Hamburger Hochschulreform Fischköppe für die Experten

Der tut nix, der will nur spielen, dachten viele Hamburger Studenten und Professoren zunächst über Jörg Dräger. Doch der alerte Wissenschaftssenator kann auch kräftig zubeißen: Seine Hochschul-Radikalkur sieht weniger Studenten, Abbrecher und Fächer vor - harte Zeiten vor allem für die Geisteswissenschaften.

Von Marion Schmidt


Goldfische als Geiseln: AStA la vista, Baby

Goldfische als Geiseln: AStA la vista, Baby

Ob tot oder lebendig - Fische müssen in Hamburg immer wieder als Symbol für die Hochschulpolitik herhalten. Im vergangenen Jahr nahm der AStA aus Protest gegen das neue Hochschulgesetz drei Goldfische als Geiseln und drohte, sie umzubringen; prompt meldeten sich Tierschützer zu Wort. Und kürzlich knallte ein Studentenvertreter Klaus von Dohnanyi vier Fischköpfe auf den Tisch. Die 500-Euro-Frage: Was wollte er dem Vorsitzenden einer Expertenkommission und früheren Hamburger Bürgermeister damit sagen?

A. Hamburgs Hochschulen fischen im Trüben
B. Der Fisch stinkt vom Kopfe her
C. Hamburg ohne solche Experten ist wie ein Fisch ohne Fahrrad
D. Butter bei die Fische

Die richtige Antwort lautet E - "Ihre Vorschläge sind eiskalt und aalglatt", so Bela Rogalla zu Dohnanyi. Damit wird der Studentenvertreter die Hamburger Reformen allerdings kaum stoppen können. Wissenschaftssenator Jörg Dräger, 35, scheint fest entschlossen zu einem Modernisierungsgesetz, das es in sich hat.

Die "Quadratur des Kreises"

Als der parteilose Senator noch Geschäftsführer des privaten Northern Institute of Technology (NIT) an der TU Harburg war, durfte er schon mal ein bisschen herumexperimentieren mit handverlesenen Studenten aus aller Welt, die für hohe Studiengebühren exzellent betreut wurden und international anerkannte Abschlüsse machten. Damals dachten nicht wenige in der Hamburger Hochschulszene: Der tut nichts, der will nur spielen.

Jörg Dräger: Jung, smart, umstritten
DPA

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Jetzt sitzt Dräger im Senat der Hansestadt und zeigt Zähne: Was im exklusiven NIT-Zirkel klappte, will er jetzt auf alle Hamburger Hochschulen übertragen. Dafür muss die Hochschullandschaft von Grund auf umgekrempelt werden. Und das, ohne dass der Senat einen Euro mehr dazugibt - eine "Quadratur des Kreises", findet Detlef Müller-Böling, Leiter des Gütersloher Centrums für Hochschulentwicklung (CHE): "Wenn das gelingt, würde Hamburg Vorreiter einer deutschen Hochschulreformbewegung."

Müller-Böling gehörte einer Strukturkommission an, die kürzlich einen 122-seitigen Bericht vorlegte. Was davon umgesetzt wird, wird so manches Bundesland aufmerksam verfolgen. Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorekonferenz, verteilte jedenfalls schon mal Lob: "Das Konzept scheint mir aus einem Guss."

Verteilungskampf zwischen Fächern und Hochschulen

Die einzelnen Vorschläge sind zwar allesamt nicht neu, in ihrer Gesamtkonzeption aber tatsächlich nahezu revolutionär: Alle Hochschulinstitute und Fachbereiche sollen aufgelöst und in Sektionen, so genannte Schools, zusammengelegt werden. Studienangebote an verschiedenen Hochschulen, etwa die Architektur, sollen an einem Standort konzentriert und flächendeckend Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt werden. Die staatliche Finanzierung soll nicht mehr an die Zahl der Studienplätze, sondern der Absolventen gekoppelt werden.

