Gratulation mit Grabrede Happy Birthday, Magister!

Ein Abschluss wird 50 - und stirbt. An Deutschlands Hochschulen sollte vor 50 Jahren der Abschluss Magister Artium das System akademischer Grade revolutionieren. Ganz wie heute Bachelor und Master. Ironie der Geschichte: Sie läuten dem M.A. jetzt das Totenglöckchen.
Von Mareike Knoke

Hans Ullrich war der Erste. Eingeschrieben an der Philosophischen Fakultät der damals noch jungen Freien Universität Berlin, studierte er Pädagogik, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Im Februar 1957 wechselte er in den gerade für Geisteswissenschaftler neu eingeführten, viel diskutierten Magister-Studiengang. Und ein Jahr später schon war er der erste "Magister Artium" der Bundesrepublik.

Wir wissen leider nicht, ob er der Wissenschaft danach treu blieb. Und wir wissen auch nicht, ob Hans Ullrich später seinen Kindern riet, ein Magister-Studium zu beginnen. Aber wir können zumindest vermuten, dass er mit einer gewissen Wehmut registriert, wie dem 50-jährigen Jubilar Magister mit dem "Happy Birthday" zugleich das Totenglöckchen geläutet wird. Seine Totengräber: Bachelor und Master, die neuen Bologna-Studiengänge. Und wenn sich der erste bundesdeutsche Magister-Absolvent auch heute noch für Hochschulpolitik interessiert, wird ihm längst aufgefallen sein, wie sehr sich die Situationen von 1957 und 2007 gleichen.

1957. Die Lage ist ernst, befindet die westdeutsche Kultusministerkonferenz: Viel zu viele Studenten halten sich viel zu lange an den Universitäten auf. Prof. Dr. George Turner, ehemals Wissenschaftssenator von Berlin und damals Jura-Student in Göttingen, erinnert sich: "Damals gab es an der Uni Göttingen etwa 5000 Studierende, an der Freien Universität schon 10.000. Sie galt damit bereits als Massenuniversität." Und vor allem die Geisteswissenschaftler galten als starke Belastung für die Professoren.

Denn: Für Naturwissenschaftler gab es als Abschluss das Diplom, für Juristen, Mediziner, künftige Lehrer das Staatsexamen. Geisteswissenschaftler jedoch hatten, wenn sie nicht Lehrer werden wollten, nur die Möglichkeit zu promovieren. Was eine lange und intensive Betreuung bedeutete. Aber längst nicht alle "Dr. phil." wollten später forschen und lehren, sondern lieber - und viel schneller - in praktischen Berufen arbeiten. Also musste ein neuer Abschluss her. Der Magister Artium.

Auch der Magister galt als "Untergang des Abendlandes"

Eigentlich war der Magister ein uralter Bekannter, der Wissenschaftlern vom Mittelalter an bis ins 19. Jahrhundert hinein verliehen wurde. Im 20. Jahrhundert angekommen, sollte er nun auch eine bewusste Anlehnung an den international anerkannten und an US-amerikanischen und englischen Universitäten üblichen akademischen Grad "Master" sein. Und, wie es neudeutsch in den Zeiten von Bachelor und Master heißt, zugleich die "Employability" der Absolventen erhöhen. Wie man heute weiß, hat sich dadurch langfristig an den Unis nicht wirklich etwas gebessert. Doch damals war es eine Revolution.

Die Zahl der Doktoren, die mangels Alternativen (und weil der Titel außerdem gut fürs Prestige war) promoviert hatten, war in den fünfziger Jahren inflationär. Historiker, Philosophen und PhilologenVerbände befürchteten eine Abwertung der Promotion - berichtete auch die "duz" in der Ausgabe vom 15. April 1957. Gleichzeitig expandierte das Fächerspektrum, eine Vielzahl neuer Fächer wie Publizistik, Theaterwissenschaft oder Japanologie etablierten sich an den Hochschulen. Und viele von ihnen ließen sich durchaus sinnvoll miteinander kombinieren.

Der Magister, studierbar mit einem Haupt und zwei Nebenfächern, sollte dieser Entwicklung Rechnung tragen. "1600 verschiedene Kombinationen" zählte etwa Prof. Dr. Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, als er in den achtziger Jahren Dekan des Fachbereichs Sprach und Literaturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München war.

Die Berliner FU wagte sich als Erste an den neuen alten Abschluss, weil sie damals bereits eine Verfassung hatte, die ihr mehr Freiraum ließ als jeder anderen deutschen Hochschule. "Die FU", erinnert sich George Turner, "hatte außerdem aufgrund ihrer Gründungsgeschichte den Ruf einer modernen, experimentierfreudigen Hochschule." Während die Studenten den Magister begrüßten, galt er vielen Wissenschaftlern lange als unseriös und "als Untergang des Abendlandes", sagt Turner schmunzelnd. 1960 führte die Kultusministerkonferenz zwar die Rahmenordnungen für den Magister ein, doch es dauerte bis weit in die siebziger Jahre hinein, bis die Hochschulen den Abschluss flächendeckend anboten.

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