Hamburger Uni-Reform Der unwillige Patient

Der Streit um die geplante Hochschulreform in Hamburg wird heftiger. Die Universität träumt zwar von einem Platz in Europas "Champions League", schaltet aber auf Totalverweigerung und gibt sich reformresistent. Unterdessen hat der Wissenschaftssenator eine Morddrohung erhalten.

Von Marion Schmidt


Uni Hamburg: Von Exzellenz noch weit entfernt
GMS

Uni Hamburg: Von Exzellenz noch weit entfernt

Den Hamburger Hochschulen steht eine Radikalkur bevor, doch die Patienten wollen davon nichts wissen - sie wollen sich lieber selbst heilen. Und halten sich eigentlich sowieso für pumperlgesund. So jedenfalls liest sich die am Montagmittag von der Uni der Hansestadt vorgelegte Stellungnahme zu den Empfehlungen der Strukturkommission, die diese Radikalkur verordnen möchte.

Wissenschaftssenator Jörg Dräger hatte eine Expertengruppe unter Leitung des früheren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi eingesetzt, die Ende Januar ihren Bericht vorlegte und eine umfassende Umgestaltung der Hamburger Hochschullandschaft anregte. Heftig kritisiert Uni-Präsident Jürgen Lüthje nun die Arbeit der Kommission - die Zeit von nur drei Monaten sei viel zu kurz für eine qualititative Begutachtung und eine methodisch abgesicherte Analyse.

Reformstau für Anfänger und Fortgeschrittene

Lüthje will daher noch einmal eine eigene Expertenkommission beauftragen. Deren Ergebnisse wird der Senat der Hansestadt aber wohl nicht abwarten, denn bereits im Juni sollen erste Entscheidungen zur Umsetzung der Reform fallen.

Uni-Präsident Lüthje: Ohne uns
DDP

Uni-Präsident Lüthje: Ohne uns

Ein Kniefall der Uni vor dem Senator war kaum zu erwarten, doch die neue Stellungnahme kommt einer Totalverweigerung gleich. So ist die Uni etwa nicht bereit, in den Geisteswissenschaften Studienfächer zu streichen. Sie widersetzt sich der flächendeckenden Einführung gestufter Bachelor-/Master-Studienabschlüsse ebenso wie dem Kommissionsvorschlag, den Zugang zum Master durch Quoten zu regeln. Fast schon trotzig weigert sich die Uni, Stellen umzuschichten und Lehrdeputate zu erhöhen. Mehr Betreuung, heißt es in dem Papier, gibt es nur mit mehr Geld. Und weil es nicht mehr Geld gibt, gibt es auch nicht mehr Betreuung - so einfach ist das.

Das 79-Seiten-Werk, das Lüthje am Montag vorlegte, trägt den ebenso hoch trabenden wie irreführenden Titel "Zukunftsprogramm - Exzellenz und Vielfalt". Beides geht wohl kaum. Doch schon jetzt verhängt sie für nahezu alle Fächer einen örtlichen Numerus clausus. Zwar begrüßt die Uni die Möglichkeit, sich mehr Studenten durch Auswahlverfahren selbst aussuchen zu können - nur will sie davon keinen Gebrauch machen und die Eignung statt durch "selektive Zulassungsverfahren" lieber durch studienbegleitende Verfahren überprüfen.

Exzellenz? Das Feld von hinten aufrollen

Mit "20 Schritten in die Zukunft" strebt die Hochschule "hervorragende Arbeitsbedingungen" für Studenten wie Wissenschaftler an. "Unser Ziel ist es, im Jahr 2012 in der europäischen 'Champions League' exzellenter Universitäten mitzuspielen", kündigt Lüthje vollmundig an.

Senator Dräger: Radikalkur geplant
DPA

Senator Dräger: Radikalkur geplant

Der Weg ist weit. Zwar gelten einzelne Zweige der Universität, etwa das Orient- oder das Übersee-Institut, als herausragend. Aber in einem Großteil der Fachbereiche sind die Studienbedingungen miserabel bis katastrophal. Die Universität Hamburg ist chronisch unterfinanziert und überlastet, bei Bibliotheken und Laboren hapert es an der Ausstattung, in fast allen Fachbereichen klagen die Studenten über schlechte Betreuung.

Von der jetzt beschworenen Exzellenz wissen die Hochschulranglisten wenig. So landete die Hamburger Uni beim letzten Ranking vom "stern" und dem Centrum für Hochschulentwicklung fast durchweg in der Schlussgruppe - ob in Medizin, Germanistik, Jura oder Biologie. Beim Ländervergleich kam die Hansestadt auf den letzten Rang. Und als die "Wirtschaftswoche" im Februar Deutschlands Personalchefs nach ihren akademischen Favoriten befragte, war Hamburg unter den Top Five nirgendwo vertreten.

Morddrohung per E-Mail

Der Reformbedarf ist offenkundig und wird von der Uni auch nicht bestritten. Nur der Weg dahin entzweit Präsidium und Behörde. Statt Radikalreform will Lüthje lieber kleine Veränderungen, um die vielen Professoren nicht zu verschrecken, die noch fröhlich ihre Pfründe aus Zeiten der Bildungsexpansion pflegen. Immerhin sollen die vielen kleinen Institute und Fachbereiche in sechs "schools" zusammengefasst werden sollen, mit eigenen Vorständen. Offenbar erhofft die Uni eine Art Kannibalisierung, bei der mittelfristig einige Fächer wegfallen.

Ohnehin geht es hinter den Kulissen konstruktiver zu, als es davor aussieht. "Das wird alles nicht so heiß gegessen, wie gekocht", wiegelt die Behörde für Wissenschaft und Forschung ab, da sei auch viel "Show" dabei. Lautes Wortgeklingel und heftige Proteste ist die Behörde ohnehin seit Wochen gewöhnt - bis hin zu einer Morddrohung gegen Wissenschaftssenator Jörg Dräger.

In der vergangenen Woche wurde ein 30-jähriger Mann festgenommen, der unter anderem den Wissenschaftssenator in einer E-Mail mit dem Tode bedroht haben soll, wenn dieser den Entwurf für das Hochschulmodernisierungsgesetz nicht zurücknehme. Der Mann, vermutlich ein Student, hatte sich offenbar über den Rechner der Uni bei einem russischen Server eingewählt und von dort die Mails verschickt. In der Wissenschaftsbehörde lässt man sich davon zwar nicht einschüchtern, nimmt das Schreiben gleichwohl sehr ernst, so Sprecherin Sabine Neumann. Nun ermittelt die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamtes.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.