Großbritannien Studiengebühren schrecken ab

An britischen Unis bricht jeder sechste das Studium ab - und Jugendliche aus armen Familien trauen sich kaum noch zu studieren. Die Angst vor einem Schuldenberg ist zu groß, zumal die Studiengebühren steigen und steigen.


Jason ist erleichtert. Sein Examen ist vorbei. Jetzt ist er frischgebackener Betriebswirt. Jason ist 24 - relativ alt für einen Studenten in Großbritannien. Zweimal hat Jason sein Studium unterbrochen: "Die Leute brechen ab, weil die Uni anders ist als erwartet. Manche erleben einen regelrechten Kulturschock. Viele geraten unter finanziellen Druck, wenn sie von daheim ausziehen und sich unabhängig machen."

Erfolgloser Protest (in London 2002): Studenten-Demo gegen Gebühren
AP

Erfolgloser Protest (in London 2002): Studenten-Demo gegen Gebühren

In Jasons Familie war noch nie jemand an der Universität. Jason ist afrokaribischer Herkunft, in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen. Laut Statistik haben Jugendliche mit seinem Hintergrund in Großbritannien die schlechtesten Karten: "Ich studierte zwei Hauptfächer, und hatte von Anfang an Schwierigkeiten, das unter einen Hut zu bekommen. Niemand hat mich beraten, ich hatte wenig Kontakt zu den anderen Studenten, weil ich in jeder freien Minute arbeiten ging. Das Geld war knapp. Während der Woche schob ich Nachtschichten im Supermarkt. Das wuchs mir über den Kopf."

Jason hatte Angst davor, sich immer tiefer zu verschulden. Zweimal setzte er aus, um voll zu arbeiten. Sein Leben neu zu überdenken, und genug Geld zu sparen, um das Studium letztlich doch durchzuziehen.

Kräftiger Aufschlag ab Herbst

Vor knapp 10 Jahren führten englische Universitäten Studiengebühren ein: 1175 Pfund, Umgerechnet 1700 Euro pro Jahr. Bis dahin hatte der Staat die Kosten übernommen. Es war eine umstrittene Entscheidung, denn die Labour-Partei brach damit ihr eigenes Wahlversprechen.

Ab Herbst müssen Studenten noch tiefer in die Tasche greifen: Die Gebühren werden auf 3000 Pfund pro Jahr erhöht, das sind 4500 Euro. Gleichzeitig bekräftigte Premierminister Tony Blair sein Ziel, die Hälfte aller 18- bis 30-Jährigen an Hochschulen zu bringen.

"Das ist doch ein Widerspruch", sagt Jamila, 21, die vor kurzem ihren Abschluss machte. Jamilia wohnte während ihres Studiums zuhause und arbeitete Teilzeit. Wären die Gebühren damals schon so hoch gewesen, hätte Jamilia - so sagt sie - wahrscheinlich überhaupt nicht studiert.

Tatsächlich ist die Zahl der Studienbewerber aus einkommensschwachen Schichten gefallen, sagt Gemma Tumelty vom nationalen Studentenverband "NUS". Sie selbst habe nach einem vierjährigen Studium in Liverpool Schulden von umgerechnet 27.000 Euro.

Soziale Schranken werden zementiert

Studiengebühren sind eine echte Abschreckung. Junge Leute haben Angst, sich zu verschulden. Sobald Hochschulabsolventen mehr als 15.000 Pfund im Jahr verdienen, rund 1800 Euro im Monat, müssen sie anfangen, das Geld zurückzuzahlen. Das hat finanzielle und soziale Langzeitwirkungen: Sie können zum Beispiel nicht in die Pensionskasse einzahlen. Und die Universitäten bleiben weiterhin die Domäne der Mittel- und Oberschicht.

Laut jüngsten Erhebungen bricht jeder sechste Student in Großbritannien sein Studium vorzeitig ab. An den neuen Universitäten, die vor allem von Studierenden aus benachteiligten Schichten besucht wird, liegt die Quote deutlich höher.

Dessen ungeachtet blickt der für höhere Bildung zuständige Minister Bill Rammell optimistisch in die Zukunft: "Ab Herbst werden neue Stipendien für die allerbedürftigsten Studenten eingeführt. Das wird sich positiv auf Bewerberzahlen auswirken. Außerdem besteht kein Grund zur Panik: Im Vergleich mit anderen Industrieländern hat Großbritannien immer noch eine ausgesprochen niedrige Abbruchrate."

Kritiker bezweifeln, dass es der britischen Regierung gelingen wird, 50 Prozent der unter 30-Jährigen an Hochschulen zu bringen. Bislang bleibt die Quote härtnäckig bei rund 40 Prozent stecken, Studenten aus einkommensstarken Familien sind überproportional vertreten. Daran hat sich in der Labour-Ära nichts geändert - trotz anderslautender Beteuerungen.

Lediglich in Schottland ist die Zahl der Bewerber gestiegen. Dort herrschen andere Bestimmungen. Schottische Studenten sind - bislang jedenfalls - von den Studiengebühren befreit.

Von Ruth Rach, Campus & Karriere, Deutschlandfunk



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