Gute Lehre gesucht Die Scheu vor der Rangliste

In der Forschung ist Evaluation für Wissenschaftler kein Problem - doch gegen Rankings der Lehrqualität haben Universitäten und Wissenschaftler große Vorbehalte. Schon an der Definition beißen sie sich die Zähne aus. Wer soll nun sagen, was gute Lehre ist?


Der Mangel scheint offenkundig: "Die Fakultäten haben kein zureichendes objektives Wissen über ihre eigene Lehrleistung", klagte Peter Gaehtgens, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), kürzlich in der Tübinger Unizeitung. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus von der Freien Universität Berlin kritisierte, dass in Berlin eine "qualitative Evaluation der Lehre fehle".

Vorlesung (in Leipzig): Was macht gute Lehre aus?
DDP

Vorlesung (in Leipzig): Was macht gute Lehre aus?

Der Ruf nach Kriterien, die ein objektives Urteil über die Lehre an deutschen Hochschulen erlauben, wird wieder lauter – realistischer wird er dadurch aber nicht, sagt Soziologe Martin Winter. Er war vier Jahre lang Koordinator des Evaluationsverbundes der Universitäten Leipzig, Jena, Halle-Wittenberg und am Institut für Hochschulforschung Wittenberg für Evaluation und Qualität von Lehre und Forschung zuständig. Seine Bilanz: "Die Hoffnung, allgemein gültige Kriterien zu finden, die Lehrqualität objektiv messbar machen sollen, ist eine Illusion. Dazu müsste man sich auf Kriterien einigen, die für alle nachvollziehbar sind."

Derzeit ist Winter HRK-Referent im Projekt "Neue Studienstrukturen an der Universität Halle". Er hat vor allem methodologische Einwände: Lehrqualitätsvergleiche mit Objektivitätsanspruch seien unmöglich. Denn: "Wie soll ich zum Beispiel die Motivation der Befragten, die an verschiedenartigen Lehrveranstaltungen teilnehmen, bewerten und gewichten?"

Mit solchen methodischen Problemen hat sich nicht nur Winter beschäftigt, sondern seit zwei Jahren auch der Wissenschaftsrat (WR). Eine im November 2004 eingesetzte Arbeitsgruppe sollte ein Verfahren der vergleichenden Bewertung der Lehre an deutschen Hochschulen entwickeln, ein Rating. Doch was in der Forschung zügig in Empfehlungen zu einem Forschungs-Rating mündete, gestaltete sich in der Lehre ungleich verzwickter.

Lehr-Rating ist vorerst vom Tisch

Mittlerweile ist nach "duz"-Informationen der Versuch, ein Lehr-Rating zu entwickeln, beim Wissenschaftsrat fürs Erste vom Tisch. Die Verfahren zur Evaluierung der Lehre, die es derzeit gibt, erwiesen sich als zu problematisch. Um ein nationales Rating Lehre aufzubauen, bedürfte es erheblich komplizierterer, sorgfältig ausgearbeiteter Verfahren. Um solche zu entwickeln, braucht es dem Wissenschaftsrat zufolge mindestens zwei bis drei Jahre, inklusive Pilotphase, in der wie jetzt beim Forschungs-Rating das Verfahren getestet wird. Eine Vorweggarantie wollte der Rat aber nicht geben - sehr zum Verdruss der Wissenschaftsminister der Länder.

Diese wollten innerhalb eines halben Jahres ein Rating für die Lehre haben, um künftig Zuschüsse an die Unis auch nach der Qualität der Lehre zu verteilen. Den Ministern hätte ein sehr viel einfacheres Verfahren genügt, um zu schnellen Ergebnissen zu kommen – etwa die Kombination von Dozenten-Studenten-Verhältnis und Bibliotheksausstattung mit studentischer Evaluation. Das lehnte die Wissenschaftliche Kommission des WR als unseriös ab. Auf ein "Quick-and-dirty-Verfahren" lasse man sich nicht ein.

Nun versuchen es die Länder selbst. Der Hochschulausschuss der Kultusministerkonferenz (KMK) prüfte in seiner Juli-Sitzung Möglichkeiten für ein Rating in der Lehre. Aus der KMK ist zu hören, dass ein sogenanntes Indikatoren-Set in der Diskussion sei. Es soll Instrumente wie Rankings oder Ratings überflüssig machen. Wie die Indikatoren aber aussehen sollen, weiß noch niemand. Denkbar sind angeblich Kennzahlen wie "Studienanfänger im ersten Fachsemester je Fach und Hochschule", die "Anzahl der Professuren" oder die "Fächerauslastung". Auf der nächsten KMK-Sitzung im Oktober soll eine Grundsatzentscheidung getroffen werden.

