Hamburger Ehrendoktor für Putin
Man spricht Deutsch und tauscht Doktorhüte
Die Universität Hamburg verleiht dem russischen Präsidenten einen Doktortitel ehrenhalber. Denn ein Doktorhut steht Wladimir Putin, nach Auskunft seiner Töchter "von Beruf Spion", ausgezeichnet. Und fördert zugleich so schön die Handelskontakte zur Hansestadt.
Freundschaft hat ihren Preis, sie verdient ihn auch. Ljudmila Putina etwa,
die Frau des russischen Präsidenten, spricht Deutsch und hat zusammen mit
ihrer Kollegin Doris Schröder-Köpf allerlei für die deutsch-russische
Annäherung getan: Die beiden veranstalteten einen Wettbewerb von Schülern
und Studenten "Gemeinsam ins 21. Jahrhundert" zwecks Verbreitung der
deutschen Sprache in Russland. Dafür, für "ihr Engagement bei der Pflege
und Weiterführung der deutschen Sprache als Fremdsprache in Russland",
empfing Frau Putina vom Dortmunder Verein Deutsche Sprache den
Jakob-Grimm-Preis 2002.
Da darf der Ehemann, der ja auch Deutsch spricht und sich für die Pflege
deutscher Eigenarten in Russland engagiert, nicht leer ausgehen. Was tun?
Voriges Jahr empfing sein Freund Schröder, der Kanzler, in Putins
Heimatstadt St. Petersburg einen Ehrendoktorhut. Der würde gewiss auch den
Präsidenten schmücken, am besten aus der Partnerstadt Hamburg.
"Was ist euer Vater von Beruf?" - "Spion!"
Dort hat man die Bedeutung dieses Staatsmannes schon erkannt, als er noch Anfang der
neunziger Jahre einer der Vize-Bürgermeister von St. Petersburg war und ein
halbes Dutzend Mal an die Alster reiste, samt Ehefrau Ljudmila und
wiederholt auch mit den beiden Töchtern, die in Hamburg sogar ein paar
Wochen zur Schule gingen. So kam irgendjemand aus der Freien und
Hansestadt, in der ein bemerkenswerter Teil des deutschen Osthandels
abgewickelt wird, auf die freundschafts- und wirtschaftsfördernde Idee, den
Russen von der berühmten Universität am Ort promovieren zu lassen,
ehrenhalber.
Putin hat Jura studiert, also kam ein Dr. juris in Frage. Allerdings
ereignete sich sein Studium der Rechtswissenschaften von 1970 bis 1974, zu
einer Zeit also, als Russland kein Rechtsstaat war und an der Leningrader
Uni gelehrt wurde, was ein aufstrebender junger Mann für seine
anschließend eingeschlagene Laufbahn braucht: beim Staatskomitee für
Staatssicherheit, abgekürzt KGB.
Dort reüssierte er über eine Agententätigkeit in Dresden bis zum Chef der allmächtigen Geheimpolizei. In
der Hamburger Schulklasse antworteten die Putin-Töchter auf die Lehrerfrage
nach dem Beruf des Vaters munter: "Spion!". So zauderte denn die Hamburger
Juristen-Fakultät, diesen Rechtswahrer für seine wissenschaftlichen
Verdienste zu ehren.
Keine Einsicht in Putins Dissertation
Er hat schon einen Doktorhut, und nicht nur ehrenhalber, sondern nach
ordentlicher Ablieferung einer Dissertation. Ursprünglich wollte er über
ein Thema aus dem Wirtschaftsrecht promovieren, die
Meistbegünstigungsklausel. Dann war er aber mit dem St. Petersburger
Wahlkampf beschäftigt und kam nicht dazu.
Leicht und schnell ging es hernach bei einem Freund, dem Professor Wladimir Litwinenko. Der leitet die
St. Petersburger Bergakademie, war schon mal Bildungsminister und
Rohstoffexperte der Regierung, ist außerdem Präsident des örtlichen
Verfassungsgerichts und wird demnächst wohl, wenn das Allrussische
Verfassungsgericht von Moskau nach St. Petersburg umzieht, allrussischer
Verfassungsgerichtsvorsitzender - ein einflussreicher Mann.
Für ihn verfasste das Vize-Stadtoberhaupt so ganz nebenbei seine Arbeit
unter dem Titel: "Die strategische Planung der Produktion mineralischer
Rohstoffbasen der Regionen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen." Schon
war er Dr. jur. Putin. Für eine Einsichtnahme durch Unbefugte in den
Bibliotheken ist der Text gesperrt.
Solch einschlägiges Thema müsste jetzt genügen, ihm den Ehrendoktor der
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät von Hamburg zu
verleihen. So wurde es denn auch am 21. Dezember 2003 beschlossen. Zufall:
Das geschah an Stalins 125. Geburtstag.
Gut behütet bei der Hamburg-Visite
Putin, der Deutschen-Freund, der beispielsweise in Sachen einer Herausgabe
des erbeuteten Privatarchivs von Deutschlands großem Außenminister Walter
von Rathenau seine eigene Rechtsansicht vertritt, möchte im
Herbst Hamburg besuchen. Da trifft er auf den Kommilitonen Schröder,
besucht die Tagung des deutsch-russischen St.Petersburger Dialogs zur
Förderung der Zivilgesellschaft und lässt sich honoris causa als
Wissenschaftler behüten.
Er hält Hamburg für die schönste deutsche Stadt, neben Dresden natürlich.
Doch bei aller Liebe, auch zum Kommerz: Zur althergebrachten
Matthiä-Mahlzeit der Hamburger Kaufleute geht er nicht mehr. Dort war er
1994 Gast, als Estlands Präsident Lennart Meri die Festrede hielt und
Unhöfliches über die"imperialistische Kräfte in Russland" vortrug.
KGB-Oberst Putin stand auf und verliess mit knallenden Absätzen die
Festivität.
So etwas darf einem Dr. jur. Dr. rer. pol. h.c. Putin nicht noch
einmal passieren. Weil Freundschaft ja auch ihren Preis hat.
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