Hacker-Novizen "Verhafte mich - ich kenne das Passwort!"

Verbote sind einfach unwiderstehlich. 13 Jugendliche aus Pennsylvania tricksten das Computersystem ihrer Schule aus: für sie nur ein Schülerstreich, für die Behörden gleich ein Verbrechen.


John Shrawder, 15: Rätselt noch, was er Schlimmes verbrochen haben soll
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John Shrawder, 15: Rätselt noch, was er Schlimmes verbrochen haben soll

Im letzten Herbst hatte die Schule in Kutztown, Pennsylvania rund 600 Apple-iBooks an ihre Schüler verteilt. Die Computer waren mit einem Filter ausgestattet, der den Jugendlichen nur eingeschränkten Internetzugang gewährt und unerwünschte Seiten sperrt. Die Aufsicht führenden Lehrer konnten außerdem dank eines speziellen Programms mitverfolgen, was die Schüler auf ihren Monitoren aufriefen.

Das Administrator-Passwort für die PCs war allerdings nicht besonders einfallsreich - und ganz schlecht versteckt: Als Zugangscode diente "50trexler", ein Teil der Schuladresse und obendrein einfach auf die Rückseite der Computer geklebt, wie "USA Today" und andere Zeitungen berichten.

Mäßiger Computer-Sachverstand reichte also, um die Laptops mit Hilfe des Passworts neu zu konfigurieren. Einem Schüler gelang es offenbar, sich auch ohne Passwort die Rechte des Systemadministrators zu verschaffen. Die Schüler besorgten sich Software zum Chatten und verhinderten, dass ihre Aufsicht die Monitore kontrollierte. Sogleich drehten sie den Spieß um und verfolgten nun ihrerseits, auf welchen Seiten der Lehrer surfte.

Im schlimmsten Fall Gefängnisstrafen

Das Passwort wurde dann zwar geändert, aber bei den Schülern der neunten bis zwölften Klasse weckte das mehr den sportiven Ehrgeiz. Sie entschlüsselten es mit einem Programm aus dem Internet, surften weiter ungehindert, quatschten per Instant Messenger und schaufelten sich Musik und Videos aus dem Internet.

Das klingt nach einem harmlosen Schülerstreich, hatte aber verblüffend weitreichende Folgen. Was die Jugendlichen taten, steht nämlich in Pennsylvania unter Strafe: Sicherheitsmaßnahmen bei Computern zu umgehen, gilt dort nicht etwa als kleines Vergehen, sondern gleich als Verbrechen. Deshalb schritt die Polizei ein. Anfang Mai wurde sie von der Schulleitung informiert, am 31. Mai schrieb der für Verbrechensvorbeugung zuständige Mitarbeiter an die Eltern, dass die 13 ertappten Schüler bei der Polizeidienststelle erscheinen sollten, damit ihre Personalien auf- und ihre Fingerabdrücke abgenommen werden.

"Cut us a break": Fanartikel der Kutztown 13

"Cut us a break": Fanartikel der Kutztown 13

Ihnen droht jetzt also eine Anklage als Kriminelle vor dem Jugendgericht. Die Schulbehörde rechtfertigte das als allerletzten Schritt in einer Reihe von Ermahnungen, Verboten und Strafen. Darüber hätten sich die Schüler wiederholt hinweggesetzt. Außerdem, so der Vorwurf, soll mindestens einer der Jugendlichen pornographische Seiten betrachtet haben.

"Sie waren sich darüber im Klaren, dass ihr Tun falsch und verboten war", sagte Jeffrey Tucker, Anwalt der Schulbehörde. "Trotzdem haben sie weitergemacht." Die Eltern verlangten nun, die Kinder für ihre Kreativität noch zu belohnen, so Tucker. "Aber das können wir nicht akzeptieren."

Inzwischen nämlich hat sich eine Initiative von Eltern der "Kutztown 13", wie die Schüler genannt werden, formiert. Sie halten die Strafverfolgung für eine groteske Überreaktion der Schule und der Behörden. Die erste Anhörung vor dem Jugendgericht soll am 24. August stattfinden. Die Gruppe könnte zu Sozialstunden, zu Bewährungsstrafen oder im schlimmsten Fall sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt werden.

"Die Kids sind doch nur neugierig"

Der 15-jährige John Shrawder beklagte, dass die Strafen überhaupt nicht angemessen für die Tat seien. "Es gibt Tausende Erwachsene, die bei einem Stoppschild nicht halten oder zu schnell fahren", sagte er. "Sie wissen, dass das nicht richtig ist, und rechnen mit einem Bußgeld" - aber doch nicht mit einer Anklage wegen einer Straftat. Sollte Shrawder tatsächlich verurteilt werden, befürchtet er negative Folgen für seine Studien- und Berufschancen.

Erboste Angehörigen der Schüler wehren sich jetzt mit Verve gegen die Anklage. Die andere Seite der Geschichte soll eine Webseite erzählen, die John Shrawders Onkel James gestartet hat. "Als Erziehungsberechtigte wollen wir natürlich nicht, dass unsere Kinder in das Verteidigungsministerium einbrechen oder Kreditkarten-Nummer stehlen", so Shrawder. "Aber mit ihren Freunden zu chatten, das kann doch nicht so schlimm sein. Die Kids sind doch nur neugierig."

James Shrawder behauptet, von den gut 300 Schülern der Klassen neun bis zwölf hätten sich an die 100 einen verbotenen Zugang beschafft, aber nur 13 würden jetzt stellvertretend vor Gericht gezerrt. Nicht die Schülergruppe, sondern die Schulverwaltung trage die Verantwortung für das Sicherheitsleck beim Experiment mit dem neuen Computerprojekt. Sie dürfe ihre Probleme nicht beim Gericht abladen, argumentiert der Geschäftsmann.

Auf der Homepage bietet James Shrawder mittlerweile sogar Fanartikel der "Kutztown 13" an - sehr amerikanisch. Unter www.cutusabreak.org (etwa für: Halt mal die Luft an) kann man T-Shirts und Sticker bestellen, auf denen zum Beispiel steht: "Verhafte mich - ich kenne das Passwort!"


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