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03. Juni 2010, 09:13 Uhr

Guttenbergs Streichliste

Hamburger Bundeswehr-Uni in Gefahr

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Bundesverteidigungsminister Guttenberg muss sparen - die Schließung einer der beiden Bundeswehr-Unis gilt als eine Option. Hamburger Studentenvertreter bangen um ihre Helmut-Schmidt-Universität. Gibt es eine akademische Offiziersausbildung bald nur noch in München?

Kein Ex-Politiker im Opaalter ist in Deutschland so beliebt wie Helmut Schmidt, Altkanzler und Mitherausgeber der "Zeit". Weil Schmidt einst Verteidigungsminister war und 1972 den Anstoß zur Gründung der Hamburger Bundeswehr-Universität gab, weil er obendrein bekennender Hanseat und Ex-Soldat ist, heißt die Hochschule heute nach ihm.

Schmidt erschien dem Hamburger Senat 2003 als besonders geeigneter Namenspatron für die Offiziersschmiede am östlichen Hamburger Stadtrand. Neben dem Glanz, den sein Name bietet, sollte der knorrige Sozialdemokrat auch als eine Art Schutzheiliger wirken - denn eine Helmut-Schmidt-Uni, die würde sicher niemals einer schließen.

Oder?

2010 ist Sparjahr in der Politik, alle Ministerien sollen ihre Budgets beschneiden. Treffen wird es auch den Haushalt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU); sein Etat von gut 31 Milliarden Euro soll spürbar schrumpfen. Darum kocht in Hamburg-Jenfeld eine alte Angst wieder hoch: Die Uni sei von der Schließung bedroht, befürchtet Stefan Quandt, Studentenvertreter an der norddeutschen Bundeswehr-Uni.

Durch die mögliche Schließung, schreibt Oberleutnant Quandt, setze das Verteidigungsministerium "das politische Vermächtnis Helmut Schmidts aufs Spiel". Der Studentenvertreter macht eine einfache Rechnung auf: Wenn die Bundeswehr, wie von Guttenberg vorgesehen, von derzeit gut 250.000 auf 150.000 Soldaten schrumpfen soll, brauche es künftig auch weniger Offiziere. Und eben diese Offiziere sind es, die an den beiden Uni-Standorten der Bundeswehr in Hamburg und München akademisch ausgebildet werden.

Auch die Wehrpflicht könnte fallen

Im Wettbewerb um Führungspersonal werde die Bundeswehr "deutlich an Attraktivität verlieren", warnte Quandt in einer Stellungnahme am Mittwoch. Gerade die Möglichkeit, an der Bundeswehr-Uni bis zum Master zu studieren, trage dazu bei, "dass sich junge Menschen für den Beruf des Offiziers entscheiden".

Hamburg ist mit 3000 Studenten kleiner als der Standort im Münchner Vorort Neubiberg mit rund 4000 Studenten, die im Dienst an der Waffe erprobt sind. Die Unis betonen gern, dass die Studenten in Zivil über den umzäunten Campus laufen und das Studium auch für zahlungskräftige Zivilisten offen steht. Das Gros der Studenten aber sind Zeitsoldaten, die sich auf 13 Jahre an die Bundeswehr binden, um dort studieren zu dürfen - lebensgefährliche Missionen in Afghanistan oder anderswo inklusive.

Ein Bundestagsabgeordneter, der nicht namentlich genannt werden will, bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass "einer der zwei Universitätsstandorte der Bundeswehr laut dem derzeitigen Prüfbericht des Bundesverteidigungsministeriums zur Disposition steht". Das Papier, das die Sparpotentiale bei der Bundeswehr auflistet, liegt derzeit noch im Ministerium und soll am Sonntag zusammen mit den Sparplänen aller anderen Ministerien im Kanzleramt diskutiert werden.

Selbst die Wehrpflicht, die in der CDU bislang nie ernsthaft zur Debatte stand, könnte dann zum 1. Januar 2011 ausgesetzt werden, um Geld zu sparen. Da scheint die Schließung einer der beiden Bundeswehr-Universitäten nicht unmöglich.

"Der Gürtel sitzt am Bauch, nicht am Kopf"

An der Universität der Bundeswehr in Hamburg will man von einer Gefahr für den Standort indes gar nichts wissen. "Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich das für eine Ente", sagte Pressesprecher Dietmar Strey SPIEGEL ONLINE. Es gehe um milliardenschwere Einsparpotentiale im Bundeshaushalt, daher glaube er nicht, dass in Berlin über einzelne Dienststellen gesprochen wird. Von einem Prüfpapier, in dem eine Bundeswehr-Universität zur Disposition stehe, habe er keine Kenntnis. Der Präsident der Helmut-Schmidt-Universität war am Mittwochnachmittag für SPIEGEL ONLINE nicht zu sprechen.

An der Münchner Bundeswehr-Uni war für eine Stellungnahme am Mittwoch niemand zu erreichen. Tobias Grüell, Sprecher der Studentenvertretung an der Bundeswehr-Uni bei München, hat zwar die Pressemitteilung seines norddeutschen Kameraden Quandt erhalten. Darüber hinaus wisse er aber nichts von Sparplänen, die die Universitäten betreffen und werde das auch nicht kommentieren, sagte Grüell SPIEGEL ONLINE.

Den Studenten und Zeitsoldaten Stefan Quandt beruhigen solche Dementies nicht. Dass gespart werden müsse, könne er verstehen, sagt er, und nach der Finanzkrise müssten alle den Gürtel enger schnallen - aber bei den universitär gebildeten Soldaten dürfe man die Einsparungen nicht vollziehen. "Der Gürtel", sagt Quandt, "sitzt am Bauch und nicht am Kopf."

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