Hamburger Hochschulpolitik Abschied vom Überflieger

Berater-Deutsch kann er schon. Als allzeit alerter Wissenschaftssenator pflügte Jörg Dräger Hamburgs Uni-Landschaft um und führte Studiengebühren ein. Nach sieben Jahren in der Politik wird er nun Chef beim privaten Centrum für Hochschulentwicklung - eine Bilanz.

Von Per Hinrichs


Am Schluss des Gesprächs hält er das erste Mal inne, bevor er antwortet. Führt die Hand zum Kinn, sieht aus dem Fenster. Jetzt nichts Falsches sagen, die Antwort muss sitzen, sonst heißt es wieder: typisch Dräger. Typisch Unternehmensberater, Wissenschaftsmanager, brutalstmöglicher Reformer. Also, Herr Senator, wozu ist die Universität da?

Ungeliebter Reformer: Studenten protestieren gegen Drägers Hochschulpolitik
DDP

Ungeliebter Reformer: Studenten protestieren gegen Drägers Hochschulpolitik

"Sie muss Motor der gesellschaftlichen Fortentwicklung sein", sagt er dann. Und sie müsse Studenten ausbilden. Und natürlich forschen.

Das könnten Politiker von der Linken bis zur CSU getrost unterschreiben. Geht doch.

Es ist eines der letzten Interviews, die Dräger als Hamburger Wissenschaftssenator in diesen Tagen gibt. Am 1. Juli wechselt er nach fast sieben Jahren in der Politik zum Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), einer Bildungsorganisation der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. Kaum jemand habe die Universitätslandschaft in Hamburg so verändert wie er, sagen seine Freunde.

Klaus von Dohnanyi gehört zu Drägers Fürsprechern. Der Sozialdemokrat preist ihn als "den vermutlich wirkungsvollsten Wissenschaftsenator seit 1945" in Hamburg. Kein Wunder: Dräger setzte viele Ideen um, die Dohnanyi in einem Strategiepapier über die Zukunft der Hamburger Hochschulen 2003 formuliert hatte.

"Bulldozer im Dreiteiler"

Manche Politiker versuchen, die Menschen mitzunehmen, wenn sie Reformen anpacken müssen. Dräger setzte sie einfach durch, zack, zack! Wenn etwas richtig ist, warum muss man dann noch groß diskutieren?

"Bulldozer im Dreiteiler" nannte ihn die "tageszeitung". Seine Gegner werfen ihm vor, er habe die Geisteswissenschaften kaputtgespart, kümmere sich vorwiegend um die Elite und wirtschaftskompatible Studiengänge.

Der Mann polarisiert. Die einen halten den eloquenten Sonnyboy für smart, die anderen für aalglatt. Für manche ist der frühere Unternehmensberater ein Karrierist, andere sehen ihn als "High Potential", den seine Talente zu Recht so früh nach oben brachten.

Der Senator hört in einem Alter auf, in dem andere gerade erst ministrabel wären. "Ich will mit 40 noch mal was anderes machen und nicht als Politiker in Rente gehen", erklärt er seinen Abschied. Ob er sich bewusst ist, dass da ein Hauch Arroganz mitklingt? Da blickt einer zurück, der mit sich ganz zufrieden ist.

Dräger genießt das Etikett des ewigen Jungmanagers, des Paradiesvogels, des Überfliegers. Er lebt ja davon. Sein Lebenslauf wird, je nach Sichtweise, entweder staunend oder abschätzig referiert. Zwei Jahre Physikstudium in Hamburg. Mit 22 Jahren Beginn der Promotion an der Cornell University in Ithaca, New York (natürlich eine Elite-Uni). Dann Unternehmensberater bei Roland Berger. 1999 Geschäftsführer des Northern Institute of Technology, einer Ausgründung der TU Hamburg-Harburg. Und damit nichts schiefging, schickte er vor der Landtagswahl 2001 seine Bewerbung als Wissenschaftsstaatsrat los - an die SPD, die die Wahl verlor. Aber Dräger war so gut, dass die anderen ihn auch nahmen. Als Senator.

