economy" ersetzt. Der Lehrstuhl, den derzeit noch Bassam Tibi innehat, soll für Fachdidaktik, also etwa für die Lehrerausbildung zuständig sein.

Verbliebe als einziger Parteienforscher der Politikwissenschaftler Franz Walter. Er müsste in einem System der leistungsorientierten Mittelvergabe allein um Hilfskräfte, Material oder Reisen kämpfen - eine Aufgabe, die ein einziger Forscher allein schon deshalb kaum bewältigen kann, weil er nur eine begrenzte Zahl von Doktoranden und Habilitanden betreuen kann.

Kritische Masse unterschritten

Walter kritisiert die Umwidmung der Politikstellen in sogenannte Brückenprofessuren: "Die Parteienforschung und die Islamwissenschaft werden so schrittweise ausgehöhlt. Wenn die Universität Göttingen in diesen Fachgebieten gut sein will, darf sie eine gewisse kritische Masse an Professuren nicht unterschreiten."

Walter ärgert sich besonders über den Vorwurf, die Politikwissenschaftler hätten eine Kampagne gegen die Hochschulleitung inszeniert und die eigene Sache in die Medien getragen. Er verweist auf die zahlreichen Verlage und Personen des öffentlichen Lebens, die sich unabhängig voneinander für die Göttinger Politikwissenschaft eingesetzt hatten: "Das ist doch viel mehr ein Seismograf als ein Kampagne. Offenbar haben wir in der Vergangenheit den Spagat zwischen Fachwissenschaft und Breitenwirkung gut geschafft, und dafür gibt es ein Bedürfnis."

Walters Kritik richtet sich auch an die Landesregierung von Niedersachsen, die unter dem Argument der Hochschulautonomie die Göttinger Hochschulleitung gewähren ließ: "Wer davon spricht, den Wissenschaftsstandort Niedersachsen zu fördern, muss doch auch berücksichtigen, wo bereits Stärken - zum Beispiel die Parteienforschung in Göttingen - vorhanden sind."

Argwohn bei der Opposition

Unterdessen soll an der Universität Osnabrück ein neues politikwissenschafliches Institut gestartet werden. Darüber gab es im Landtag heftigen Streit: Die SPD sieht einen engen Zusammenhang mit dem Aderlass der Politologen in Göttingen. Sie kritisierte in der vergangenen Woche im Landtag, der Verdacht liege nahe, dass mit dem neuen Institut für Parteienforschung in der Heimatstadt von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ein Gegenpol zu der "eher linken" Politikwissenschaft an der Uni Göttingen aufgebaut werden solle.

Wulff betonte dagegen, die Entscheidung über die Genehmigung und Finanzierung des neuen Institutes in Osnabrück liege nicht bei ihm. Er habe den Professoren dort auch keinerlei entsprechende Zusagen gegeben. Vielmehr entscheide die unabhängige wissenschaftliche Kommission des Landes darüber, ob das neue Institut gefördert werden solle.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.