Party-Logbuch Greifswald Heuschrecken knuspern in der Stadt der Tränen

Party? In Greifswald? Jana Gioia Baurmann versucht es. Sie isst Insekten, trinkt auf Caspar und entdeckt eine unterschätzte Uni-Stadt.

Greifswald bei Nacht: Straßenkreuzer unter schummriger Laterne
Tobias Kruse

Greifswald bei Nacht: Straßenkreuzer unter schummriger Laterne


22.05 Uhr: Längst ist klar, wo dieser Abend enden wird: im "Ravic". Dort, wo fast jeder Abend in Greifswald endet. Sagt zumindest Thomas, mein Bekannter, der seit fünf Jahren in der Stadt lebt und einer von etwa 12.000 Studenten ist.

Zuerst aber laufen wir zur "Domburg", einer Kneipe mit Gewölbekeller, in der wir uns ein bisschen hinlegen. Fast der komplette Boden der unteren "Domburg"-Etage ist nämlich mit Matratzen ausgelegt, doch das ist nicht die einzige Skurrilität, die der Laden zu bieten hat. Auf den letzten Seiten der Speise- und Getränkekarte werden Heuschrecken (2 Euro), Ameisen (1,50 Euro) und Rhinokäfer (13 Euro) angeboten, die dann auf einem weißen Löffel serviert werden.

Wir bestellen zwei Heuschrecken, die getrocknet sind und wie alte Erdnussflips schmecken. Dazu trinken wir Bier und stoßen an auf Caspar David Friedrich, den großen Maler der Romantik und bekanntesten Sohn der Stadt: Caspar, so hat mir eine Museumsmitarbeiterin am Nachmittag erzählt, wurde heute vor 240 Jahren geboren.

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23.40 Uhr: Es regnet, wir rennen rüber ins "Mitt'n Drin", was nicht lange dauert, weil Greifswald nur etwa 60.000 Einwohner hat und man niemals länger als zehn Minuten braucht bis zur nächsten Kneipe. Das "Mitt'n Drin" hat eine Einrichtung wie aus einem Möbelhauskatalog der Neunziger: schwarze Ledersofas, pinkfarbene Wände, dazu gibt es bunte Cocktails, die zum Beispiel "Soul to Soul" heißen.

Greifswald hat unter denen, die es nicht kennen, keinen besonders guten Ruf, es wird wohl kaum einen Studenten geben, der mit großer Vorfreude in die Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zieht. Doch jene, die sie kennen, sagen etwas ganz anderes. Sie sagen: "Wer nach Greifswald kommt, weint zweimal - einmal bei der Ankunft, das andere Mal bei der Abreise."

Ihm werde es beim Abschied sicher ähnlich gehen, sagt Thomas, der Jura studiert. Ihm gefällt die Fleischervorstadt, wo viele Studenten wohnen. Der Museumshafen. Der Burger-King-Lieferservice, den es hier gibt. Auch Thomas' Mitbewohner hängt inzwischen an der Stadt, er hat sogar den "G-Wood-Song" geschrieben, einen Rap über Greifswald. "Zweite Heimat Greifswald, ich widme dir diesen Track", heißt es darin.

01.15 Uhr: Wir sitzen in der "Falle". So heißt die urige Kellerkneipe, in deren Wappen ein Greif mit Bierkrug zu sehen ist. Der Greif ist der Namensgeber der Stadt und ein mythisches Mischwesen aus Vogel und vierbeinigem Säugetier.

Es gibt in der "Falle" eine Jägermeister-Zapfanlage, viel Schlagermusik und sehr billiges Pils für 1,70 Euro. Ausgehen in Greifswald ist zuweilen nicht nur skurril, sondern auch günstig. Das gefällt Ricardo, der neben uns an der Bar sitzt, "Fiesta Mexicana" von Rex Gildo mitsummt und sich dann als großer Fan von "Chartmusik" outet. Er schlägt vor, als Nächstes den "Mensaclub" zu besuchen, der habe irgendwie Berliner Underground-Flair. Thomas ist dagegen, doch Ricardo empfiehlt die großen "Mischen", zum Beispiel die aus Rum und Cola, die dort serviert werden.

