Mediziner in der Ausbildung Warum man seine Zähne freiwillig von einem Anfänger behandeln lassen sollte

Bohren, füllen, spritzen - angehende Zahnärzte müssen das bei echten Patienten üben. Doch es gibt zu wenig Freiwillige. Die Hamburger Studentin Natascha Bruhn erklärt, warum man vor ihr keine Angst haben muss.
Zahnmedizinstudenten an der Universität Bonn (Archivbild)

Zahnmedizinstudenten an der Universität Bonn (Archivbild)

Foto: Ulrich Baumgarten/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Frau Bruhn, Sie wollen Zahnärztin werden, haben aber Sorge, dass Ihr Zeitplan ins Rutschen gerät - weil Sie zu wenig Übungspatienten haben, die Sie behandeln können. Was ist da los?

Natascha Bruhn: Ab dem siebten Semester müssen wir in zwei Kursen richtige Patienten behandeln. Bestimmte rechtliche Grundlagen wie die Approbationsordnung für Zahnärzte und die Prüfungsordnung der Uni geben vor, welche Behandlungen bis zum Abschluss des Studiums durchgeführt werden müssen - dazu gehören Füllungen, Kronen, Prothesen, Wurzelkanalbehandlungen. Eben fast alles, was ein niedergelassener Zahnarzt in seiner Praxis anbietet. Richtig behandeln kann ich in unserem Studierendenkurs am UKE aber nur, wenn ich auch geeignete Patienten dafür habe. Und genau die fehlen uns immer wieder.

Zur Person
Foto: Christina Beer

Natascha Bruhn, Jahrgang 1993, studiert im 10. Semester Zahnmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Sie engagiert sich außerdem in der Fachschaft und ist seit drei Jahren in deren Vorstand.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Bruhn: Wenn die Kursauflagen zum Beispiel vorschreiben, zwei Kronen in einem Studienjahr zu machen, ich aber keine Patienten mit diesem Behandlungsbedarf habe, dann kann es sein, dass ich das Semester im schlimmsten Fall wiederholen muss. Entsprechend länger dauert es bis zum Examen und damit auch bis zum Einstieg in das Berufsleben. Leider ist in unserem Studium das Bestehen der Kurse nicht nur von unseren eigenen Leistungen abhängig, sondern eben auch von einem zusätzlichen Faktor: dem Patienten. Wir freuen uns also über jeden, der Lust hat, sich von uns behandeln zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben die Leute einfach Angst vor Ihnen, weil Sie zu wenig Erfahrung haben.

Bruhn: Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Vom ersten Semester an üben wir jede mögliche Behandlung an Kunststoffmodellen. Und selbst Spritzen haben wir uns als erstes gegenseitig gegeben. Jeder von uns hat Hunderte Plastikzähne geschliffen. Keine Sorge, bevor es an den ersten Patientenkontakt geht, haben wir alle grundlegenden Techniken gelernt und genügend Zeit bei älteren Studierenden assistiert. Außerdem werden die einzelnen Arbeitsschritte immer von erfahrenen Zahnärzten begleitet und von mindestens einem Oberarzt der Klinik kontrolliert. Es gilt also mindestens ein Sechs-Augen-Prinzip. Die Patienten bekommen damit eine richtig gute, fundierte Behandlung. Das eigentliche Problem ist: Viele Menschen wissen nicht, dass sie sich am UKE eben auch im Studierendenkurs behandeln lassen können.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie nicht einfach mehr Werbung machen?

Bruhn: Das tun wir längst. Viele von uns haben Familienangehörige und Freunde angesprochen, wir behandeln unsere Eltern und Geschwister und manchmal sogar Ex-Freunde. Wir trommeln wirklich sehr dafür, dass wir genug Patienten bekommen. Außerdem gibt es regelmäßige Flyeraktionen und Ähnliches. Aber das reicht nicht, obwohl uns auch die Direktion der Zahnklinik tatkräftig unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Universität dann nicht einfach die Anforderungen ändern?

Bruhn: Nein, die Approbationsordnung ist eine bundesweite Regelung. Außerdem wollen wir ja nicht die Qualitätsanforderungen an uns heruntersetzen - Sie möchten ja auch nicht in einer Praxis von einem Zahnarzt behandelt werden, der die Behandlungen gerade zum ersten Mal macht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dieses Problem nur bei Ihnen in Hamburg?

Bruhn: So eine Patientenknappheit in den Ausbildungskursen besteht bundesweit. Kommilitonen von anderen Unis berichten ebenfalls, dass ihnen die Leute fehlen. Es gab auch schon Universitäten, bei denen halbe Jahrgänge aufgrund fehlender Patienten nicht am Staatexamen teilnehmen konnten. Daran kann niemand Interesse haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie überzeugen Sie mich also, als Patient zu Ihnen zu kommen?

Bruhn: Sie bekommen bei uns eine Behandlung nach allen Regeln der Kunst und auf der Basis der neuesten zahnmedizinischen Erkenntnisse. Außerdem gibt es die Behandlungen bei uns zu guten Konditionen; mehrere Zahnärzte sind in die Therapieplanung und die Behandlung involviert. Dazu kommt noch, dass sich oft ein wirklich enges, vertrauensvolles Verhältnis zwischen Studierenden und Patienten entwickelt. Wir hatten auch schon Patienten, die sich extra für den Behandlungskurs während des Examens Urlaub genommen haben, weil sie sich im Studierendenkurs so gut aufgehoben gefühlt haben und ihre angehenden jungen Zahnärzte unterstützen wollten. Und vielleicht finden Sie auf diesem Weg ja auch den Zahnarzt Ihres Lebens, bei dem Sie sich in den nächsten Jahren einfach gern weiter behandeln lassen wollen.