Endlich durfte er, damals 33, loslegen. Und Dräger startete durch: Bachelor-Master-Reform, Zusammenlegung der Fachbereiche, Uni-Autonomie, Einführung von Studiengebühren.

Wurf mit gefrorener Torte

Eigentlich ist Politik nicht schnell. Entscheidungen müssen vorbereitet und erklärt, Veränderungen verkauft werden, zumal in einer knochenkonservativen Institution wie der Universität. Dräger hielt sich nicht groß an die Gepflogenheiten, und sein Chef, CDU-Bürgermeister Ole von Beust, ließ ihn gewähren und übertrug ihm 2004 zusätzlich die Verantwortung für das Gesundheitsressort.

Aus fast allen Ecken schimpften Studenten und Professoren gegen die Pläne, malten das Ende der Universität und den Untergang des Abendlandes an die Wand. Doch der Senator zog unbeirrbar seine Kreise. Die Proteste gipfelten schließlich im berühmten Tortenwurf von 2004, als ein protestierender Student Dräger eine Torte an den Kopf knallte. Weil sie noch gefroren war, tat der ungewollt harte Aufprall ziemlich weh. "Das ist aber längst abgehakt", sagt Dräger. Und lächelt.

Verlieren, Opfer sein: Das will er nicht. Das kommt in seinem Selbstbild nicht vor. Streit mit der Uni-Präsidentin ums Budget? "Zuspitzung eines Lokaljournalisten, auch von der Präsidentin dementiert." Und der Verlust des Postens als Gesundheitssenator beim Neuzuschnitt der Ressorts 2006? "Ich hatte mich um den Zusatzjob nicht gerissen, da mein Hauptinteresse der Wissenschaftspolitik und nicht der Sozialpolitik galt."

Die Bertelsmann-Sprache beherrscht Dräger

In den vergangenen Monaten verblasste Drägers Strahlemann-Image ein wenig. Im Senat galt er als Abrufkandidat, sollten sich nach der Bürgerschaftswahl neue Mehrheiten ergeben. Die Lokalpresse hielt ihm vor, dass er eine Studie über die "Talentstadt Hamburg" ausgerechnet bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Roland Berger bestellt hatte - für 239.400 Euro, gerade eben unterhalb der Ausschreibungsgrenze. Der Senator beharrte darauf, dass er sich "formal und auch gefühlt" nichts vorzuwerfen habe. Dass in einem Papier der Wirtschaftsbehörde stand, die beanstandete Studie gebe "nur Allgemeingut" wieder, ficht ihn nicht an. "Das war nur eine Einzelmeinung, nicht die Auffassung der Behördenleitung."

Amtsmüdigkeit, nein, so was kenne er nicht. Jetzt freut sich Dräger, der sich selbst gern "Wissenschaftsmanager" nennt, auf das CHE in Gütersloh. Die forschen Ratgeber aus Ostwestfalen haben schon früh für Studiengebühren plädiert und reden gern von "optimierten Verwaltungsabläufen" und "effizienten Studienangeboten". Berater-Deutsch.

Gleichzeitig wird er auch noch Mitglied im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, die das CHE finanziert. Das ist ganz praktisch, denn dann ist er gleich noch sein eigener Chef. Dräger plant dort mit einem "langfristigen Zeithorizont" und will "mehr Denkfreiheit" genießen.

Die Hamburger Hochschulen brauchen nach einer "Phase der großen, aber notwendigen Umwälzungen eine Phase der Ruhe", ist er überzeugt. Es muss ja nicht gleich eine neue Tiefschlafphase sein. Am spannendsten sei für ihn die Frage, wie die Uni ihre neuen Freiheiten, die er ihr im Rahmen der Autonomie gab, nutzen will. Das wird er sich aus der Ferne anschauen - lächelnd.

© UniSPIEGEL 2/2008
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