Falls sich die KMK für ein Indikatorenset entscheidet, so lautet die Idee, dann wären Studierende und Politiker künftig selbst in der Lage, die Lehrqualität an Hochschulen einzuschätzen. Geklärt werden muss allerdings noch das Problem der Datenbeschaffung. Denn ohne die gibt es keine messbaren Indikatoren. Zudem müssten aus Ländern, in denen Daten nicht zur Verfügung stehen, diese erhoben werden. Das kostet natürlich Geld. Vor allem, wenn das Indikatorenset "mindestens jährlich fortgeschrieben werden muss", sagen KMK-Experten.

Entzieht gute Lehre sich wirklich jeder Definition?

Ranking-Gegner wie Winter könnten sich durch diese Abkehr der KMK von Lehre-Rankings und -Ratings bestätigt sehen. Beispiel Lehrqualität: "Wenn sie mit standardisierten Messinstrumenten aufgezeichnet und bewertet werden soll, braucht es eine allgemein gültige Definition von Lehrqualität", sagt Winter. Diese fehle aber, weil Didaktiker und Lehrende verschiedene Ansätze vertreten, die nur bei "großen Akzeptanzproblemen auf einen gemeinsamen Nenner" gebracht werden könnten.

Mit seiner Meinung steht Winter nicht alleine. "Gute Lehre lässt sich nicht definieren, denn was in einer Kommunikation und in einem zwischenmenschlichen Prozess gut ist, hängt sehr vom Standpunkt des Betrachters ab", sagt Karin Fischer-Bluhm. Sie ist Geschäftsführerin des Verbundes Norddeutscher Universitäten, der Studienfächer mit dem Ziel evaluiert, Studium und Lehre zu verbessern. Eine der Erfahrungen, die Fischer-Bluhm daraus zog: "Lehr- und Lernstile von Menschen sind zu unterschiedlich, um sie in zwei oder drei Kategorien zu beschreiben. Mehr Kategorien könnte man aber in einem Ranking für die Dimension Stile nicht verarbeiten." Zudem hätten sich für verschiedene Lerngegenstände unterschiedliche Strategien bewährt.

Dabei ist es ja nicht so, dass es keine Ideen gibt, wie Lehrleistungen bewertet werden könnten. Ganz im Gegenteil, allerdings seien alle bisherigen Vorschläge mit Mängeln behaftet, sagt Stefan Hornbostel. Er leitet das Bonner Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. So scheiterten etwa Tests à la Pisa an dem Problem, dass ein Wissenskanon von überprüfbaren Sachverhalten für Hochschulabsolventen schwer zu bestimmen sei.

Das Studenten-Urteil gilt wenig

Die technische und personelle Ausstattung eines Studienganges als Indikator für gute Lehre sei ebenfalls als Kriterium nicht ausreichend, so Hornbostel, weil unklar sei, wie viel von der Infrastruktur wirklich in die Lehre investiert werde. Die Befragung von Studierenden birgt für Hornbostel die Schwierigkeit, dass Pflichtkurse oder unattraktive Veranstaltungen wie Methodenseminare in der studentischen Bewertung stets schlechter ausfielen als freiwillige Seminare. "Dieser Effekt muss statistisch ausgeglichen werden." Praktikabler seien da Absolventenstudien. Nachteil dabei: "Es ist methodisch extrem anspruchsvoll nachzuweisen, welche beruflichen Erfolge wirklich auf gute Lehre zurückzuführen sind."

Sinnvoller ist es für Martin Winter, "weiterhin die Rahmenbedingungen, organisatorische, didaktische und curriculare Gesichtspunkte von Studiengängen wie Lehrveranstaltungen separat zu erfassen und auch getrennt zu bewerte". Das hieße: Diese Indikatoren sollten weder in einer Formel zur Lehrqualität mit bestimmten Gewichtungsfaktoren versehen noch zu einer Kennzahl "Qualität der Lehre" zusammengefasst werden.

Trotz dieser Komplexität hat der Wissenschaftsrat seine Bemühungen um ein Lehr-Rating noch nicht aufgegeben. So hat sein Chef, Peter Strohschneider, im Frühjahr den Vorsitz im "Ausschuss Lehre" übernommen. Das Gremium will Empfehlungen vorbereiten, die unter anderem den "Aufbau adäquater Qualitätsbewertungssysteme und die Herstellung von Leistungstransparenz und Wettbewerb im Bereich der Lehre" zum Ziel haben.

Für Mitte 2007 rechnet Sabine Behrenbeck, Referatsleiterin beim Wissenschaftsrat für Studium, Lehre und wissenschaftlichen Nachwuchs, mit ersten Ergebnissen. "Wenn diese vorliegen – und vorausgesetzt, die Länder beauftragen den Wissenschaftsrat damit –, dann können wir in einem nächsten Schritt doch noch ein methodisch anspruchsvolles Rating der Lehrleistungen in Angriff nehmen."

Von Benjamin Haerdle, duzMAGAZIN

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.