Gute Lehre gesucht Ende der Bequemlichkeit

Vorn leiert einer vom Blatt, hinten schnarchen die Studenten - die klassische Vorlesung ist für Professoren und Studenten die bequemste Art der Begegnung. Und ein Auslaufmodell. Lehr-Experten suchen nach besseren Formen, die beide Seiten stärker fordern.

Von Frank van Bebber


Erst zerstören die Dozenten die sozialen Bindungen, dann überfordern sie die Teilnehmer, und schließlich verstören sie jeden mit Angriffen auf allen Ebenen seiner Persönlichkeit: Wenn Prof. Dr. Nicola Marsden, 38, von der Hochschule Heilbronn ihre Lernbühne öffnet, reißt sie Studierende und Lehrende aus ihrer heilen Welt verschnarchter Vorlesungen.

Ödes Ritual Vorlesung: Akademische Speisung der Massen
DDP

Ödes Ritual Vorlesung: Akademische Speisung der Massen

Zufällig zusammengestellte Teams aus Technik-Hochschülern müssen fachlich kaum zu bewältigende Aufgaben lösen und sich zugleich menschlich zusammenraufen. Die Projekte sollen der Wirklichkeit in der Industrie möglichst nahe kommen und künftige Arbeitssituation erfahrbar machen, sagt die Professorin für Sozialpsychologie an der Heilbronner Fakultät für Technik. "Dazu simulieren wir eine Umgebung, die den Bedingungen der wirklichen Arbeitswelt entspricht."

Seit drei Jahren schickt Marsden Studenten auf die Bühne des Arbeitslebens. Die fachlichen und sozialen Interventionen und Störungen der Dozenten seien sehr förderlich gewesen, sagt sie. Alle Studenten hätten sich so weit gefordert gezeigt, "dass sie ihre Komfortzone verlassen haben." Doch auch für die Dozenten sind die Zeiten vorbei, in denen Vorlesung hieß, dass ein Buch vorgetragen wird. "Die Lehrenden sind statt Input-Geber eher Hebammen für die Lernprozesse der Studierenden", sagt Marsden.

Hören ist gleich Vergessen

Das Land Baden-Württemberg lobt Marsden im Bachelor-Zeitalter für den "Perspektivenwechsel vom theoretischen Lernen zum praktischen Handeln". Es fördert solche Projekte, rund 2000 seit 1991, damit Didaktikpioniere wie Marsden auch ihre Kollegen zu Lern-Hebammen machen. Das Zentrum für Hochschuldidaktik der Universität Tübingen spricht von einem seit Mitte der neunziger Jahre anhaltenden Boom. Vom 29. November bis 1. Dezember zieht es auf der Tagung "Entwicklungslinien der Hochschuldidaktik" in Tübingen Zwischenbilanz.

Marsden zitiert Goethe: "Überhaupt lernt niemand etwas durch bloßes Anhören." Ihr Kollege Jörg J. Buchholz von der Hochschule Bremen erinnert an Laotse, der Hören mit Vergessen gleichsetzte. Buchholz hat seine Vorlesungen abgeschafft. Die hätten kaum mehr als die Lektüre des Lehrbuchs gebracht. Bei ihm gibt es nur noch nun Kleingruppenarbeit.

An vielen Hochschulen gibt es inzwischen Lehrformen, die selbst das traditionell wirken lassen. Die TU Chemnitz hat den Chefdramaturgen des Stadttheaters engagiert. Er bringt angehenden Ingenieuren bei, "Eindeutigkeit und Nachweisbarkeit zu hinterfragen und sich dem Ungefähren und Unfassbaren zuzuwenden". Der Kurs mit 20 Plätzen war nach der Ankündigung in vier Stunden ausgebucht.

Die Universität Hohenheim bat zum Zwecke der besseren Wissensvermittlung 120 Studentinnen und Studenten zur Schlacht der Geschlechter. Bei "Battle of the Sexes" traten Frauen und Männer in gespielten Verhandlungen gegeneinander an. Die Universität Mannheim schickt ihre Studenten in die Kämpfe des echten Lebens: Unter dem Motto "Service Learning" gehen angehende Erziehungswissenschaftler in Problemschulen, künftige Sprachwissenschaftler unterrichten MigrantenKinder.

Besser ist, wenn alle reden

Dass die neue Didaktik-Welt nicht nur für Nähe zur heutigen Berufswelt taugt, beweist Thomas Becker, Leiter des Bonner Universitätsarchivs. Er organisiert in seinen Kursen oft unangekündigte Talkshows: "Ich mache das ein wenig so wie Sabine Christiansen." Die Studierenden werden zum päpstlichen Nuntius oder zum Gesandten des Kaisers. Im Seminar über Räuberbanden im Rheinland lässt er über die Sicherheit rheinischer Straßen im 18. Jahrhundert diskutieren.

Vorteil für Becker: "Man bekommt alle zum Reden." Für Becker ist das auch Hausaufgaben-Kontrolle. Wer den Stoff nicht gelesen hat, ist in der Talkrunde chancenlos.

Psychologin Marsden weiß: Ungewöhnliche Lehrformen fordern nicht nur die Studenten, sondern auch die Lehrenden. "Das ist tausend Mal mehr Arbeit als eine Vorlesung, die ich schon fünf Mal gehalten habe", sagt sie. Und wer auch Auftreten und Präsentation der Hochschüler beurteile, frage sich auf einmal selbst: "Werden die das auch bei mir tun?"

Die verschärfte Form der Lehrbühne bleibt aus einem anderen Grund Psychologinnen vorbehalten. Zufällig gebildete Studentengruppen samt gezielter Überforderung können Schockwirkung entfalten. "Da muss jemand da sein, der das auffangen kann." Doch Marsden und eine weitere Psychologieprofessorin sind fest in die Fakultät für Technik integriert, die Lehrbühnen-Expertin ist derzeit Dekanin. Dies zeige die Bereitschaft, sich neuen Lehrformen zu öffnen, sagt Marsden.

Auch an ihrer Hochschule gebe es aber weiter Vorlesungen. Zur wachsenden Freude der Studierenden, wie sie beobachtet: "Die sind erleichtert, dass sie wieder einfach einmal nur konsumieren können."



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