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01.50 Uhr: Ricardo hat uns überzeugt, also laufen wir rüber zum "Mensaclub", was nicht lange dauert, weil der Laden quasi direkt gegenüberliegt. Vor der Absperrung mit den Türstehern parken Dutzende Fahrräder: Bezogen auf die Einwohnerzahl soll es in Greifswald mehr geben als in Münster. Gleichzeitig sei die Stadt die "Hochburg des Fahrradklaus", heißt es. Vorm "Mensaclub" hat sich eine lange Schlange gebildet, daher steuern wir den nächsten Laden an, egal was Ricardo sagt.

02.15 Uhr: Wir laufen zur "Huschecke", vorbei an aufgerissenen Straßen, Absperrzäunen, Kränen, Baggern. Greifswald wächst und ist inzwischen schick: In der Altstadt sind fast alle Fassaden neu gestrichen, kaum ein Geschäft steht leer. Vielleicht geht es der Stadt auch darum so gut, weil sie zu Angela Merkels Wahlkreis gehört. In der "Huschecke" gibt es Augustiner, angeblich die einzige Location in der Stadt, die das Bayern-Bier verkauft. Weil der DJ aber schon Feierabend gemacht hat, ziehen wir nach nur einem Bier weiter.

03.30 Uhr: Der Morgen dämmert, also geht es jetzt noch auf einen Absacker ins "Ravic". Dort hängen alte Koffer von der Decke, das Schaufenster steht voller Topfpflanzen, daneben eine Schaufensterpuppe in bordeauxroter Unterwäsche. Ich setze mich auf eines der vielen Oma-Sofas, hinter mir eine Oma-Lampe mit Bommeln am Schirm.

Eine Freundin von Thomas setzt sich zu uns, sie war im "Mensaclub" und sagt, dass dort nichts los gewesen sei, trotz der langen Schlange: Der Laden habe sich wohl nur interessant machen wollen und die Leute extra langsam hineingelassen. Und drinnen hätten sie Musik der Spice Girls gespielt. Im "Ravic" ist das anders: Ein Typ steht auf, geht zum Klavier, spielt Filmmusik aus "Die wunderbare Welt der Amélie". Das klingt schön, und man will noch ein paar Stunden bleiben in dieser unterschätzten Stadt.

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insgesamt 23 Beiträge
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demophon 14.11.2014
1. Auswahlkriterien für Studienort
Die Studienzeit ist die beste und kostbarste Phase seines Lebens, man ist jung, attraktiv, frei, hat noch viel Freizeit (je nach Studienfach) und ist immer in Partylaune. Daher sollte sich jeder ganz genau überlegen, in welcher Stadt er diese wenigen Jahre verbringen will. Ich habe meinen Studienort explizit danach ausgesucht, wo diesbezüglich am meisten los ist, wo es auch Strände gibt, wo es immer warm ist und es eine Spitzenuni gibt. Und ich habe es nicht bereut. Für mich wäre ein Ort wie Greifswald nie in frage gekommen.
Consanesco 14.11.2014
2.
@demophon: um welchen Studienort handelt es sich denn, der die genannten Kriterien allesamt erfüllt?
drwuster 14.11.2014
3.
Hört sich nach purer Langeweile an, das würde ich mir auch nicht 7 Semester geben.
boblinger 14.11.2014
4. Ganz einfach
Zitat von Consanesco@demophon: um welchen Studienort handelt es sich denn, der die genannten Kriterien allesamt erfüllt?
Frankfurt / Oder
Aguirre, der Zorn Gottes 14.11.2014
5.
Gleich zwei Mal den Mensaclub erwähnen, ohne ihn überhaupt besucht zu haben, schlimmer noch, ihn mit einer derartigen Unterstellung zu verreißen auf keinerlei Grundlage, abgesehen vom betrunkenen Geschwätz irgendeiner Tussi um halb 4 morgens, und dass, obwohl eine Schlange normalerweise ein Zeichen eines beliebten Ladens ist. Das ist einfach mieser Journalismus. Übrigens bietet Greifswald - je nach Geschmack - noch drei weitere Studentenclubs mit mitunter schöneren Räumlichkeiten.
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