Gothic-Fest in Leipzig Auffallen mit Kunstblut und Dornenkrone

Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig beschert Nicht-Grufties ein Wechselbad der Gefühle: Manche können sich nicht sattsehen an den wild gestylten Wesen, andere finden sie "lächerlich" - die Gothics freuen sich über erfolgreiche Provokationen und neugierige Blicke.

Von Almut Steinecke


"Entschuldigung, darf ich ein Foto von Ihnen machen?" Begeistert wedelt Sigrid Möller mit ihrem Handy, richtet es auf das Gruftie-Pärchen vor sich, das aussieht, wie einem alten Ölstich entstiegen.

Die 70-Jährige bummelte gerade mit ihrem Mann durch die Einkaufspassage im Leipziger Bahnhof, als sie auf den Blickfang stieß: eine Dame in einer Ballrobe, bauschig, bodenlang, ein Herr mit Hut im Buddenbrook-Zwirn. Das muss gleich fotografiert werden, Sigrid Möller drückt auf ihr Foto-Handy.

Jedes Jahr zu Pfingsten zieht das Wave-Gotik-Treffen (WGT) mehr als 19.000 Anhänger der Szene in die Stadt. Für das Seniorenehepaar Möller ist das WGT "immer spannend, immer wieder schön" - auch wenn manche Gestalten schön schräg aussehen. Aber die Möllers wissen: Die wollen doch alle nur spielen.

"Manche sehen echt aus wie Clowns"

Wenngleich nicht jeder so gelassen reagiert wie die älteren Möllers, die als gebürtige Leipziger das WGT bereits von Beginn an kennen - 2009 jährt es sich zum 18. Mal. Eine ganze Stadt für ein komplettes Wochenende überrollt zu sehen von einer Horde wild gestylter Grufties, damit tun sich Vertreter der jüngeren Generation, die "ganz normal' sind, mitunter schon schwerer.

Zum Beispiel David Perez Aguilera, 22, der in einem Leipziger Fast-Food-Laden sein Mittagsmahl mit Freundin Frances V., 19, einnimmt: David findet die abgedrehte Art, wie sich viele "Schwarze" schminken und kleiden, größtenteils "lächerlich, manche sehen echt aus wie Clowns". Da sticht ihm etwa das Outfit von Alex Weinert ins Auge, der ein paar Tische weiter sitzt: Alex, Student der Sozialen Arbeit aus Kiel, hat sich eine selbstgebastelte Dornenkrone aus lauter kleinen Ästen aufgesetzt, über einer puscheligen Perücke aus knallroten langen Federn. Dazu steckt der 22-Jährige in einem geschnürten Korsett und Stiefeln mit hohem Absatz.

Für David und Frances ein 'No-Go': "Das sind Klamotten für eine Frau, nicht für einen Mann!" Die Dornenkrone trägt Alex nicht von ungefähr - sie soll seine Auseinandersetzung mit Gott demonstrieren; Alex beschreibt sich selbst als christlich, aufrichtig gläubig: "Gott manifestiert sich in Gefühlen, die wir als Liebe beschreiben - ich glaube an ihn, als an eine gute Kraft, die nicht materiell ist, die man im Herzen trägt." Eine Aussage, die viele Passanten dem Studenten sicher nicht zutrauen würde, wenn sie wie David lieber auf Abstand bleiben.

Doch es gibt auch Nicht-Schwarze, die interessiert eintauchen wollen in die fremde Welt der WGTler. Christoph Matthäs, 19, Mechatroniker-Azubi aus Sellessen bei Cottbus, ist extra für einen Tag mit seinem Freund Christian Julke angereist. Beide haben im Vorfeld wilde Mythen über Grufties gehört, "die trinken Tierblut, die feiern Rituale auf dem Friedhof, die beißen Ratten den Kopf ab", zählt Christoph grinsend auf. In der Leipziger City lernen sie Stephan Glaser aus Essen kennen. Der 22-Jährige entwirft Klamotten für die kultige Szene-Mode-Marke Tollkirsche, und geht heute als Glamour-Straßen-Schwarzpunk: mit einem türkisfarbenem Iro, Netzstumpfhosen und langen, falschen Klimper-Wimpern.

