Graffiti-Forschung Womit Frauen auf dem Klo prahlen

"Dreckig und unangenehm" war der Forschungsgegenstand von Studentin Katrin Fischer: Für ihre Magisterarbeit inspizierte sie die Klo-Graffiti in Frauen-Toiletten der Uni Bonn. Im Interview erklärt sie, was Klokommunikation so besonders macht - und wie es sich anfühlt, selbst an Wände zu schreiben.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Abschlussarbeit über Textbeiträge auf den Wänden von Damentoiletten geschrieben. Warum denn das?

Fischer: Ich habe wie jeder Student die Toiletten regelmäßig benutzt und war schon immer fasziniert von dieser öffentlichen Kommunikationssituation.

SPIEGEL ONLINE: Was hat der betreuende Professor zu der Idee gesagt?

Fischer: Ich hatte eine Betreuerin, die für gute Ideen immer sehr aufgeschlossen ist. Es hätte natürlich passieren können, dass sie sagt: 'Nee, das ist mir zu banal ...'

SPIEGEL ONLINE: Ist es das denn nicht, banal?

Fischer: Nein, es ist nicht banal, und es gibt keine vergleichbare Art der Kommunikation. Natürlich stehen dort oft vulgäre Dinge. Außerdem sind öffentliche Klos meist dreckig und unangenehm. Und trotzdem findet dort diese eigentümliche Kommunikation statt.

SPIEGEL ONLINE: Außer, dass es oft sehr ordinär zugeht, was fällt noch auf?

Fischer: Die sogenannten deiktischen Ausdrücke, also Ortsbezüge wie 'hier' und 'jetzt', funktionieren in der Klozelle gut. 'Hier stinkt's', zum Beispiel, oder 'Scheiß Bachelor'. Da ist klar, dass es um den Bachelor-Abschluss gehen muss, denn der Raum ist ja in der Uni.

SPIEGEL ONLINE: Wenn schon nicht banal, sind die Texte wenigstens auf Männerklos oft ekelhaft, fast überall findet sich rassistischer Nazi-Kram. Wie ist das auf Frauenklos?

Fischer: Rassismus und Hakenkreuze findet man wenig. Frauen reden eher über frauenspezifische Dinge, zum Beispiel über Beziehungsprobleme. Oder auch: 'Mein Freund ist der Tollste!' und dann folgt 'Nein, meiner!'

SPIEGEL ONLINE: Frauen geben auf dem Klo mit ihren Männern an?

Fischer: Natürlich, klar.

SPIEGEL ONLINE: Nie aus Forscherinteresse ein Männerklo besucht?

Fischer: Es interessiert mich natürlich, aber ich wollte die Forschungsfrage einschränken. Einen Geschlechtervergleich hat es außerdem schon gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Ergebnisse mit denen früherer Studien zu dem Thema verglichen - der Klospruch im Wandel der Zeit?

Fischer: Der Forscher Norbert Siegl hat angemerkt, Frauen seien weniger vulgär als Männer, ich dagegen habe bei den Frauenklos den Anteil aggressiver Sprache als sehr groß ermittelt.

SPIEGEL ONLINE: Es geht härter zur Sache als gedacht?

Fischer: Ja - und typisch sind lange Diskussionen, teilweise über die Fläche einer ganzen Tür. Eine Zwist über veganes Leben führte zu 60 Einzeltexten. Und: Es zeigen sich typische Machtstrukturen.

SPIEGEL ONLINE: Machtstrukturen? Wie meinen Sie das?

Fischer: Es gibt auf Klos keine Kommunikationsregeln. Da herrscht die pure Anarchie, und die Schreiberinnen zensieren sich gegenseitig. Oft werden die kommunikativen Umstände diskutiert. "Wer war das?" steht dann da. Das ist natürlich totaler Quatsch, denn niemand wird daraufhin seinen Namen nennen. Da reflektieren die Schreiberinnen die Kommunikationssituation einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen, Klo-Kommunikation ist ziemlich doof.

Fischer: Nein, auf keinen Fall doof. Aber die Leute nehmen für sich nicht wahr, wie die Kommunikation abläuft.

SPIEGEL ONLINE: Das würde ich doof nennen, wenn jemand die Kommunikationssituation nicht versteht.

Fischer: Das klingt etwas hart. Ich würde sagen, es ist seltsam.

SPIEGEL ONLINE: Geht es auch um Intimes?

Fischer: Ein Dialog fing an mit "Mein Freund schlägt mich, was soll ich tun?" Die Resonanz reichte von "Schlag zurück" bis "Provozier ihn halt nicht". Und es standen dort vermeintliche Kontakt- und Sexanzeigen mit Handynummer, vermutlich um Männer zu verleumden.

SPIEGEL ONLINE: Das ist der Klassiker in jedem öffentlichen Klo. Mal eine der Nummern angerufen, um den Wahrheitsgehalt zu prüfen?

Fischer: Nein. Da weiß man ja nicht, ob die Nummer stimmt und bei wem man landet.

SPIEGEL ONLINE: Lassen wir mal die Hose runter: Ich habe schon mal was an eine Klowand geschrieben. Und sie?

Fischer: Ich hatte nie das Bedürfnis, in einem Klo was zu schreiben, ganz ehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Glaube ich nicht.

Fischer: Naja, vor kurzem habe ich es dann doch gemacht, um zu wissen, wie es sich anfühlt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie fühlt es sich an?

Fischer: Ich war mir bewusst, dass ich eine öffentliche Wand bekritzle. Ich habe zwar die Arbeit geschrieben, aber eigentlich lehne ich Klo-Graffiti als Sachbeschädigung ab.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn die blinden Flecken in der Kloforschung?

Fischer: Vielleicht könnte man die Kommunikationssituation mit der in den neuen Medien vergleichen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt, Gezänk in Internet-Foren erinnert manchmal auch an Bahnhofstoiletten. Wird es immer Klosprüche geben?

Fischer: Das Phänomen existiert seit den Römern. Ich freue mich, wenn andere Wissenschaftler künftig weiterforschen, denn da gibt es noch so viel zu entdecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es bei ihnen weiter - Werbetexterin für Sanitärbetriebe?

Fischer: Nein, ich habe kein Faible für Toiletten und fand das meist ganz schön eklig, musste da aber durch. Aber Werbetexterin könnte sein, in dem Bereich mache ich jetzt ein Praktikum bei einer Agentur.

Das Interview führte Christoph Titz



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