Cem Özdemir über Uni-Gerechtigkeit "Auswahl im Kreißsaal"

Der Akademikernachwuchs hat die Unis fest im Griff, Arbeiter- und Migrantenkinder finden deutlich seltener dorthin. Das geht dem Grünen-Chef Cem Özdemir gegen den Strich. Sein Ziel: Der Campus soll ein Querschnitt der Bevölkerung sein.

Cem Özdemir, Grüne: "In Deutschland reproduziert sich der Status der Eltern"
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Cem Özdemir, Grüne: "In Deutschland reproduziert sich der Status der Eltern"


UniSPIEGEL: Herr Özdemir, Sie sind in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, haben Abitur gemacht, studiert und wurden der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete. Trotzdem behaupten Sie, Deutschland sei ein "ungerechtes Land". Warum?

Özdemir: In Deutschland reproduziert sich der Status der Eltern. 71 Prozent der Kinder von Akademikern schaffen es an eine Universität, aber nur 24 Prozent der Kinder von Nicht-Akademikern. Das hat nichts mit Begabung oder Intelligenz zu tun. Es ist ein soziales Problem. Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld erfahren nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

UniSPIEGEL: Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren sogar verschlechtert. Während der Anteil von Akademikerkindern an den Unis rasant stieg, sank er seit 1982 bei Arbeiterkindern von 23 auf 15 Prozent.

Özdemir: Das lag sicher auch an der Einführung von Studiengebühren. Finanzielle Sorgen schreckten viele junge Erwachsene aus ärmeren Familien vom Studium ab. Und Stipendien richten sich an die Besten, nicht an Bedürftige.

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UniSPIEGEL: Wo fängt die soziale Selektion an? Erst beim Übergang auf die Hochschulen?

Özdemir: Die Auswahl beginnt schon im Kreißsaal. Migranten- und Arbeiterkinder bekommen, auch bei gleicher Begabung, seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder deutscher oder reicher Eltern. Sie schaffen es seltener an die Hochschule. Bei der Jobsuche werden sie benachteiligt. Als ich als Schüler angab, aufs Gymnasium wechseln zu wollen, hat die ganze Klasse schallend gelacht, einschließlich des Lehrers. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

UniSPIEGEL: Was kann die Politik tun, damit es im deutschen Bildungswesen gerechter zugeht?

Özdemir: Wir müssen die Kinder früher fördern durch frühkindliche Betreuung. Wir müssen sie länger fördern durch Ganztagsschulen. Und wir müssen sie effektiver fördern durch individuelle Lernangebote. Kurzum: Wir müssen alles dafür tun, dass Nachteile, die durch Herkunft entstehen, ausgeglichen werden.

UniSPIEGEL: Schließt das längeres gemeinsames Lernen mit ein? In Hamburg sind die Grünen mit dem Versuch, das Gymnasium abzuschaffen, spektakulär gescheitert.

Özdemir: Wir haben aus den Fehlern von Hamburg gelernt. Am Anfang muss eine Debatte über die Qualität der Schulen stehen, nicht über die Struktur. Gegen die Eltern, gegen das pädagogische Personal und gegen die Jugendlichen ist eine Bildungsreform nicht durchzusetzen.

UniSPIEGEL: Früher wurden Studienplätze durch die ZVS vergeben, heute suchen sich die Hochschulen ihre Studenten meistens selbst aus. Wird das System dadurch fairer?

Özdemir: Nur wenn wir dafür sorgen, dass insgesamt mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt werden. Wir müssen den Unis mehr Mittel zur Verfügung stellen. Ansonsten können sie lediglich den Mangel verwalten.

UniSPIEGEL: Würde es helfen, Unis die Aufnahme einer Mindestzahl an Arbeiter- und Migrantenkindern vorzuschreiben?