"Die werden mit der Andersartigkeit nicht fertig"

Neugierig betrachtet Christoph Stephans Outfit. "Ich find's cool, dass es Leute gibt, die durch extravagante Kleidung ihre Meinung vertreten - das muss man sich erstmal trauen." Christian bestaunt ehrfürchtig den türkisfarbenen Irokesenschnitt. "Wie lange braucht man dafür?" Stephan wiegt den Kopf, "zwischen fünf Minuten und zwei Stunden, das hängt von den Umständen ab. Mein Styling-Rekord liegt bei vier Stunden". Christian macht große Augen: "Oh, Mann, da ist ja der halbe Tag rum?" Die drei lachen.

Dann wird Stephan wieder ernster. Tierblut trinken, Ratten anknabbern - das sei alles ein Riesenquatsch, sagt er. "Ich kenne keinen einzigen in der Szene, der so einen Schwachsinn macht." Trotzdem müsse man sich immer wieder Sprüche anhören wie "Scheiß-Satanist", dieses Klischee werde man nicht los. Christian glaubt, dass es an der plakativen Extravaganz liegt. "Für viele normal aussehende Leute sieht das vielleicht zu anders aus, die werden mit der Andersartigkeit nicht fertig."

Die Angriffsfläche ist bei manchen wirklich groß. Zum Beispiel bei Sandra Sailer*, 18, aus München. Als kunstblutverschmierte Braut mit Schleier und selbstgenähtem weißem Petticoat-Kleidchen stöckelt sie auf feuerroten Stiefeln mit Turboabsätzen durch Leipzig und zieht alle Blicke auf sich. Ständig muss Sandra stehen bleiben, schmeißt sich in Pose, wird von allen Seiten fotografiert, von Schwarzen, aber auch von vielen normal gekleideten Passanten, die sie mit gruselnder Bewunderung taxieren.

Sandra gibt zu, auf der einen Seite schlicht provozieren zu wollen, indem sie "mit Widersprüchen spielt": Die Unschuld einer Braut mit dem shocking Kunstblut, eine Kombination, durch die Sandra auffällt wie keine zweite, und das genießt, "einfach, weil es Spaß macht, wenn man Aufmerksamkeit bekommt" - es ginge vor allem um die schrecklich-schöne Show, "es geht aber nicht um Gewaltverherrlichung". Was auf der anderen Seite auch gar nicht zwingend so ankommt.

"Mir persönlich wäre es zuviel Aufwand, mich so zurechtzumachen", erzählt etwa Constanze Weidensee, 23. Die Grundschulreferendarin aus Leipzig gehört zu den zahlreichen Passanten in der Stadt, die den Look der Münchnerin Sandra anstaunen. "Ich finde, sie versteckt mit dem Blut ihr hübsches Gesicht, aber sonst sieht sie echt schick aus - wie jemand, der eine Leidenschaft auslebt!"

Dann muss Constanze auch schon weiterziehen, mit ihrer Freundin Juliana, die an Pfingsten zu Besuch ist aus Berlin. Aber nicht, um sich jetzt tiefer ins schwarze Getümmel zu schmeißen, sondern um gemeinsam die Stadt zu verlassen. Heute Abend geht's nach Tabarz in Thüringen, morgen Abend nach Halle: In beiden Städten geben Die Prinzen Konzerte. Als Gruftie-Grusel-Braut Sandra von Constanzes und Julianas Plänen hört, leuchten ihre Augen verzückt auf: "Die Prinzen? Cool, die höre ich auch!"

*Name von der Redaktion geändert



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