Guten Abend allerseits Ein Hurra auf das Pay-TV

Nach ihrer Fahrt mit dem Rad zur WM werden Felix Göpel und Kevin Meisel vom Fernsehen endeckt. TV-Reporter spendieren ihnen Stadiontickets, Schulmädchen neue Socken. Und mit einem Geburtstagsständchen zaubern die beiden Studenten gar ein Lächeln auf das Gesicht von Olli Kahn, dem grimmigsten Torhüter der Welt.

Unseren naiven Plan, beim nächsten Spiel der Gastgeber mit der nordkoreanischen Flagge für Emotionen zu sorgen, verwerfen wir wieder. Unsere koreanischen Freunde vom Campingplatz in Seoul raten mit Nachdruck davon ab. Wenn die Koreaner wütend werden, sagen sie, fliegen die Fetzen. Jeder Koreaner absolviert in seiner Zeit bei der Armee ein ausgiebiges Taek-Won-Do-Training.

Zu diesem gesellschaftlichen Konfliktverstärker kommt noch ein biologischer: Den Koreanern fehlt ein Enzym, das für den Abbau vom Alkohol zuständig ist. Glaubt man unseren koreanischen Freunden, gehören die Kneipenschlägereien in Seoul deshalb zu den spektakulärsten der Welt.

Zudem reagiert die südkoreanische Volksseele extrem empfindlich auf Provokationen aus dem sozialistischen Norden. Ein nervöses Klima des Misstrauens und der Aggression ist selbst in der Zeit der Weltmeisterschaft zu spüren. Als wichtige Telefonnummer neben der Durchwahl für Feuerwehr und Polizei gilt die Nummer der Hotline für Denunzianten und potentielle Überläufer: "Eins, eins, drei - report a spy".

Guten Abend allerseits: Das Teflon-Phänomen
Von Berlin nach Seoul, Teil 1: Vier Felgen für ein Halleluja
Teil 2: Hinter dem Hindukusch geht's weiter

Wir bleiben also lieber friedlich und angepasst und bewahren die Contenance, auch wenn es schwer fällt, sich nach den indisch-chinesischen Preisparadiesen an die Lebenskosten in Seoul zu gewöhnen. Das koreanische Preisniveau treibt uns schnell den amerikanischen Bulettenbratern in die Hände. McDonald's ist in Korea immer noch der billigste Weg der Nahrungsaufnahme. Unsere schönen durchtrainierten Körper gleichen sich so mit erschreckendem Tempo dem Phänotyp des durchschnittlichen deutschen Schlachtenbummlers an.

Angesichts unserer Finanzlage überlegen wir schon, unter "Eins, eins, drei - report a spy" ein paar von den 100.000 chinesischen Fans als kommunistische Spione zu denunzieren oder zumindest zu beschuldigen. Einen Versuch wäre es wert: "Ja, ich hab es genau gesehen, sie tragen den Kommunistenstern auf dem Trikot und rote Socken." Aber bevor wir im Land der Mobiltelefone einen Münzfernsprecher finden, sind die Chinesen schon wieder zuhause. Mit null Punkten und null zu neun Toren.

Es naht Hilfe vom koreanischen Fernsehen. Auf unserem Campingplatz werden die wenigen WM-Touristen regelmäßig von der heimischen Presse belagert. Die erste Ausstrahlungen im Fernsehen über den Zustand unseres Zeltes (chaotisch), Kevins Socken (löchrig) und meines Gesichts (bärtig) wecken anscheinend mütterliche Gefühle bei den weiblichen Teenagern Seouls. Eine Gruppe Schulmädchen kommt auf den Campingplatz, um sich die Radfahrer aus Berlin anzuschauen, uns zum Barbecue einzuladen und Kevin ein neues paar Socken zu schenken.

Das koreanische Fernsehen ist großzügig

Und es kommt noch besser: KBS2, das koreanische Pendant zum ZDF, entschließt sich, einen zwölfminütigen Beitrag über uns zu drehen. Dafür begleiten sie uns vier Tage auf unserem Weg durch Korea. Zusammen mit einem Journalisten und einer Dolmetscherin verlassen wir Seoul. Die koreanischen Entfernungen sind für uns eine ungewohnt. In einer fünfstündigen Bahnfahrt können wir das gesamte Land von Nord nach Süd durchqueren - in Indien braucht man in der Regel fünf Stunden, um bis zum nächsten Busbahnhof zu kommen.

Bei den bisherigen Interviews auf dem Campingplatz haben wir immer nur einen Pitcher Bier als Gegenleistung verlangt. Bei KBS2 ist mehr drin: Das Fernsehen zahlt die Bahnfahrkarten, die Tickets für die Fähre nach Jeju, die Unterkunft und bis zu drei warme Mahlzeiten am Tag. Plus den Pitcher.

Dafür müssen wir für die Kamera auch koreanische Spezialitäten probieren und überschreiten die Grenze des guten Geschmacks bei einer Pfanne gebratenen Schweinedarms und einer Platte voll rohem Tintenfisch. Dem koreanischen Journalisten fehlen noch Szenen von deutschen Schlachtenbummlern. Wir sagen, Schlachtenbummler finde man nur im Stadion im Spiel gegen Paraguay. Nach zähen Verhandlungen subventioniert uns das koreanische Staatsfernsehen die Tickets für das Achtelfinale. Ich liebe Pay-TV!

Das Achtelfinale ist eine Enttäuschung. Der koreanische Journalist malt uns mit Fingerfarben die Deutschlandfahne auf die Wange, danach lotst er uns hinter das deutsche Tor zu den 50 anderen deutschen Fans, und wir singen ein Geburtstagslied für Oliver Kahn. Damit sind die Höhepunkte des Spiels erzählt.