Damit steigt der Druck auf die Hochschulen, die Studienbedingungen so zu verbessern, dass möglichst viele Studienanfänger auch einen Abschluss machen. Die Zahl der Studienabbrecher soll von jetzt bis zu 70 Prozent auf etwa 30 Prozent sinken: Einerseits sollen die Studenten besser betreut werden, andererseits die Hochschulen sich so viele Studenten wie möglich selbst aussuchen können. Außerdem sprechen sich die Experten auch für Studiengebühren aus.

Weil all diese Vorschläge mit dem feststehenden Budget umgesetzt werden sollen, muss umgeschichtet werden zwischen Studiengängen und zwischen Hochschulen. "Wir haben möglicherweise nicht die Absolventen, die wir brauchen", sagt Dräger. Der Arbeitsmarkt wird so zum wichtigsten Kriterium für die Hochschulplanung.

Kahlschlag in den Geisteswissenschaften

Schwerpunkte sollen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, aber auch bei der Lehrerbildung gesetzt werden. Ein wahrer Kahlschlag droht indes den Geistes- und Sozialwissenschaften - hier soll die Hälfte aller Studiengänge gestrichen werden, vor allem kleinere Fächer werden der Reform geopfert. Bis zum Jahr 2012 würden so mehrere hundert Studienplätze wegfallen.

Siegfried Weischenberg: "Rufschädigung!"

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Dem Rotstift zum Opfer fallen sollen aber auch Hauptfächer wie Soziologie und Journalistik. Der Studiengang Journalistik könne entfallen, weil er "für die Praxis nichts Wirkliches bringt", meinte Klaus von Dohnanyi, Vorsitzender der Strukturkommission. Daraufhin warf ihm Siegfried Weischenberg, Journalistik-Professor an der Uni Hamburg und Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, sogleich "Rufschädigung" vor.

Die Schlacht um Studiengänge und Studienplätze ist eröffnet: Die Hochschule für Musik und Theater bangt um ihr Hochschulorchester, die Hochschule für bildende Künste will sich nicht von ihren Architekten trennen und fürchtet die Halbierung der Kunst-Studienplätze. Auch Uni-Präsident Jürgen Lüthje warnt vor Streichorgien in den Geistes- und Kulturwissenschaften: "Falls die Stadt an dieser Stelle spart, sägt sie sich selbst den Ast ab, auf dem sie als Medien- und Kulturmetropole sitzt." Von den Studentenvertretern kommt sowieso Kritik.

Blankoscheck für den Senator?

Der Wissenschaftssenator zeigt sich gesprächsbereit, aber auch entschlossen: "Das wird kein Reförmchen, sondern eine tief greifende Reform." Bereits im Juni soll der Senat die ersten Leitlinien dafür verabschieden, dann will Dräger so schnell wie möglich mit der Umsetzung beginnen.

Thomas Oppermann: Lässt Lücke für Dräger
DPA

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Schließlich steht für ihn viel auf dem Spiel. Die Strukturreform ist, so Dräger, "das wichtigste Projekt meiner Amtszeit". Lässt er Federn, ist sein Ruf als Modernisierer angekratzt. Ficht er das durch, dürfte Dräger, der sich gern stärker bundespolitisch profilieren möchte, die Lücke, die Niedersachsens Wissenschaftsminister Oppermann nach der verlorenen Landtagswahl hinterlässt, mühelos ausfüllen.

Einen cleveren Schachzug hat der Senator schon gemacht: Die Zustimmung der Hochschulpräsidenten zu seinem Reformprojekt hat er sich vorsichtshalber schon mal im Vorfeld gesichert. Im vergangenen Jahr ließ Dräger alle unter großem Zähneknirschen eine Absichtserklärung unterschreiben, in der sie sich verpflichten, die Strukturreform zu unterstützen - egal, was dabei rauskommt.



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