Özdemir: Die Grünen haben mit der Frauenquote in der Politik gute Erfahrungen gemacht. Migranten- und Arbeiterkinderquoten an Universitäten stelle ich mir aber schwierig vor. Spezielle Förderprogramme, die die Herkunft der Studenten berücksichtigen, würde ich mir hingegen wünschen. Im Idealfall sollte der Campus einen Querschnitt der Bevölkerung darstellen mit Studenten aus allen Schichten.

Das Interview führte Maximilian Popp.



insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
Leser161 28.06.2012
1. Warum???
Warum muss alles immer ein Querschnitt der Bevölkerung sein? Menschen sind nunmal verschieden. Da dieses Argument wahrscheinlich nicht greift, schlage ich am Besten noch ein paar Gleichberechtigungsprojekte vor: - Politiker müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Im Moment sind das doch in Mehrzahl Lehrer und Anwälte! - Bauern müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Bei den meisten bauern waren jedoch schon die Eltern Bauern. Das bauernkartell mus geknackt werden! -Harz-IV Empfänger müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Im Moment sind die meisten Hartz-IV-Empfänger jedoch minderqualifiziert. Wir müssen mehr Akademiker bei den Hartz-IV-Empfängern unterbringen!
freiheit_wagen 28.06.2012
2.
"Migranten- und Arbeiterkinder bekommen, auch bei gleicher Begabung, seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder deutscher oder reicher Eltern." Sehr geehrter HErr Ozdemir, Begabung alleine reicht halt nicht. Es braucht auch Leistungsbereitschaft, Disziplin und die Vermittlung von Bildung als Wert aus dem Elternhause.
Simax 28.06.2012
3. Und Stipendien richten sich an die Besten, nicht an Bedürftige.
Richtig - so soll es auch sein.Bedürftig sein heißt nicht qualifiziert oder begabt genug zu sein. Es werden Dank rot-grüner Schulpolitik sowieso zuviele Studenten mit äußerst fragwürdigen Grundkentnissen produziert.
+.+ 28.06.2012
4.
Zitat von Leser161Warum muss alles immer ein Querschnitt der Bevölkerung sein? Menschen sind nunmal verschieden. Da dieses Argument wahrscheinlich nicht greift, schlage ich am Besten noch ein paar Gleichberechtigungsprojekte vor: - Politiker müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Im Moment sind das doch in Mehrzahl Lehrer und Anwälte! - Bauern müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Bei den meisten bauern waren jedoch schon die Eltern Bauern. Das bauernkartell mus geknackt werden! -Harz-IV Empfänger müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Im Moment sind die meisten Hartz-IV-Empfänger jedoch minderqualifiziert. Wir müssen mehr Akademiker bei den Hartz-IV-Empfängern unterbringen!
Grüne müssen ein Querschnitt der Bevölkerung sein! Im Moment sind die meisten Spinner!
hantavirtual 28.06.2012
5. Da hat er bestimmt recht
"Die Auswahl beginnt schon im Kreißsaal. Migranten- und Arbeiterkinder bekommen, auch bei gleicher Begabung, seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder ..." Wow , da hat er recht, bei Geburt meiner Kinder musste ich auch ankreuzen ob das Kind jetz aufs Gymnasium darf, oder doch nur zur Hauptschule muss. Kann ich mich ganz genau dran erinnern, echt jetzt. Und immer das gleiche Geschwätz. Auswahl nach Herkunft, Arbeiter etc. Dabei sollte man sich vielleicht einmal die so gepushten Studien genauer ansehen statt immer nur das Fazit. Dann sieht man nämlich das die Zuordnung auf Gymnasium, Realschule und Hauptschule zu 90% richtig ist, was die Leistung angeht,und nur bei 10% der Kinder Handlungsbedarf besteht. Aber nach Ansicht von Herrn Özdemir sollte wohl schon im Kreißsaal das Abiturzeugnis überreicht werden, natürlich streng nach Ausländerquote, Frauenquote, Behintertenquote etc. oder wie soll ich seine Aussagen verstehen? Naja bei den nachlassenden Anforderungen in der Schule wird das wohl auch nicht mehr lange dauern das es so dann einfacher ist.
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