Rendezvous mit Olli Kahn, die Rückkehr zum Fastfood und die schönsten Fotos der beiden Radler von ihrem Parforce-Ritt durch Europa und Asien

Im zweiten Teil:

Denn das Stadion ist halb leer; die deutschen Spieler kicken, als liefe ihr Biorhythmus noch nach mitteleuropäischer Zeit laufen. Oliver Kahn sagt später: "Das Stadion war nicht voll, das Wetter komisch. Irgendwie herrschte so eine seichte Atmosphäre. Man hat nicht daran gedacht, bei der WM zu sein. Als ich hinter meinem Tor noch ein Geburtstagsständchen hörte, habe ich mich wirklich gefragt, wo ich hier bin."

Dem haben wir nur hinzuzufügen: "Als nach dem Geburtstagsständchen ein leichtes Lächeln über das Gesicht von Kahn huschte, wussten wir, dass heute was nicht stimmt."

Zudem wird unser Freude über das Treffen mit dem deutschen Kulturkreis im Stadion von Jeju gedämpft, weil die deutschen Fans nicht nur quantitativ beschränkt sind. Es wird gesoffen und gepöbelt, was das Zeug hält. Nur unser Kameramann freut sich über klischeegerechte Aufnahmen von den Deutschen. Am Ende singt der Chor "Deutschland ist das schönste Land der Welt". Und, weniger rhythmisch, aber in der Aussage direkter: "Außer Deutschland ist alles Scheiße!" Kevin und ich sehen zu, dass wir das Stadion verlassen.

Die Situation für den WM-Touristen hat sich außerhalb Seouls leider nicht verbessert. Wir schauen das Achtelfinale Belgien gegen Brasilien vor der Großbildleinwand auf dem zentralen Platz der Hauptstadt Jejus mit fünf anderen Koreanern und einem Schotten. Nach zwölf Minuten schalten Ordner den Bildschirm ab - bei so wenigen Zuschauern lohne sich die Übertragung nicht. Die Koreaner bleiben sitzen, sie sind eh nur zum Picknick hierher gekommen. Nur der Schotte flucht.

Pasta macht Italien sympathisch

Wir finden einen Fernseher in einer teuren Kneipe, schimpfen über karibische Schiedsrichter und koreanisches Fußvolk. Allmählich finden wir heraus, was hinter der koreanischen Begeisterung steckt: Hier geht nicht um Fußball. Das Interesse der Gastgeber beschränkt sich ausschließlich auf die Spiele der eigenen Mannschaft - der Motor ist nicht der Sport, sondern einzig Nationalismus. Außer den Toren der eigenen Mannschaft werden nur die Treffer der Gegner Japans bejubelt.

Und vom Fußball haben sie offenbar keine Ahnung. Neben uns sitzt ein koreanischer Taxifahrer und staunt, als in der Halbzeit die besten Szenen des Spiels wiederholt werden. Unsere Dolmetscherin vom Fernsehen übersetzt: "Mann, in den letzten fünf Minuten geht's im Spiel ja drunter und drüber." Der Plan der Fifa, Korea den Fußball und den japanischen Nachbarn näher zu bringen, ist ungefähr so erfolgreich verlaufen wie die französische Titelverteidigung.

Also entschließen wir uns, beim nächsten Korea-Spiel die Fronten zu wechseln: Unsere Sympathien werden wir ab jetzt politisch vorbildlich vom Nationalismusgrad des Landes abhängig machen. Das koreanische TV-Team können wir überreden, uns am letzten Tag in ein italienisches Restaurant einzuladen. Die Pasta ist dem Darm des Schweins dermaßen überlegen, dass unsere Sympathien für die Italiener weiter steigen.

Gruß und Kuss, Euer George Bush

Angesichts des fehlenden Gens (Alkoholabbau) und der Taek-Won-Do-Künste koreanischer Männer bleibt unsere Unterstützung allerdings unauffällig. Vor der Großbildleinwand ziehe ich zur Halbzeit im roten Menschenmeer meine azurblaue Regenjacke an. Allein, es nützt nichts. Tröste dich, Squadra, daheim ist zumindest das Essen besser.

Wir fahren ohne das koreanische Kamerateam und auf eigene Kosten mit der Fähre nach Busan. Wir wollen der deutschen Mannschaft beim Spiel gegen die USA möglichst nah sein. Unseren Kameramann vermissen wir schnell, denn wir müssen wieder im Freien übernachten und bei den Fastfood-Läden einkehren, um Geld zu sparen.

Im Internet lese ich die Glückwünsche des US-Präsidenten an sein Team: "Ich verstehe zwar nicht viel von Soccer, aber ich drücke euch die Daumen. Ihr repräsentiert das beste Land der Welt." Es scheint, als hätte der mächtigste Mann der Welt seine Brüder im Geiste in der deutschen Fankurve getroffen.

Uns ist das Recht. So können wir am Freitag getrost der deutschen Mannschaft die Daumen drücken. Und die Burger hängen uns auch langsam zum Hals raus.

Von Felix Göpel

In den nächsten Tagen bei UniSPIEGEL ONLINE: Endspurt im WM-Turnier - Felix Göpel und Kevin Meisel berichten weiter über ihre Erlebnisse

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter.

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Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher.

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Foto: Felix Göpel
Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.

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Foto: Felix Göpel
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt.

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Foto: Felix Göpel
Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke.

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Foto: Felix Göpel
Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.

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Foto: Felix Göpel
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld...

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Foto: Felix Göpel
Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden.

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Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

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Foto: Felix Göpel


Von Berlin nach Seoul: Fotos von einer langen Radtour - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.


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